Trauer um David Bowie

Nachruf: Berlin inspirierte Bowie zu seinen besten Songs

David Bowie wurde verehrt wie kaum ein zweiter Popstar. Sein Tod reißt eine riesige Lücke. Ein Nachruf.

Das Leben hat einen seiner größten Fans verloren. David Bowie genoss es in vollen Zügen. Den Ruhm, den Champagner, die Frauen, die Männer, den Sex, die Drogen und all die Kunst, die er aufsog wie allzu lang das Aroma seiner oft täglich mehrfachen Packungen Gitanes. Zuletzt überwogen die schlichten Freuden: Familie, Arbeit. Ein wenig Frühsport nach dem Aufstehen: Als sein Freund und Produzent am Freitag den 400 Fans, die in Bowies altem Kreuzberger Studio den 69. Geburtstag ihres Idols feierten, in einer fidelen Videobotschaft ein Foto von sich und David im Schweizer Schnee zeigte, sahen die Fans den Meister nicht cool ausstaffiert, sondern in den üblichen Lollipop-Farben von Skikleidung, in denen alle Welt gleich dämlich aussieht. Selten wirkte Bowie menschlicher als auf dem Erinnerungsfoto seines alten Kumpels Tony. Am Montagfrüh wurde bekannt, dass David Bowie tot ist.

Auf seiner Facebookseite erschien am Morgen die Erklärung: „David Bowie starb heute früh, umgeben von seiner Familie, nach einem 18 Monate währenden couragierten Kampf gegen eine Krebserkrankung.“ Sein Sohn Duncan schrieb via Twitter: „Ich bedaure es sehr, die Nachricht bestätigen zu müssen. Ich werde eine Weile offline bleiben. Love to you all.“

Aus aller Welt brachten Rockmusiker, Schauspieler, Künstler und Politiker ihre Trauer zum Ausdruck. Seit der Ermordung John Lennons 1980 wurde keinem Rockmusiker mehr so viel Verehrung erwiesen.

Bombenkrater und schlechte Lebensmittelversorgung

Bowie selbst wuchs im England der vier Beatles auf. Am 8. Januar 1947 im Londoner Stadtteil Brixton als David Robert Jones geboren, prägten Bombenkrater und schlechte Lebensmittelversorgung sein frühes Leben. Seine spätere Faszination für zerstörte Welten, kaputte Biografien und George Orwells Roman „1984“ nahm hier ihren Anfang.

Sein Vater Haywood Jones hatte mit den königlichen Füsilieren der britischen Armee in Frankreich, Nordafrika und Europa gekämpft, bevor er zu seinem Beruf im namhaften Dr. Barnardos Heim für Kinder zurückkehrte, ein majestätischer Gebäudekomplex im Londoner East End. Davids Mutter war Peggy, die als Kellnerin im Ritz Cinema arbeitete, als Haywood sie kennenlernte. In die Ehe brachte sie einen Sohn aus einer früheren Beziehung ein. Der zehn Jahre ältere Terry würde entscheidend dafür verantwortlich sein, dass aus einem der unzähligen Jones’ Großbritanniens ein Bowie werden sollte.

Es ging Familie Jones nicht schlecht. Haywood Jones war einer jener Patrioten, die anlässlich der Krönung Elizabeths 1953 einen Fernseher anschafften und vor den Augen der kleinen staunenden Familie im Wohnzimmer aufstellte.

Noch begeisterter war David allerdings von der Science Fiction-Serie „The Quatermass Experiment“. Sonnabends, wenn ihn seine Eltern schlafend wähnten, schlich er sich ins Wohnzimmer und schaltete ein. „Danach ging ich, steif vor Angst, zurück ins Bett“, erinnerte er sich später. Ein elektronisches Medium, königlicher Glam, krude Zukunftsstorys aus einer Serie, deren Titel Gustav Holsts „Mars, der Kriegsbringer“ war – der spätere Gründer der „Spiders from mars“ hatte sein Rüstzeug. Fehlte nur noch die Musik.

Bowies Biograf Chris O’Leary schreibt, Terry habe ihm „vom tibetanischen Buddhismus bis zum Jazz“ viel nahegebracht. Als Bowie und seine Frau Angela später vor London in einem heruntergekommenen Herrenhaus lebten, war Terry oft zu Gast. In dieser Zeit machte Bowie, der Songwriter, eine gewaltige Entwicklung, meint O’Leary, etwa mit dem Stück „Life on Mars“.

Seit den frühen 60er-Jahren hatte Bowie versucht, sich im Swinging London als Musiker durchzusetzen. Der schwarze Sänger Little Richard, bekannt für seine durchgeknallten Bühnenshows, bei denen er nicht selten als dramatischen Höhepunkt minutenlang und scheinbar soeben vom Rock ’n’ Roll-Schlag getroffen, wie tot auf der Bühne zusammenbrach, zählte zu David Jones’ Idolen. Während das Werbegeschäft kommerziell und stilistisch mit gewagten, funkelnden, fantastischen Designs in die Zukunft fernab des Nachkriegsmuffs wies, verdingte sich der zeichnerisch begabte Jones bei einer Agentur.

Die erste Platte unter dem Namen David Bowie brachte er 1967 heraus – eine der vielen Enttäuschungen, die Bowie bis zu seinem Durchbruch 1972 erlebte. Bis dahin versuchte er es in unterschiedlichen Looks. Als Mod, Chansonnier, in einer Tanzgruppe, zuletzt als Hippie. Auf das richtige Marketing kam es an, hatte Bowie im PR-Business gelernt. Mit immer neuen Images, flotten Sprüchen und Philosophien Aufmerksamkeit zu erzielen: Das blieb seine Strategie bis zuletzt.

Nach ausgiebigen, aber bemerkenswerterweise offenbar nie restlos entmutigenden Erfahrungen mit der Erfolg­losigkeit und dem Ein-Hit-Wunder-Song „Space Oddity“ über den – im wahrsten Sinne des Wortes – abgespace­ten Astronauten Major Tom, war es dann die Figur des „Ziggy Stardust“, mit der Bowie einen künstlerischen Siegeszug begann. Wie kein anderer Musiker machte er dieses Jahrzehnt zu seinem.

„Die einzige Kunst, die ich je studieren werde, ist die, von der ich stehlen kann“, hat er einmal gesagt. Und Bowie war der Serientäter des Rock. Seine Schlaghosen 1971 waren reinste Katharine Hepburn, viele Kostüme japanisches Kabuki-Theater, das Cover des Albums „Tonight“ (1984) verwies auf das Künstlerduo „Gilbert & George“. Seine Musik und Shows zeigten, was bei Bowie aktuell im Bücherregal stand.

Bei einem dieser Konzerte stand die 15-jährige Madonna Louise Ciccone im Publikum. Ihr Haus hatte sie über das Kinderzimmerfenster verlassen. Später, sagte sie, sie sei „wie ausgetauscht“ nach Hause gekommen. In den 80ern übernahm sie, wenn auch intellektuell erheblich tiefergelegt, das Spiel mit den Stilen, die „Methode Bowie“. Epigonen von Lady Gaga bis Miley Cyrus folgten.

Deutsche Nachkriegskultur von Fassbinder bis Kraftwerk

Kaum einer verstand es wie Bowie, soziale Trends zu spüren und sich zu eigen zu machen. Das Thema Geschlechterrolle besetzte er Anfang der 70er-Jahre, indem er von schwulem Sex sang und sich als bisexuell erklärte. Danach schaute er sich die junge deutsche Nachkriegskultur von Fassbinder bis Kraftwerk aus der Nähe an und zog nach Berlin, um von dort der Welt von einer Stadt zu erzählen, die ihn mit ihrem Schutt, ihren Ratten, ihrer „Hurra wir leben noch“-Haltung zurück in die Kindheit versetzt haben muss.

Als führender Miterfinder des Rock ’n’ Roll-Lifestyles mit Koks und Groupies und einer Tüte Milch statt vernünftigem Mittagessen, hatte Bowie häufig mit dem Tod kokettiert. Im Juni 1992 sprach er noch ein lebensumarmendes „Ja“, als er das Model Iman heiratete. 2000 kam ihre Tochter Alexandria zur Welt. Zwölf Jahre später trafen ihn die Folgen der Exzesse von einst. Nach einem Auftritt beim deutschen Hurricane Festival erlitt er 2004 einen Herzinfarkt. Neun Jahre lang herrschte danach weitgehend Funkstille, bis er sich 2013 mit einem neuen Stück zurück meldete. „Where are we now“ war eine Reminiszenz an sein West-Berlin. Ein Album folgte. Fans und Kritik erwarteten, dass es nun munter so weitergehen würde. Vielleicht ohne Interviews und Konzerte, die er verweigerte, aber doch mit regelmäßigen Veröffentlichungen.

Berliner trauern um David Bowie
Berliner trauern um David Bowie
Video: BM Video

Doch es gab Signale, dass es anders kommen würde: Die „Best of“-Box von 2014, in der seine Stücke entgegen der chronologischen Reihenfolge liefen, zurück zu den Songs eines noch lebenslustig-naiven David im Teenie-Alter. Sein Dezember-2015-Debüt als Autor eines Musicals war nach dem biblischen Jenseits-Rückkehrer „Lazarus“ benannt. Dann die Weltuntergangszenarien im ersten neuen Song und Video des neuen Albums, das als erste seiner 28. Platten auf dem Frontcover kein Bild Bowies zeigt. Und ein „Blackstar“? Das ist ein Materieklumpen, der am Ende seiner Existenz dem Zerfall überlassen ist.

Seine letzten Promo-Bilder zeigen ihn mit festem Blick. Der Mann, der sein Leben lang steuerte, wie ihn die Welt sehen sollte, hat bis zuletzt jenes Bild bestimmt, das von ihm bleiben soll. Ein schmaler Mann. Schön, faszinierend. Auf alles gefasst.

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