Hochschule und Politik

Vergabe der Studienplätze gerät erneut zum Chaos

Ein modernes Verfahren sollte die Vergabe von Studienplätzen besser regeln. Nun sorgt es aber für neuen Studentenfrust.

Manche Erstsemestler müssen in überfüllten Hörsälen ausharren. Andere Studienplätze bleiben hingegen totz der vielen Bewerber unbesetzt

Manche Erstsemestler müssen in überfüllten Hörsälen ausharren. Andere Studienplätze bleiben hingegen totz der vielen Bewerber unbesetzt

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Wer in diesem Wintersemester einen der heiß begehrten Studienplätze mit Zulassungsbeschränkung durch Numerus clausus (NC) ergattert hat, darf sich glücklich schätzen.

Doch in Tausenden Fällen knirscht es auch jetzt wieder bei der Vergabe über das Bewerbungsportal „hochschulstart.de“ - zur Enttäuschung vieler Studenten und zum Ärger von Bildungsexperten. Sie fragen sich, ob Politik und Hochschulen einfach so weiterwursteln wollen.

Im Wintersemester 2014/15 konnten mehrere tausend Studienplätze nicht über das Dialogorientierte Serviceverfahren (DoSV) der Stiftung für Hochschulzulassung vergeben werden. Insgesamt blieben bundesweit wohl gut 21 000 unbesetzt. Das ergab die Recherche des ZDF-Magazins „Frontal 21“.

Mangelhafte Teilnahme und Mehrfach-Bewerbungen dämpfen den Erfolgskurs

Der Anteil unbesetzter NC-Plätze stieg damit von 4,8 auf 6,3 Prozent. Dabei hatte das computergestützte DoSV-System 2008 mit hochfliegenden Erwartungen die stets umstrittene Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) abgelöst, die aber immerhin „halbwegs funktioniert“ habe, wie das Deutsche Studentenwerk konstatiert.

Doch zwei Konstruktionsfehler machen „hochschulstart.de“ seit Jahren zu schaffen. Zum einen die mangelhafte Teilnahme der staatlichen Hochschulen an der Online-Datenbank: Nur die Hälfte machte vor dem Wintersemester 2015/16 beim Vergabeverfahren mit. Zum anderen bereiten Mehrfach-Bewerbungen der Studenten, die auf Nummer sicher gehen wollen und so Studienplätze blockieren, Probleme.

Dieses Dauer-Dilemma brachte die Linksfraktion im Bundestag derart in Rage, dass sie Ende September eine Anfrage an die Regierung richtete. „Seit dem Jahr 2006 hat der Bund ausdrücklich die Kompetenz, die Hochschulzulassung bundeseinheitlich zu regeln“, sagte Linke-Hochschulexpertin Nicole Gohlke.

„Dass auch die jetzige große Koalition davon keinen Gebrauch macht, spricht Bände.“ Es bestehe offensichtlich weder das Interesse, die Teilnahme der Hochschulen am Verfahren verbindlich zu regeln, noch die Jahr für Jahr hohe Zahl an unbesetzten Plätzen aufgrund von Mehrfachbewerbungen endlich auszuschließen, so Gohlke.

Alles halb so schlimm?

Die Forderung der Linken nach einem Bundeshochschulzulassungsgesetz stößt bei der Regierung jedoch auf taube Ohren. Dies sei keine Frage der rechtlichen Regelung von Zulassungsmodalitäten, sondern des „praktischen Verfahrens, das allein in der Verantwortung der Länder und ihrer Hochschulen liegt“, heißt es aus dem Bildungsministerium.

Auch sonst hält sich das Ressort von Johanna Wanka (CDU) mit einem Anschub für das kränkelnde Vergabesystem zurück und verweist auf die Zuständigkeit der Stiftung. Und: „Nach Auffassung der Bundesregierung kann aus der Zahl der unbesetzt gebliebenen Studienplätze kein Rückschluss auf die Zahl möglicherweise unversorgt gebliebener Bewerber gezogen werden.“ Eigentlich alles halb so schlimm?

Der Bund habe sich „seit 2012 komplett aus der Finanzierung des Dialogorientierten Serviceverfahrens zurückgezogen“, kritisiert Gohlke. Die Kosten würden „entgegen aller vorherigen Absprachen peu à peu den Hochschulen aufgedrückt“, was deren Bereitschaft zur Teilnahme bei „hochschulstart.de“ gewiss nicht steigere.

Chaos bei der Studienplatzvergabe geht weiter

Immerhin: Mit einer flächendeckenden Einführung des Dialog-Verfahrens sei „bis zum Jahr 2018 zu rechnen“, heißt es vom Ministerium. Für die Bildungsgewerkschaft GEW geht damit allerdings das schon seit Jahren beklagte „Chaos bei der Studienplatzvergabe“ erst einmal weiter. „Wenn nur die Hälfte der Hochschulen teilnimmt, dann fehlt den Studienplatzbewerbern die Hälfte der notwendigen Daten“, ärgert sich der stellvertretende GEW-Chef Andreas Keller.

Wie auch das Studentenwerk verlangt die Gewerkschaft eine vom Gesetzgeber geregelte Verpflichtung der Hochschulen „zur Teilnahme am gemeinsamen Vergabeverfahren“. Im dpa-Gespräch sagte Keller:

„Es war ein Fehler, in Fächern, wo es einen Studienplatzmangel gibt, das zentrale Verfahren abzuschaffen und gleichzeitig keinen Ersatz zu haben“, sagt Keller. Derzeit könne sich ein Abiturient bei sieben Hochschulen bewerben. „Und im Falle eines positiven Bescheids haben junge Leute dann was anderes im Sinn als sich dort abzumelden, wo sie den Zuschlag nicht bekommen haben.“