Asyldebatte

Flüchtlinge in Berlin - Vorurteile im Faktencheck

| Lesedauer: 4 Minuten
Flüchtlinge mit Smartphones: In Syrien gibt es kaum Festnetztelefone

Flüchtlinge mit Smartphones: In Syrien gibt es kaum Festnetztelefone

Foto: Marijan Murat / dpa

Die Mehrheit der Deutschen steht den Flüchtlingen offen gegenüber. Dennoch gibt es viele Vorurteile. Wir haben sie überprüft.

Sind die meisten, die kommen, in Wahrheit Wirtschaftsflüchtlinge?

Nicht alle Fluchtgründe werden auch als Asylgründe anerkannt. So bekommen etwa Menschen, die aus rein wirtschaftlichen Gründen geflohen sind, in Deutschland in der Regel keinen Asylstatus. Aktuelle Statistiken zeigen: „Rund 53 Prozent aller Flüchtlinge kommen aus Bürgerkriegsländern und haben somit eine sehr gute Anerkennungswahrscheinlichkeit in Deutschland“, so der bayerische Flüchtlingsrat. Begriffe wie Wirtschaftsflüchtling, „Schein-“ oder gar „Wohlstandsasylant“ tauchten häufig in den 80er-Jahren auf, als Verschärfungen des Asylrechts diskutiert worden waren. Diese Begriffe werden derzeit von vielen Flüchtlingsgegnern gebraucht, um die Flüchtlinge zu diskreditieren.

Wird sich die Wohnungsnot in den Städten jetzt verschärfen?

In allen deutschen Städten und Ballungsräumen verschärft sich derzeit die Wohnungsnot. Immer mehr Menschen ziehen in die Städte, allein in Berlin sind es pro Jahr 30.000 bis 40.000. Diejenigen Flüchtlinge, die einen dauerhaften Status erhalten, benötigen ebenfalls Wohnraum. Vor allem kleine, bezahlbare Wohnungen sind gefragt und werden es auch in der nahen Zukunft sein. In Berlin sollen in den kommenden Jahren jeweils 10.000 neue Wohnungen entstehen, die den Markt entlasten sollen.

Drängen jetzt viele billige Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt?

Mit wenigen Ausnahmen gilt in Deutschland der Mindestlohn. Mit legaler Beschäftigung können Flüchtlinge niemanden aus dem Beruf drängen. Außerdem besteht in vielen Branchen ein Fachkräftemangel, auch zahlreiche Lehrstellen sind unbesetzt. Politik und Wirtschaft fordern, Zuwanderern schneller eine Berufstätigkeit zu erlauben. Kein Flüchtling darf eine Stelle erhalten, wenn sie von einer deutschen Fachkraft adäquat besetzt werden kann.

Wird das Flüchtlingsproblem die Sozialkassen sprengen?

Die Leistungen für Flüchtlinge sind seit 1993 im Asylbewerberleistungsgesetz festgelegt. Danach erhalten die jeweiligen Haushaltsvorstände derzeit 362 Euro im Monat und die Kosten für Miete und Heizung, wenn sie in Wohnungen leben, Familienangehörige je nach Alter abgestuft weniger. Wenn die Flüchtlinge allerdings in Gemeinschaftsunterkünften wohnen, erhalten sie 140 Euro im Monat als Bargeld, den Rest als Sachleistungen. Im vergangenen Jahr gab der Senat fast 200 Millionen Euro aus. Davon entfielen 130 Millionen Euro auf Zahlungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und 43 Millionen Euro auf Wohncontainer.

Sind die jungen Männer nur vorgeschickt, um die Familien nachzuholen?

„Das legen die Bilder nahe, die wir im Fernsehen und in den Zeitungen sehen“, sagt Alex Stathopoulos von Pro Asyl. „Doch diese Männer sind oft die ersten in der Schlange in den Erstaufnahmestellen, die ersten auf dem Boot. Statistisch gesehen ist der Überhang gar nicht so groß. Aber es kommen auch Männer alleine, weil die Familie nur für einen das Geld zur Flucht aufbringen kann.“

Sind die Flüchtlinge gar nicht arm, die meisten haben Smartphones?

Syrien ist kein Entwicklungsland. Doch weil es dort kaum Festnetztelefone gibt, sind die Menschen auf Smartphones angewiesen. Um so mehr, wenn sie auf der Flucht sind.

Sind wir die Dummen, weil die meisten der Flüchtlinge nach Deutschland kommen?

Bis zu 800.000 Flüchtlinge werden 2015 in Deutschland erwartet. Weltweit sind fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Millionen syrischer Flüchtlinge suchen ohne Asylanträge im Libanon oder der Türkei Schutz. Deutschland nimmt im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedsstaaten zwar die meisten Flüchtlinge auf. Doch bezogen auf die Einwohnerzahl sieht das Bild anders aus. So hat Deutschland 2014 rund 5,3 Flüchtlinge pro 1000 Einwohner aufgenommen. In Schweden waren es im selben Zeitraum 24,4 Flüchtlinge.

>> Flüchtlinge in Berlin - Die wichtigsten Fragen und Antworten <<

>> Interaktive Grafik: Woher die Flüchtlinge nach Berlin kommen <<

>> Flüchtlinge in Deutschland: Alle aktuellen Entwicklungen in unserem Newsblog <<

( –ker/msf/rfi )

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos