Flüchtlinge

Das deutsche Wort Hallo können im Rathaus Wilmersdorf alle

| Lesedauer: 10 Minuten
Regina Köhler
Amina und Rike malen Kinder mit bunter Kreide auf den Boden des Hofes im Ex-Rathaus Wilmersdorf

Amina und Rike malen Kinder mit bunter Kreide auf den Boden des Hofes im Ex-Rathaus Wilmersdorf

Foto: Amin Akhtar

Das ehemalige Rathaus Wilmersdorf ist Erstaufnahmelager. Dort gewöhnen sich derzeit vor allem Kinder an ihr neues Leben.

Amina malt mit bunter Kreide zwei Kinder auf den Asphalt – ein Mädchen in einem roten Kleid und blonden Zöpfen und einen Jungen mit blauen Hosen. Als sie fertig ist, sieht sie erwartungsvoll zu Rike hinüber, die neben ihr sitzt und zuschaut. Rike hat so blondes Haar wie das Mädchen auf dem Asphalt. Sie lacht. Das Bild gefällt ihr. Auf Englisch erklärt sie Amina dann, wie alt sie ist, „elf Jahre“. „Und du?“, fragt sie. Amina zeigt ihr Alter mit den Fingern. Sie ist zwölf. Amina spricht Russisch und kommt aus Tadschikistan. Sie trägt ein geblümtes Tuch im schwarzen Haar, weiße Turnschuhe und ein dunkles T-Shirt mit Glitzerschrift. Seit ein paar Tagen lebt sie mit ihrer Familie im Erstaufnahmelager im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz.

Rike wohnt mit ihrer Familie nicht weit entfernt. An diesem Tag ist sie die jüngste freiwillige Helferin in dem Flüchtlingsheim. Rike weiß von ihren Eltern, dass die Flüchtlinge Hilfe brauchen. „In der Schule haben wir aber auch schon darüber gesprochen“, sagt sie. Zuerst wollte sie einen Teil ihres Taschengeldes spenden, dann hat sie überlegt, dass es viel besser wäre, mit den Kindern zu spielen. Genau das hat sie an diesem Vormittag getan. „Die meisten Kinder haben sich gefreut“, sagt sie. „Ich habe ihnen gar nicht angemerkt, dass so viel passiert ist, bevor sie hier angekommen sind.“ Zwei kleinere Kinder hätten allerdings lange geweint und sich nicht beruhigen lassen.

Hauptamtliche Kräfte werden das Heim übernehmen

523 Menschen aus 31 Nationen sind an diesem Tag im Rathaus Wilmersdorf untergebracht. Darunter mindestens 60 Kinder. Sie kommen aus allen möglichen Krisenregionen der Welt. Viele sind vor dem Krieg geflohen, andere vor bitterer Armut. Karsten Hackradt, der für den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) die ehrenamtliche Leitung des Flüchtlingsheims innehat – noch bis Montag, dann werden hauptamtliche Kräfte des ASB das Heim übernehmen –, sagt, dass sich die Zahl der Bewohner jeden Tag ändert. Die meisten würden vier, höchstens zehn Tage bleiben. „Dann hat ihnen das Landesamt für Gesundheit und Soziales eine Unterkunft zugewiesen. Das kann in Berlin sein, aber auch in Sachsen, Thüringen oder jedem anderen Bundesland.“ Beim Abschied gebe es nicht selten Tränen, sagt Hackradt.

An diesem Vormittag sind nur wenige erwachsene Flüchtlinge in dem Gebäudekomplex anzutreffen. Die langen Flure sind leer. Es ist fast unheimlich still. Nur ab und zu hört man ein weinendes Kind, läuft jemand den Gang entlang, schlägt eine Tür.

Kinder spielen Fußball und fahren Roller

Im großen Innenhof des Gebäudes ist dafür umso mehr los. Abgesehen davon, dass hier die Feldküche steht, in der das Mittagessen vorbereitet wird, sind es vor allem die Kinder, die das Leben auf dem Hof dominieren. Jugendliche spielen Fußball, kleinere Kinder fahren Roller oder Dreirad. Ein Junge hat Inlineskates ergattert, auf denen er den Hof umkreist. Manche Kinder malen mit Kreide, spielen Gummihopse oder sitzen einfach nur da und gucken den anderen zu. Jeder, der neu auf den Hof kommt, wird genau beobachtet und mit einem freundlichen Hallo begrüßt. Dieses deutsche Wort können alle, auch wenn sie noch so klein sind.

Sozialpädagogin Lena kümmert sich um die Kleinen. Auch sie ist ehrenamtlich dabei. Die Kinder würden sich oft anschreien und hauen, sagt sie. Das sei kein Wunder, hätten die meisten von ihnen doch viel Schlimmes erlebt auf dem Weg nach Deutschland. „Es wird lange dauern, bis sie das verarbeitet haben. Ohne psychologische Hilfe werden es viele nicht schaffen.“

Trotz allem werden die meisten viel schneller Deutsch lernen als ihre Eltern, schneller Freunde finden, sich schneller einleben in Deutschland. Malek sei so ein Kind, sagt Lena. Der elf Jahre alte Junge aus Syrien sei erst wenige Tage da und könne schon etwas Deutsch. „Er ist total wissbegierig.“ Malek brauche jetzt dringend einen Schulplatz. Lena ist sicher, dass er bald zu den Besten gehören wird, wenn er erst einmal regelmäßig lernen kann.

Schuhe kommen auf die Fensterbank

Auch Heimleiter Karsten Hackradt sagt, dass es wichtig sei für die Kinder, dass sie und ihre Familien das Erstaufnahmelager so schnell wie möglich wieder verlassen können. „Die Kinder brauchen Platz und Rückzugsmöglichkeiten, Betreuer, die nicht ständig wechseln, und sie müssen schnell in die Kita oder die Schule gehen.“ Im Heim sei es zu unruhig und auch viel zu eng. Hackradt zeigt ein Zimmer. Es ist klein. Vier Feldbetten stehen darin, sonst keine Möbel. Die Wände sind kahl. Weil sie nicht wissen, wohin mit all ihren Sachen, stellen viele Mütter die Schuhe sämtlicher Familienmitglieder auf die Fensterbretter, auch Sachen hängen sie an den Fenstern auf. Vom Hof aus ist das zu sehen. Wie kleine bunte Fähnchen wehen Jacken oder Handtücher im Wind.

Zum Glück gibt es im Heim wenigstens ein Kinderzimmer. Das befindet sich im vierten Stock. Dort können die Kinder mit Legosteinen spielen, es gibt Puppen, Teddybären, Bälle, Puzzle und Malzeug. An den Wänden hängen Zeichnungen: bunte Herzen, Bäume, Häuser, Blumen, große gelbe Sonnen.

Abdel malt keine Bilder mehr, er spielt auch nicht im Kinderzimmer. Der syrische Junge ist 16 Jahre alt. Von den anderen wird er „Smiley“ genannt, weil er freundlich ist und hilfsbereit. Seit mehr als zwei Wochen ist er jetzt schon in dem Erstaufnahmelager. Abdel ist mit seinem Onkel nach Deutschland gekommen. Seine Familie, die Eltern und vier Geschwister, seien noch in Aleppo, erzählt er. Dort sei aber alles zerstört, auch ihr Wohnhaus. Dann fängt er fast an zu weinen. Er hat Sehnsucht nach seiner Familie und wünscht sich nichts mehr, als dass sie auch nach Deutschland kommen kann. „Meine Mutter weint immer, wenn wir telefonieren.“

Auf einen Zettel hat Abdel sich deutsche Wörter geschrieben. „Guten Abend“ steht dort, „Ich freue mich sehr“, auch „Dankeschön“ und „Auf Wiedersehen“. Mit den Helfern übt er die Aussprache. Mit Lidia, 46, zum Beispiel, die aus Zehlendorf zu dem Wilmersdorfer Flüchtlingsheim kommt, um zu helfen. Lidia ist es auch, die Abdel immer wieder Aufgaben erteilt. Er soll beim Bettenaufbauen helfen, Spenden in die Kleiderkammer tragen oder aus dem Arabischen übersetzen, was ihm nicht leicht fällt mit dem bisschen Englisch, das er spricht. „Wenn er etwas zu tun hat, ist er nicht mehr so traurig“, sagt Lidia. „Und er lernt schneller Deutsch.“ Abdel will unbedingt in Berlin zur Schule gehen und Orthopädietechniker werden wie sein Vater. Und seine Familie nachholen. Wie das gehen soll, weiß er allerdings noch nicht.

300 Menschen haben in der ehemaligen Kantine Platz

Es ist kurz nach 13 Uhr. Patrick Stoll ist mit dem Kochen fertig. Es gibt Kartoffelsuppe. Die wird in großen Wärmebehältern im Lastenaufzug vom Hof in den zweiten Stock transportiert. Dort, in der ehemaligen Kantine des Rathauses, sind 30 Biertische und 60 Bänke aufgebaut. „Hier haben 300 Menschen Platz“, sagt Patrick Stoll. Der Küchendienst ist seine zweite Schicht. Hauptberuflich ist der 31 Jahre alte Sanitäter im Krankentransport tätig. Die Flüchtlinge würden sich bei ihrer Ankunft manchmal um das Essen streiten und so viel auf den Teller laden, dass sie es kaum aufessen könnten, sagt er. „Wenn sie aber erst mal gemerkt haben, dass für alle genug da ist und zwar jeden Tag, dann beruhigen sie sich schnell.“

Auch Heimleiter Karsten Hackradt arbeitet im medizinischen Dienst. Er ist Intensivpfleger. Zusammen mit Patrick Stoll hat er seit 2013 schon sechs Erstaufnahmelager aufgebaut. Hackradt ist überzeugt davon, dass es nur eine kurze Pause für sie geben wird, bevor sie das nächste Heim einrichten müssen. Angst davor hat er aber nicht. „Wir haben inzwischen viel Erfahrung“, sagt er. Das Wichtigste sei, dass es viele ehrenamtliche Helfer gibt.

Überwältigende Hilfsbereitschaft der Berliner

Vor dem Eingang zu dem Heim am Fehrbelliner Platz ist gut zu sehen, was Karsten Hackradt meint. Dort steht das Info-Mobil des Vereins „Wilmersdorf hilft“. Es ist ständig von Menschen umlagert. Sie kommen aus der Nachbarschaft, aber auch aus anderen Bezirken, bringen Spenden vorbei oder fragen, an welchem Tag sie Dienst machen können im Heim. Es gibt Listen, auf denen man sich einschreiben kann, online oder direkt vor Ort. Karsten Hackradt ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Berliner. „Es werden noch mehr Flüchtlinge kommen, doch wir schaffen das, alle zusammen“, sagt er. Auch Rike will wiederkommen, um mit den Flüchtlingskindern zu spielen. „Wenn sie mich nicht verstehen, mache ich eben Handzeichen, das klappt schon“, sagt sie.
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