Umfrage

So lebt die Generation Zufriedenheit

Die Mehrheit der 30- bis 59-jährigen Deutschen empfindet ihre Lebensqualität als hoch. Doch sie sorgt sich um ihre Zukunft.

Frieden und Sicherheit sind für Renate Redeker wichtig. „Gerade jetzt, da so viele Flüchtlinge ihre Heimat verlassen müssen.“ Ihre eigene Lebensqualität sei hoch, sagt die 49-Jährige. „So wie ich in Wilmersdorf lebe und das Leben gestalte. So wie ich mich ungehindert durch Berlin bewegen kann, wie ich es möchte.“ Ähnlich sieht es Thomas Mampel aus Steglitz-Zehlendorf. „Vom Grundsatz her“, sagt der 52-jährige Sozialarbeiter, „bin ich mit meinem Leben in diesem Kiez, in diesem Bezirk sehr zufrieden.“

Die Mathematikerin Redeker und der Sozialarbeiter Mampel sind mit ihrer Sicht nicht alleine. 91 Prozent der Deutschen im Alter zwischen 30 und 59 Jahren halten die Lebensqualität in Deutschland für hoch. Das hat eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergeben, die im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft durchgeführt wurde. Professor Renate Köcher hat die Ergebnisse am Mittwoch in Berlin vorgestellt. Die sogenannte Generation Mitte lobt die politische Stabilität, die wirtschaftliche Lage, die Rechtssicherheit und die soziale Sicherung in Deutschland. 35 Prozent sagen, ihre Lebensqualität sei in den vergangenen fünf Jahren gestiegen, nur 21 Prozent geben an, sie habe sich in dieser Zeit verringert. Die hohe Zahl der Zufriedenen sei „ungemein bemerkenswert“, so Renate Köcher. „Das ist nicht selbstverständlich.“ Man werde kaum ein anderes Land mit diesem hohen Anteil finden.

Auch die Maßstäbe und Erwartungen der mittleren Generation sind erfragt worden. Die 30- bis 59-Jährigen sehen eine gute Gesundheitsversorgung (86 Prozent), Meinungsfreiheit (76 Prozent), ein gutes Bildungssystem (76 Prozent), Rechtssicherheit (73 Prozent) und politische Stabilität (67 Prozent) als Voraussetzungen für hohe Lebensqualität. Doch diese Voraussetzungen sind nicht in jeder Hinsicht gegeben. Es werden Defizite gesehen, etwa beim gegenwärtigen Bildungssystem. Nur 56 Prozent der Befragten halten es für gut.

Zu viel Verwaltung, zu viele Probleme

Mampel findet jedoch, das deutsche Bildungssystem sei für ihn ein großer Gewinn gewesen. Er stamme aus einer Arbeiterfamilie, erzählt er. „ Mein Vater war Heizer, meine Mutter Putzfrau.“ Er sei der Erste in der Familie gewesen, der die Chance hatte, das Abitur zu machen und dann zu studieren. Das habe mit der damaligen Bildungspolitik und der praktizierten Chancengleichheit zu tun. „Zehn Jahre früher hätte ich noch keine Chance gehabt.“

Es sei „verbesserungsbedürftig“, sagt auch Renate Redeker. „Es wäre mehr Geld für Bildung nötig“, so die Wilmersdorferin. „Die Erziehungsaufgaben verlagern sich immer stärker vom Elternhaus in die Kitas und Schulen.“ In den Gruppen seien unterschiedliche Kulturen und Lebensansprüche vertreten. „Wir brauchen deshalb mehr Fachpersonal in den Kindertagesstätten.“ Die Schulklassen sollten nicht noch größer werden. „Lehrer haben zu viel mit Verwaltungsaufgaben zu tun. Da sollte es Entlastung durch Profis geben. Auch bei der Computerwartung.“ Doch mehr Personal koste mehr Geld.

Auch die Frage, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen, beschäftigt die 30- bis 59-jährigen Deutschen. Nur 25 Prozent sagten in der Umfrage, dass dies gut möglich sei. Renate Redeker sieht es differenziert. Sie hat vier Kinder im Alter zwischen zwölf und 21 Jahren. „Als sie klein waren, habe ich weniger gearbeitet“, sagt sie. „Da war ich nachmittags für sie da.“ Die 49-Jährige meint, dass heute Beruf und Familie gut zu vereinbaren sind. „Zumindest für die Mütter und Väter mit einem Job von 8 bis 18 Uhr.“ Denn es gebe Kitas und Betreuungsplätze tagsüber. „Schwierig ist es für Leute, die außerhalb dieser Zeiten arbeiten.“ Eltern bräuchten flexiblere Angebote der Kinderbetreuung – das meint auch Thomas Mampel. „Speziell für Alleinerziehende ist das ein Problem.“ Er hat drei erwachsene Kinder und drei Enkel. Beruf und Familie in Einklang zu bringen, „ist für meine Kinder eine tägliche Herausforderung“.

Sorge um die Altersvorsorge

Ein weiteres Thema der Umfrage: Die Kluft zwischen Arm und Reich. Sie sei zu groß, meinen mehr als 80 Prozent der Befragten. „In Berlin ist diese Spanne größer geworden“, sagt Renate Redeker. In der Klasse ihrer Kinder, wenn ein etwas teurerer Ausflug unternommen wurde, seien Schüler plötzlich erkrankt, „weil sich die Eltern nicht eingestehen wollen, dass sie das nicht finanzieren können“. Andererseits sei jedoch auch die Spendenfreudigkeit bei denen, die Geld haben, gewachsen.

Für die 30- bis 59-Jährigen ist nicht nur ihre aktuelle Situation entscheidend. 71 Prozent halten den Lebensstandard im Alter für ein wichtiges Kriterium der Lebensqualität. Fast die Hälfte, nämlich 48 Prozent, befürchten jedoch, dass ihre Altersvorsorge nicht ausreichen könnte. Doch fast Dreiviertel sagen, dass sie ihre finanzielle Zukunft nicht oder nur grob planen. „Immer weniger Menschen beschäftigen sich langfristig mit ihrer finanziellen Absicherung“, so die Bilanz von Renate Köcher. Die Mehrheit mache sich zwar Sorgen über den Lebensstandard im Alter. Doch die Untersuchung zeige, dass das Interesse, sich mit Finanzthemen zu beschäftigen, in jeglicher Form gesunken sei. Die Argumente der Befragten seien: „Wer weiß, was in 20 Jahren ist. Alles ist so unsicher.“

Unsicherheit über die Situation im Alter

Das Thema Altersvorsorge beunruhigt auch Renate Redeker nicht. Doch sie macht sich Gedanken darüber. „Meine Eltern und Schwiegereltern haben gearbeitet und dann eine auskömmliche Rente gehabt.“ Heute sei es anders. Wer etwa als Ingenieur jetzt gut verdiene, könne sich im Alter keine Innenstadtwohnung mehr in Berlin leisten. „Denn dann ist die Miete so hoch wie die Rente.“ Wer nicht rechtzeitig vorsorge, werde eine böse Überraschung erleben.

Auch Thomas Mampel sagt: „Ich fange erst jetzt an, mich damit auseinanderzusetzen.“ Weil immer mehr Menschen in seinem Umfeld in den Vorruhestand oder in Rente gehen. „Hätte ich 20 Jahre früher angefangen, mir darüber Gedanken zu machen, dann würde ich jetzt entspannter darüber nachdenken.“ Allerdings, so der 52-Jährige, „kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich in 15 Jahren, mit Rentenbeginn, nichts mehr tue.“

Weniger Lohnsteuer, weniger Sozialausgaben wären eine Möglichkeit, meint Renate Redeker, um die Situation zu verbessern. Dafür seien Gesetzesänderungen nötig, die Bundesregierung sei zuständig. Dieser Meinung sind auch 71 Prozent der Befragten aus der Allensbach-Studie. Die Wissenschaftlerin Renate Köcher beschreibt ein anderes, wichtiges Phänomen der Untersuchung. 68 Prozent der Befragten fordern vom Staat, dass er die Unterschiede zwischen Arm und Reich verringern und die gerechte Chancenverteilung verbessern sollte. „Deutschland ist eines der wenigen Länder auf der Erde“, so Köcher, „in dem der gesellschaftliche Zusammenhalt einen so hohen Stellenwert hat.“ Nicht im Sinne des Klassenkampfes, sondern im Hinblick darauf, dass die Unterschicht nicht zurückfallen und dass Altersarmut keine Rolle spielen soll. „Das finde ich, ist eine ganz bemerkenswerte mentale Verfassung dieser Nation.“

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