Österreich

Menschen vermutlich im Lkw erstickt - Schlepper festgenommen

| Lesedauer: 5 Minuten
epa04900512 Forensic experts investigate a truck in which refugees were found dead as it stands on freeway autobahn A4 between Parndorf and Neusiedl, Austria, 27 August 2015. According to reports, some 50 refugees were found dead in the lorry parked at the autobahn. It cannot be confirmed if the dead suffocated in the truck, as some media have reported. The lorry was discovered by highway workers who called police. The driver has disappeared, according to media reports. EPA/ROLAND SCHLAGER +++(c) dpa - Bildfunk+++

epa04900512 Forensic experts investigate a truck in which refugees were found dead as it stands on freeway autobahn A4 between Parndorf and Neusiedl, Austria, 27 August 2015. According to reports, some 50 refugees were found dead in the lorry parked at the autobahn. It cannot be confirmed if the dead suffocated in the truck, as some media have reported. The lorry was discovered by highway workers who called police. The driver has disappeared, according to media reports. EPA/ROLAND SCHLAGER +++(c) dpa - Bildfunk+++

Foto: Roland Schlager / dpa

Nach der Entdeckung von 71 Leichen in einem Lkw in Österreich sind drei Männer festgenommen worden. Unter den Toten sind vier Kinder.

Nach dem Flüchtlingsdrama in Österreich sind drei Verdächtige im Nachbarland Ungarn festgenommen worden. Das teilte die Landespolizei Burgenland bei einer Pressekonferenz am Freitag in Eisenstadt mit. Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil sagte, die Ermittler gingen davon aus, das es sich bei den Tätern und Hintermännern um Mitglieder eines bulgarisch-ungarischen Schlepperringes handle.

Es habe in Ungarn insgesamt zwischenzeitlich sieben Festnahmen gegeben, drei Männer seien immer noch in Haft, sie gelten als dringend tatverdächtig. Es handele sich dabei um den Eigentümer des Lastwagens sowie die beiden mutmaßlichen Fahrer. Nach bisherigen Erkenntnissen gehören sie zum Umfeld eines bulgarisch-ungarischen Schlepperrings. Die übrigen Verdächtigen wurden teils wieder freigelassen.

Der Landespolizei zufolge wurden in dem an einer Autobahn abgestellten Lastwagen 71 Tote geborgen, darunter vier Kinder. Die 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder - drei acht- bis zehnjährige Jungen und ein ein- bis zweijähriges Mädchen - stammten demnach vermutlich aus Syrien. Bei den Leichen hätten die Ermittler ein syrisches Reisedokument gefunden, hieß es.

Nach Einschätzung der Polizei sind die 71 Menschen vermutlich im Kühlraum des Schlepper-Lastwagens erstickt, sagte Doskozil. Etwa 20 Beamte waren die ganze Nacht im Einsatz, um die Leichen zu bergen. Sie sollen laut Polizeiangaben in der Gerichtsmedizin in Wien abschließend untersucht werden. Unter anderem soll ihre Identität festgestellt werden

Bei einem der drei Männer handle es sich um einen „bulgarischen Staatsangehörigen libanesischer Herkunft“, dem der Lkw gehören soll, in dem die Toten am Donnerstagmorgen unweit des Länderdreiecks Österreich-Slowakei-Ungarn gefunden wurden. Bei zwei weiteren Festgenommenen handle es sich um einen Bulgaren und eine Person mit ungarischen Papieren. „Dabei handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um jene Personen, die das Fahrzeug gelenkt haben“, sagte der Polizeisprecher.

Der Kühllastwagen mit ungarischer Zulassung war in einer Pannenbucht an einer Autobahn im Burgenland abgestellt und am Donnerstag dort entdeckt worden. Da viele der Leichen bereits stark verwest waren, war es schwierig, unmittelbar genauere Angaben zur Zahl der Toten machen. Die Menschen seien zum Zeitpunkt des Auffindens mindestens schon 24 Stunden tot gewesen, hieß es.

Flüchtlinge wohl tot über Grenze gebracht

Laut "Kronen Zeitung" gibt es Hinweise darauf, dass sich die Menschen aus ihrem Gefängnis befreien wollten. Darauf deuteten Spuren an der Seitenwand des Laderaums des Kühltransporters hin.

Ersten Erkenntnissen zufolge war der 7,5 Tonnen schwere Laster, den die Polizei als "keinen schleppertypischen Lkw" bezeichnete, am Mittwoch in den frühen Morgenstunden bei Budapest in Ungarn gestartet. Um 9 Uhr befand er sich laut Polizei noch in Ungarn unmittelbar vor der ungarisch-österreichischen Grenze. Während der folgenden Nacht erfolgte der Grenzübertritt. Am frühen Donnerstagmorgen - gegen 5 oder 6 Uhr - wurde der Lkw von Zeugen in einer Pannenbucht auf der A4 zwischen Neusiedl und Parndorf bemerkt, sagte Landespolizeidirektor Doskozil.

Fest steht bisher, dass der Laster ehemals einer slowakischen Wurstfabrik gehört hat, deren Firmeninhaber der tschechische Finanzminister und Vizekanzler Andrej Babiš gewesen sein soll, schreibt die "Kronen Zeitung".

"Ein Tag der Trauer, ein Tag der Emotionen“

Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sagte am Freitag, „gestern war für uns alle ein Tag der Trauer, ein Tag der Emotionen“. Es habe sich gezeigt, dass es sich bei Schleppern um Kriminelle handelt, „und nicht um einfache Fluchthelfer“. Dieser Tag habe nicht nur betroffen gemacht, sondern solle ein „Auf- und Weckruf“ sein, „hier rasch gemeinsam zu europäischen Lösungen zu kommen“. Es sei nun wichtig, aus den Krisen- und Kriegsregionen der Welt „schnell legale Wege nach Europa zu schaffen“, sagte Mikl-Leitner. Außerdem müsse man mit „Härte und Null Toleranz“ gegen Schlepper kämpfen.

Die österreichische Innenministerin lobte die Einsatzkräfte für ihr rasches und entschiedenes Handeln, das in Kooperation mit den ausländischen Behörden innerhalb nur eines Tages bereits zu ersten Ergebnissen geführt habe. „Wenn sich die Verdachtslage bestätigt, können wir von einem großen Erfolg sprechen“, sagte Mikl-Leitner.

Österreich rechnet mit Verschärfung der Schlepperproblematik

Im an Ungarn grenzenden Burgenland wurden allein in den vergangenen beiden Tagen Hunderte Flüchtlinge aufgegriffen, sagte Doskozil. In den kommenden Tagen sei wegen der nahenden Fertigstellung des ungarischen Grenzzauns zudem mit einer Verschärfung der Schlepperproblematik zu rechnen.

Österreich verzeichnete zuletzt stark gestiegene Flüchtlingszahlen. Viele von ihnen durchqueren die Alpenrepublik vom Balkan in Richtung Deutschland.

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( dpa/EPD/sh/mim )