Anne Will

„Russland ist der Kriegstreiber, die Nato saß im Pflegeheim“

Wie geht es weiter an der Ostgrenze der Ukraine? Wie hart soll man Putin in den Arm fallen? Und wo sind eigentlich die „Russlandversteher“ geblieben? Die Runde bei Anne Will diskutierte über einen drohenden Krieg.

Foto: NDR/AR

Es ist ein bisschen so, als würde eine Lunte brennen, und alle sehen ihr mit einer Mischung aus Angst und Lust dabei zu. Das war die Lage vor Anne Wills gestriger Sendung, und das ist sie danach auch noch: Russland spielt nach der Annexion der Krim eine dubiose Rolle an der Ostgrenze der Ukraine, die EU sinniert über Sanktionen und die Nato verstärkt ihre Präsenz in Osteuropa. Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn, der russische Journalist Alexander Sorkin, seine deutsche Kollegin Cathrin Kahlweit und der CDU-Politiker Armin Laschet stritten nun darum, wer die Schuld daran trägt und wie es weitergehen soll.

Um es gleich zu sagen: Dass es in der deutschen Debatte ein Übergewicht von "Russlandverstehern" gibt, von Menschen also, die in Putins Machtdemonstrationen eine Folge eigener Fehler sehen und ihm im Grunde Recht geben: Davon war in der Runde wenig zu spüren. Im Gegenteil: Cathrin Kahlweit, als Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ für diese Region zuständig, nannte das Kind deutlich beim Namen: „Russland ist der Kriegstreiber“. Die Milizen des Kremls hätten sich im Halbkreis um die Ukraine geschart und seien zum Teil schon in sie vorgedrungen: „Ich bin sicher, dass diese Leute russlandgesteuert sind.“ Und die Nato habe sich mit ihrer Aktivität zu einer unverhofften späten Blüte verholfen: „Die saß wahrscheinlich schon im Pflegeheim und hatte Pflegestufe 1 beantragt.“

Männlein ohne Abzeichen

Kahlweit spielte auf die Präsenz der Soldaten an, die Jean Asselborn als „starke Männlein“ bezeichnete, als „Männlein ohne Abzeichen, die auf Lastwagen ohne Nummernschildern transportiert werden.“ Sie sind auch schon auf der Krim als fast lächerlich eindeutig zu identifizierende Kreml-Handlanger auffällig geworden. So deutlich wollte Asselborn das nicht sagen, er ließ es nur anklingen. Er zeigte sich außerdem „nicht überzeugt, dass man mit Truppenbewegungen etwas Positives erreichen“ könne, und landete bei der nebulösen Forderung, dass „Putin ein Zeichen setzen“ müsse. Als derzeit aktivem und verhandelndem Politiker waren bei ihm die diplomatischen Zügel am straffsten gespannt.

Auch Armin Laschet wollte Russland nicht für die Existenz einer Fünften Kolonne in der Ukraine in Haftung nehmen. Er sagte lediglich, dass eine Steigerung der Sanktionen zwingend sei, wenn sich der Kreml als Drahtzieher erweise. Immerhin aber ließ Laschet ein Argument nicht gelten, dass für Putins Expansionskurs immer wieder erklärend herangezogen wird: Dass im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung zugesagt worden sei, dass die Nato sich nicht weiter als bis zur Elbe nach Osten ausdehnen werde. Laschet erinnerte daran, dass damals niemand einen derart schnellen Zerfall des Sowjetreiches voraussehen und irgendwelche Zusagen darauf gründen konnte.

Was sich ein Russe jetzt fragt

Wenn es denn einen "Russlandversteher" in der Runde gab, dann war dies: ein Russe. Der Journalist Alexander Sorkin ist in der Ostukraine aufgewachsen. Er sah als einziger keine Anzeichen dafür, dass Russland diese Region bald überfallen könnte. Im Gegenteil: Putin sei doch nach den Unruhen von Kiew der erste Partner der Ukraine gewesen und habe viel Geld in das Land investiert. „Wenn Russland in den östlichen Gebieten präsent wäre“, sagte er, „dann gäbe es da keine Unruhen. Die Leute wären ruhig.“ Er blieb allein mit dieser Ansicht.

Misstrauen und Unschuldsbeteuerungen sind die Begleitmusik jeder kriegerischen Eskalation. Insofern konnte einem schon bang werden bei der gestrigen Sendung, denn es war genau diese altbekannte Melodie, die da erklang. Eigentlich, so dachte man am Ende, ist alles gesagt, von beiden Seiten und in allen denkbaren Varianten. Man muss sich Sorgen machen wegen der Taten, die nun folgen werden.