Mit Gästen aus Moskau hat man im Hotel „Adlon“ einige Erfahrung. Das Luxushotel direkt am Brandenburger Tor gehört für reiche Russen, die in Berlin Geschäfte abwickeln oder einfach nur auf Einkaufstour gehen wollen, zu den beliebtesten Adressen. Auch Michail Chodorkowski war schon hier: 2003, kurz bevor er wegen Betrugs und Steuerhinterziehung festgenommen wurde. Zehn Jahre später ist der Kreml-Gegner nun wieder da. Nach der Entlassung aus dem Straflager und der Ausreise nach Deutschland residiert er in der „Suite Pariser Platz“. Standardpreis für eine Nacht: 2925 Euro.
Im „Adlon“ traf Chodorkowski nun zum ersten Mal in Freiheit seine Eltern Marina und Boris wieder. Die krebskranke Mutter und der Vater waren am Morgen mit einer Linienmaschine aus Moskau gelandet. Beim Wiedersehen soll es viele Tränen gegeben haben.
Dabei war auch sein ältester Sohn aus erster Ehe: Pawel ist 27 Jahre alt und lebt in New York. Er kam am Nachmittag auch kurz vor die Tür. Im roten Daunenanorak dankte er freudestrahlend allen, die seinen Vater in den letzten Jahren unterstützt haben. „Die Familie ist endlich wieder vereint“, sagte Pawel. „Mein Vater ist endlich frei.“ An die Journalisten gewandt, sagte er: „Sie können sich wohl vorstellen, welches Wechselbad der Gefühle mein Vater gerade durchmacht.“
Kurz darauf wurde eine der Unterstützerinnen zum Gespräch vorgelassen, die Grünen-Politikerin Marieluise Beck. Chodorkowski sei körperlich in guter Verfassung, er habe „einen überaus klaren Kopf – wie immer“, sagte Beck. Das Treffen mit ihm sei „ein bisschen wie ein Märchen gewesen“. Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der an der Lösung des Falles beteiligt war, will sich hingegen von nun an zurückhalten. „Chodorkowski wird nun sein eigenes Leben gestalten“, sagte der 86-jährige FDP-Mann.
Rückkehr nach Russland?
An diesem Sonntag geht es damit los. Im Berliner Mauermuseum – normalerweise ein Touristenumschlagplatz am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie – will sich der prominenteste Kritiker von Kreml-Chef Wladimir Putin zu seinen Zukunftsplänen äußern. Das Medieninteresse ist enorm. Mehrere Fernsehsender wollen die Pressekonferenz des einstigen Milliardärs live übertragen, auch nach Russland.
Vorab gab Chodorkowski bereits der Moskauer „New Times“, für die er auch aus dem Straflager als Kolumnist gearbeitet hatte, ein kurzes Interview. Wichtigster Satz: „Nach zehn Jahren ist das jetzt ein unglaubliches Gefühl der Freiheit.“ Der Ex-Häftling kündigte aber auch schon an, sich für andere Gefangene einzusetzen. „Es gibt noch viel zu tun, die Freilassung der Geiseln, die noch im Gefängnis sind, vor allem Platon Lebedew.“ Lebedew war sein Geschäftspartner und wurde mit ihm verurteilt.
Auf die entscheidende Frage aber gibt es noch keine Antwort: Wo will Chodorkowski künftig leben? In Deutschland, wo er seit Freitag über ein Ein-Jahres-Visum verfügt, das ihm mangels Pass am Flughafen Berlin-Schönefeld in aller Schnelle auf provisorischen Papieren gewährt wurde? Oder anderswo? In der Schweiz vielleicht, in Großbritannien oder in den USA?
An eine rasche Rückkehr nach Russland denkt Chodorkowski nicht. Dies stehe „nicht auf der Tagesordnung“, sagte Marieluise Beck nach dem Treffen. Ein Sprecher Putins stellte klar, der frühere Ölmagnat könne jederzeit wieder in seine Heimat kommen. „Er ist frei, nach Russland zurückzukehren. Absolut“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Zu möglichen Bedingungen für die Freilassung – etwa einem Verbot politischer Aktivität – sagte er nichts.
Chodorkowski saß seit 2003 im Gefängnis und wurde im Mai 2005 wegen Steuerhinterziehung zu neun Jahren Haft verurteilt. Im September 2005 reduzierte ein Revisionsgericht die Strafe auf acht Jahre. In einem zweiten Verfahren sprach ein Gericht den ehemaligen Chef des Ölkonzerns Yukos 2010 wegen Unterschlagung schuldig.
Damit erhöhte sich Chodorkowskis Gesamtstrafe auf 14 Jahre, sie wurde aber später erneut reduziert. Kritiker hielten das Urteil gegen Chodorkowski für eine Strafe des Kreml für dessen Unterstützung der Opposition. Beobachter werteten die überraschende Begnadigung als Teil einer Charmeoffensive Putins anlässlich der Olympischen Winterspiele in Sotschi im Februar.
Der ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko rief Präsident Viktor Janukowitsch auf, dem Beispiel Putins zu folgen und die Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko zu begnadigen. „Janukowitsch sollte sich zumindest in diesem Fall ein Beispiel an seinem Freund Putin nehmen und Timoschenko endlich freilassen“, sagte Klitschko der „Bild“-Zeitung.
BM/dpa/AFP/AP



