Der Kremlgegner Michail Chodorkowski ist nach seiner Freilassung nach Berlin gereist.

Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) habe die Unternehmensgruppe OBO Bettermann aus Menden im Sauerland um die Bereitstellung eines Firmenflugzeugs gebeten, teilte eine PR-Agentur im Auftrag des Unternehmens mit. Chodorkowski landete am Nachmittag auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Das Auswärtige Amt bestätigte die Ankunft.

Auch Genscher, der ihn am Flughafen abholte, sagte auf die Frage, ob Chodorkowski neben ihm im Auto sitze: „Ja, das bestätige ich.“ An der Aktion waren auch die deutsche Botschaft in Moskau und das Auswärtige Amt beteiligt.

Aus dem Amt hieß es weiter, die deutsche Botschaft in Moskau sei an den Vorbereitungen der Ausreise Chodorkowskis beteiligt gewesen. Bei der Einreise am Flughafen sei ein Vertreter des Auswärtigen Amts bei den Formalitäten behilflich gewesen.

Inzwischen ist der aus der Lagerhaft in Russland entlassene Kremlkritiker offenbar im Hotel „Adlon“ untergekommen. Der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), der ihn am Nachmittag am Flughafen abgeholt hatte, verließ am frühen Freitagabend das Hotel. Sagen wollte Genscher nichts, kündigte aber eine Stellungnahme an. Auch auf die Frage, wie es Chodorkowski geht, wollte sich Genscher nicht äußern. Er stieg in eine bereitstehende schwarze Limousine mit Münchner Kennzeichen und fuhr davon.

Gnadengesuch aus familiären Gründen an Putin

Chodorkowski bedankte sich öffentlich bei Genscher. Er danke Genscher „für seinen persönlichen Einsatz“, hieß es in einer Erklärung, die Chodorkowski auf seiner Webseite veröffentlichte.

Der einstige Öl-Milliardär betonte in der Erklärung, er habe am 12. November ein Gnadengesuch an Präsident Wladimir Putin gerichtet und dabei familiäre Gründe angeführt. Damit habe er aber keineswegs eine Schuld eingestanden.

Das Büro von Ex-Außenminister Genscher erklärte, dieser habe Chodorkowski bei seiner Ankunft mit einem Privatflugzeug in Berlin empfangen. Genscher dankte Putin, dass er ihn auf seine Bitte hin zweimal empfangen habe, um über den Fall mit ihm zu sprechen.

Unterstützung Genschers aus „humanitären Gründen“

In seinen Bemühungen sei er von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Ex-Außenminister Guido Westerwelle und dem deutschen Botschafter in Moskau unterstützt worden, erklärte Genscher.

In seiner Eigenschaft als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik habe er Chodorkowski kennengelernt. Dessen Anwälte hätten ihn später gebeten, sie bei ihren Bemühungen um die Freilassung Chodorkowskis zu unterstützen. Er habe dies aus „humanitären Gründen“ getan.

Merkel erklärte, Genscher habe sich „hinter den Kulissen intensiv um den Fall gekümmert“. Sie begrüße die Freilassung Chodorkowskis aus der Haft.

Rätselraten um Aufenthaltsort der Mutter

Der frühere Öl-Milliardär habe darum gebeten nach Deutschland reisen zu dürfen, weil dort seine krebskranke Mutter behandelt werde, teilte die russische Strafvollzugsbehörde am Freitag mit. „Seiner Bitte wurde entsprochen“, hieß es.

Allerdings ist seine Mutter nach eigenen Angaben weiterhin in Russland. Sie sei zwar vor einiger Zeit in Deutschland behandelt worden. „Aber ich bin in Romaschkino im Gebiet Moskau“, sagte Marina Chodorkowskaja am Freitag der Staatsagentur Itar-Tass. Medienberichten zufolge soll sie am Sonnabend nach Berlin reisen.

Putin hatte am Morgen mit einem Erlass den 50-Jährigen begnadigt. Kurz danach verließ der einst reichste Mann Russlands gegen 12.20 Uhr Ortszeit das Straflager nahe der Grenze zu Finnland. Der Kremlchef machte humanitäre Gründe für die Freilassung seines seit 2003 inhaftierten Gegners geltend. „Seine Mutter ist krank“, hatte er am Vortag gesagt.

Reguläre Freilassung im August 2014

Chodorkowski hätte regulär nach zwei international umstrittenen Urteilen im August 2014 wieder in Freiheit kommen sollen. Ein Begnadigungsgesuch hatte er stets abgelehnt, weil damit nach Kremlangaben ein Schuldeingeständnis verbunden ist.

Der frühere Chef des einst größten russischen Ölkonzerns Yukos war unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Diebstahls verurteilt worden. Nun verließ er offenbar mit einem Hubschrauber das Straflager.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüßte die Freilassung. „Ich freue mich“, dass Chodorkowski nun in Freiheit komme, sagte Merkel am Freitag in Brüssel nach dem EU-Gipfel. Zu einer von russischer Seite vermeldeten Ausreise des früheren Ölmagnaten nach Deutschland äußerte sich die Kanzlerin nicht.

Nach Informationen des „Spiegel“ plant Chodorkowski, in die Schweiz weiterzureisen. Die deutsche Botschaft in Moskau habe dem begnadigten Kreml-Gegner unbürokratisch ein Visum erteilt, um ihm die Reise nach Deutschland zu ermöglichen.

„Ich kann es noch gar nicht fassen", hatte Chodorkowskis 79 Jahre alte Mutter Marina dem Staatsfernsehen zuvor gesagt, nachdem sie von den Neuigkeiten erfahren hatte. Die Freilassung ihres Sohnes habe sie „wie eine Bombe“ getroffen.

dpa/rtr/AFP