Wahlkampf

Kritik aus Berlin an Steinbrück-Vorschlag zu Sportunterricht

Peer Steinbrück plädiert dafür, an Schulen getrennten Sportunterricht für Jungen und Mädchen aus religiösen Gründen zu ermöglichen. Aus Berlin kommt Kritik von Heinz Buschkowsky.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat aus Berlin heftige Kritik für seinen Vorschlag geerntet, mit Rücksicht auf Muslime Jungen und Mädchen im Sportunterricht zu trennen, wenn dies gewünscht ist. Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) sagte: „Das ist eine sehr unglückliche Äußerung von Herrn Steinbrück.“ Junge Leute bräuchten moderne gesellschaftliche Orientierung – in Ergänzung oder auch im Gegensatz „zu tradierten Familienriten. Mädchen- und Jungenschulen hatten wir vor 150 Jahren. Wir haben in Deutschland eben keine Geschlechtertrennung. Es kann nicht sein, dass wir jetzt die gesellschaftliche Uhr zurückdrehen.“

Wie die „Bild“-Zeitung am Freitag berichtet, hatte Steinbrück sich bei einer Veranstaltung am Mittwochabend in Berlin für getrennten Sportunterricht von muslimischen Mädchen und Jungen ausgesprochen. „Wenn die Schulen es einrichten können, sollten sie da Rücksicht auf die religiösen Gefühle nehmen und getrennten Sportunterricht anbieten“, zitierte die Zeitung den SPD-Politiker.

Steinbrück habe auf die Frage eines Schülers geantwortet, wie weit Toleranz gehen solle. Der Junge habe von einem muslimischen Vater erzählt, der sich gegen gemeinsamen Sportunterricht seiner Tochter mit Jungen gewehrt hatte. Steinbrück habe daraufhin eingeräumt, dass dies „ein schwieriges Thema“ sei, zu dem alle „eine andere Meinung“ hätten.

Berlins langjährige Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) nannte Steinbrücks Äußerungen rückwärtsgewandt. „Die Diskussion über eine Trennung ist von gestern.“ Kinder und Eltern müssten sich daran gewöhnen, dass die Geschlechter bei uns gemeinsam aufwachsen und gleichberechtigt leben. Getrennter Unterricht sei „der falsche Weg“. Der FDP-Innenpolitiker Serkan Tören sprach von einem ganz falschen „Signal für die Integration von Muslimen in Deutschland“.

Steinbrück trifft in Paris Hollande

Steinbrück war am Freitag in Paris und traf dort mit dem französischen Präsidenten François Hollande zusammen. Der sozialistische Staatschef empfing den Sozialdemokraten im Élysée-Palast. Das Treffen war nach Angaben der SPD bereits länger vereinbart.

Beide Politiker trafen sich an einem Tiefpunkt ihrer Sympathiewerte in der Bevölkerung. Die Zustimmung für Steinbrück liegt nach dem jüngsten ARD-„Deutschlandtrend“ nur noch bei 32 Prozent. Der vom Skandal um ein Schwarzgeldkonto seines zurückgetretenen Budgetministers Jérôme Cahuzac gebeutelte Hollande kommt aktuell auf gerade mal 27 Prozent Zustimmung in der französischen Bevölkerung.

Der Besuch Steinbrücks ist Teil einer Reihe von Auslandsbesuchen des Kanzlerkandidaten. Zuvor war er bereits zu Gesprächen in London, Athen und Brüssel. In Paris kam Steinbrück auch mit Premierminister Jean-Marc Ayrault zusammen. Außerdem stand ein Gespräch mit José Ángel Gurría an, der die in Paris angesiedelte Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) leitet.

Agenda 2010 auch in Frankreich umstritten

Bei dem Frühstück mit Ayrault sei es unter anderem um europapolitische Fragen gegangen, sagte Steinbrücks Sprecher Michael Donnermeyer. Der Kanzlerkandidat wollte danach Frankreichs Präsident François Hollande treffen, der innenpolitisch wegen einer Schwarzgeld-Affäre seines Ex-Haushaltsministers Jérôme Cahuzac massiv unter Druck steht.

Es sind die ersten politischen Gespräche Steinbrücks in Paris seit dessen Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten im Dezember. Der 66-Jährige zählt in der SPD eher zum wirtschaftsfreundlichen Flügel und gehörte zu den Unterstützern der heute in seiner Partei zum Teil umstrittenen Agenda 2010 von Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD).

Auch in Frankreich ist die Agenda 2010 heftig umstritten. Für viele Konservative und auch manche Sozialisten könnte sie Vorbild für dringend nötige Reformen in Frankreich sein, während andererseits viele Sozialisten und Vertreter der Linkspartei vor einer Verarmung breiter Bevölkerungsschichten durch eine solche Reform warnen. Frankreich leidet unter Null-Wachstum, stetig steigender Arbeitslosigkeit und einem zu hohen Defizit.

Im französischen Wahlkampf vergangenes Jahr hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) offen den konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy unterstützt und ein Treffen mit dem später siegreichen Sozialisten Hollande abgelehnt. Der Präsident hatte kürzlich in einem Fernsehinterview versichert, dass er nicht vorhabe, sich einseitig in den Wahlkampf in Deutschland einzumischen. „Ich werde nicht anderen das antun, was mir angetan wurde“, sagte Hollande.