Mauerflucht

Warum Fechters Freund Kulbeik die Vergangenheit einholt

Zusammen mit Peter Fechter wagte er vor 50 Jahren die Flucht in den Westen - doch nur Helmut Kulbeik überlebte.

Ein Haus in Berlin-Marzahn, die Straße endet als Sackgasse. Die Wohnlage trist wie die Nachbarschaft mit ihren Industriebrachen und einem Friedhof. Im Haus lange Flure, Türen ohne Namensschilder, nur Nummern. Hinter einer Tür wohnt Helmut Kulbeik.

„Herein“, antwortet er auf das Klopfen, seine Stimme klingt überrascht und misstrauisch zugleich. Kulbeik liegt auf dem Bett, der Kaffee dampft und der Fernseher läuft. Es ist 9.30 Uhr. „Was wollen Sie?“, fragt er skeptisch. „Wir möchten mit Ihnen über Peter Fechter sprechen. Ihren Freund, mit dem Sie am 17. August 1962 die Flucht über die Mauer gewagt haben. Und über Ihr Leben nach diesem Tag.“ Blick und Körperhaltung von Helmut Kulbeik werden noch abweisender: „Darüber will ich nicht reden.“

Die Geschichte von Peter Fechter ist nicht vollständig ohne die Geschichte Helmut Kulbeiks. Fechters Fluchtversuch und sein tragischer Tod im Grenzstreifen zwischen Ost- und West-Berlin heute vor genau 50 Jahren sind bekannt, Kulbeiks Schicksal dagegen nicht. Es ist eine Geschichte des Scheiterns.

Der Maurergeselle Fechter und der Betonbauer Kulbeik spielen im Sommer 1962 schon seit einigen Wochen mit dem Gedanken, gemeinsam die Flucht aus der DDR zu wagen. Beide sind fast gleichaltrig, achtzehneinhalb Jahre, arbeiten zusammen und verbringen auch die Freizeit miteinander, gehen tanzen oder fahren Kanu. Doch der Eindruck einer unbeschwerten Jugend trügt. Mitte Juni 1962 lehnt die Polizei Peter Fechters Antrag ab, zu seiner in West-Berlin lebenden älteren Schwester Lieselotte reisen zu dürfen.

Er will einfach nur frei sein

Auch Helmut Kulbeik fühlt sich vom SED-Staat drangsaliert. Wie Fechter ist er von Verwandten in West-Berlin getrennt, seine Großmutter und eine Tante leben dort. Zudem hat die Familie, seit er als 14-Jähriger konfirmiert worden ist, gelegentlich Hausbesuch von Parteifunktionären bekommen. Sie wollen Helmut überreden, doch noch an der staatlichen Jugendweihe teilzunehmen. Der aber hat keine Neigung, sich ständig betrieblich, gesellschaftlich und sogar in seiner Freizeit einzugliedern und anzupassen. Er will einfach nur frei sein. Und er will nicht zur Armee. So wächst trotz des Risikos der Drang, einen Fluchtversuch zu wagen.

Am 17. August 1962 geben Kulbeik und Fechter nach einer Pause vor, noch schnell Zigaretten kaufen zu gehen – tatsächlich laufen sie zu einer Tischlerei in unmittelbarer Nähe des innerstädtischen Sperrgebiets. Hier verstecken sie sich. Gegen 14.10 Uhr wagen sie den entscheidenden Sprung in den Todesstreifen. Doch DDR-Grenzposten entdecken sie und schießen sofort. Während Peter Fechter schockiert stehen bleibt und von einer Kugel tödlich getroffen wird, windet Helmut Kulbeik seine 1,85 Meter geschickt durch den gitterförmig gespannten Stacheldraht vor der Mauer, zieht sich auf die Betonsperre hoch und unter dem ypsilonförmigen Stacheldrahtträger hindurch. Er ruft seinem Freund noch zu: „Nun los, nun los, nun mach doch!“, dann rutscht er über die Mauerkrone. Hinter sich hört er noch weitere Schüsse. Kulbeik läuft nach links, zum nächsten erkennbaren Eingang – er führt in die Druckerei des Axel-Springer-Verlags an der Kochstraße. Mit Ausnahme von Kratzern der Stacheldrahtdornen an Armen und Beinen ist er unverletzt.

Bevor Kulbeik zu seiner Großmutter gebracht wird, die in einer Einzimmerwohnung im Wedding lebt, unterhält sich West-Berlins Innensenator Heinrich Albertz mit ihm. Auf die Frage, warum sie die Flucht am hellen Tage gewagt hatten, antwortet Kulbeik: „Wir dachten, Frechheit siegt. Uns ist es ja auch gelungen, bis dicht an die Mauer heranzukommen.“

Vier Tage später schildert Kulbeik der Polizei seine familiären Verhältnisse und den Ablauf der Flucht. Das viereinhalbseitige Protokoll endet mit der Bitte: „Mit der Presse will ich nichts zu tun haben.“ Daran hält er sich fast 50 Jahre.

„Er war wie verwandelt”

Kulbeik erholt sich nicht lange, nach vier Wochen geht der junge Mann zum Arbeitsamt und bekommt als Bauarbeiter sofort eine Anstellung. Doch erst fast ein Jahr nach der Flucht knüpft er wieder engeren Kontakt zu Gleichaltrigen. In der Kneipe „Togo-Eck“ lernt er eine Clique kennen, der auch Susanne Schirmer angehört. Ihr gefällt seine Freundlichkeit, der 19-Jährige ist gesellig und humorvoll, bald schätzt sie auch seine Verlässlichkeit. Außerdem sieht Helmut mit seinen schwarzen Haaren attraktiv aus. Seine neuen Freunde wissen, dass Kulbeik aus dem Osten geflohen ist. Er hat erzählt, es sei eine spontane Entscheidung gewesen. Mehr berichtet er nicht, und die jungen Leute haben anderes im Kopf, als ihn nach Details zu fragen. Dass er seine Eltern und seine Schwester vermisst, können sie nachvollziehen und glauben trotzdem, dass er doch froh über die geglückte Flucht sei und unbelastet an die Zukunft denken wolle.

1967 heiratet Helmut Kulbeik seine Freundin. Kurz darauf fährt sie allein mit einem Passierschein nach Ost-Berlin, um die Familie ihres Mannes kennenzulernen und zu berichten, wie es ihm geht. Die junge Frau fährt noch einige Male in den Osten, bringt Geschenke und Kleidung für die Kinder von Helmuts älterer Schwester mit. Dabei erfährt sie, ihr Mann sei wegen „Republikflucht“ in Abwesenheit zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Urteil und die Vergangenheit scheinen ihn aber nicht zu belasten.

Umso überraschter ist Susanne Kulbeik, als sich ihr Mann 1969 schlagartig verändert. Sie muss für einige Monate zur Kur, und „ich habe geglaubt, Helmut kommt allein zurecht“, sagt sie rückblickend. Nach einiger Zeit aber melden sich Freunde bei ihr und berichten, dass Helmut nicht zu erreichen sei, sich herumtreibe und die Miete nicht zahle. Offensichtlich hat er auch seine Arbeit aufgegeben. Susanne ruft an, erreicht ihren Mann aber nicht und bricht schließlich die Kur ab. Als er nach Wochen einmal vorbeikommt, stellt sie ihn zur Rede, „doch er war wie verwandelt, ein Fremder“, sagt sie heute.

Zeitungsartikel an der Wand

Kulbeik kann selbst nicht erklären, was passiert ist. „Das kam von einem Tag auf den anderen“, sagt er heute, nun doch bereit zu reden. Einen konkreten Anlass habe es nicht gegeben. Susanne Kulbeik glaubt, er habe das plötzliche Alleinsein nicht ertragen. „Das hat damit nichts zu tun“, wehrt Helmut Kulbeik ab. Dann gibt er zu: „Das waren die ganzen Umstände. Das mit der Flucht kam immer wieder hoch.“ Der Tod seines Freundes, außerdem die Trennung von Eltern und Schwester belasteten ihn offenkundig doch stärker, als er zugeben wollte oder vielleicht auch sich selbst eingestanden hat.

Obwohl Susanne Kulbeik damals schwanger ist, kühlt sich das Verhältnis zu ihrem Mann weiter ab. Helmut lässt sie immer öfter allein. Schließlich weiß sie sich nicht anders zu helfen, als 1970 die Scheidung einzureichen – da ist der gemeinsame Sohn Gregor gerade wenige Wochen alt. Susanne zieht zu ihren Eltern, nur einmal kommt Helmut vorbei, um Gregor zu sehen. Weil er weiter seine Miete nicht zahlt, wird die ehemals gemeinsame Wohnung zwangsgeräumt. Freunde von Susanne helfen, die letzten Möbel abzutransportieren, und erleben eine Überraschung: An die Wände im Flur sind Zeitungsartikel über die Flucht und über Peter Fechters qualvollen Tod geheftet.

Die Spur von Kulbeik verliert sich. Seine Ex-Frau hört, er sei bei einer neuen Freundin; einmal erfährt sie zufällig, wo er arbeitet, und versucht, ihn zum Unterhalt zu bewegen. Ein einziges Mal zahlt Kulbeik, dann taucht er wieder ab.

Nicht mehr auffindbar

Nach dem Mauerfall stellen die Schwestern von Peter Fechter Strafanzeige gegen die Todesschützen und deren Vorgesetzten. Die Behörden wollen Helmut Kulbeik befragen, doch das erweist sich als schwierig. Nach seiner Scheidung hat er nie wieder zurückgefunden in ein normales Leben. Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Obdachlosigkeit sind die Folgen. Einmal nur trifft er sich nach 1989 mit seiner Exfrau und seinem Sohn. Doch zu einer Versöhnung kommt es nicht. Auch die Ladung der Polizei zur Vernehmung im Mai 1993 ignoriert er zunächst; als er auf nachdrückliche Bitten doch erscheint, hat Kulbeik zur Sache wenig beizutragen. Als Belastungszeuge im Prozess gegen die mutmaßlichen Schützen ist er ungeeignet. Zum Prozess 1997 erscheint Helmut Kulbeik nicht; die Staatsanwaltschaft kann nur mitteilen, er sei seit einem Jahr nicht mehr auffindbar.

Vor allem die Angehörigen der Familie Fechter bedauern das. Peters jüngste Schwester Ruth hat versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen, doch Kulbeik hat sich einem Gespräch immer verweigert. Die Fechters können das zwar verstehen, denn auch für ihn sei die Flucht sicherlich ganz schrecklich gewesen. Dass er heute anonym in einem sogenannten Nächtigungsheim lebt, das Obdachlose und andere Bedürftige aufnimmt, erschüttert die Familie seines einstigen Freundes. „Wir machen ihm keinen Vorwurf“, stellt Fechters Nichte Jutta Döring fest. „Er kann ja nichts dafür, dass er es geschafft hat und Peter nicht.“ Andererseits sind Fragen offen. Was war das Motiv für die Flucht? Was hat Peter in seinen letzten Stunden gedacht und gefühlt? Helmut Kulbeik hätte zumindest nach dem Mauerfall, mit zeitlichem Abstand, darüber reden können, meint Jutta Döring: „Ich glaube, das hat meine Familie schon erwartet.“

„Das verfolgt mich mein ganzes Leben lang”

„Warum sollte ich das tun?“, fragt Helmut Kulbeik, als er darauf angesprochen wird. Aber er sei doch der Letzte, der mit Fechter geredet hat. „Wir haben uns über gar nichts unterhalten“, blockt er ab. „Wir wussten ja, was wir im Westen wollten.“ Die Freiheit eben. Hat er Schuldgefühle, weil ihm die Flucht geglückt ist und Peter Fechter nicht? „Nein. Das mit ihm hätte mir doch genauso passieren können.“ Ist der 50. Jahrestag der Flucht etwas Besonderes für ihn? „Nein, ganz normal.“ Aber die ganzen Umstände der Flucht hat er nicht vergessen? Helmut Kulbeik zögert einen Augenblick, dann sagt er: „Vergessen kann man so etwas niemals. Man kann ja den Schalter nicht einfach ausdrehen – und Schluss. Nein, das verfolgt mich ein ganzes Leben lang. Aber hören wir auf, das hat sich erledigt.“

Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff haben das Buch „Mord an der Mauer. Der Fall Peter Fechter“ verfasst (Quadriga Verlag, 192 S., 19,99 Euro)