Kommentar

Religiöse Beschneidung – Im Zweifel für die Toleranz

| Lesedauer: 3 Minuten
Clemens Wergin

Clemens Wergin über das Kölner Urteil zur Beschneidung der männlichen Vorhaut und seine Folgen im In- und Ausland.

Seit ein deutsches Landgericht die religiös begründete Beschneidung der männlichen Vorhaut verbot, schlagen im In- und Ausland die Wellen hoch. Obwohl der Fall einen muslimischen Jungen betraf, wurde das Urteil als Angriff auf das Judentum verstanden. Weil die Beschneidung von Jungen dort ein viel zentraleres Gebot darstellt als im muslimischen Glauben.

Das Kölner Gericht hatte ein Verbot erklärt, den angeklagten Arzt aber wegen „Verbotsirrtum“ freigesprochen, weil er sich der juristischen Lage nicht bewusst gewesen sei. Das führte zu einer absurden Situation. Einerseits verbreitete das Urteil seine abschreckende Wirkung im ganzen Land. Andererseits konnte es in einer höheren Instanz nicht angefochten werden. Schließlich hatte der freigesprochene angeklagte Arzt kein Interesse, die Sache weiter zu verfolgen. Was an der darauffolgenden deutschen Debatte verwundert, ist die Verbissenheit, mit der manche das Kölner Urteil verteidigen. Ganz so, als hänge am Zipfelchen Vorhaut, das in vielen Ländern dieser Erde aus medizinischen oder hygienischen Gründen entfernt wird, das ganze deutsche Grundgesetz. Ein Irrtum, dem auch die Kölner Richter erlegen waren.

Es handelt sich um einen der vielen Fälle, in denen eine aufgeklärte Gesellschaft mit Praktiken konfrontiert wird, die ein forciert modernes Bewusstsein als vormodern und archaisch empfindet. Zu einem Problem wird das dann, wenn der jeweilige Zeitgeist sich für ermächtigt hält, ohne Rücksicht auf Verluste einen jahrtausendealten Ritus mal eben zu verbieten. In der deutschen Empörung gegen die Beschneidung schwingt dabei auch ein ungutes romantisches Erbe mit, das den angeblichen Naturzustand des Menschen zu verherrlichen sucht. Wo Moderne draufsteht, ist also tatsächlich sehr viel Antimoderne drin.

Als Kind der Aufklärung kann man vieles an der alten biblischen Praxis problematisieren. Aber der Mangel an Toleranz erscheint auch vielen ausländischen Kommentatoren als typisch deutscher Furor, der sich wieder einmal gegen die jüdische Minderheit wendet – diesmal im Namen von Aufklärung und Grundgesetz. Ein verheerendes Signal. Ein wenig mehr Demut stünde den Beschneidungsgegnern jedenfalls gut an. Und ein wenig mehr Skepsis, ob die aus einer gegenwärtigen Gestimmtheit geborenen Werturteile als Maßstab taugen, an dem sich alle anderen zu orientieren haben.

Die liberale Demokratie ist der beste Ort, um solche unausweichlichen Gegensätze zwischen Moderne und Tradition zu moderieren. Und tatsächlich handelt es sich ja um einen Konflikt verschiedener Grundrechte. Da ist auf der einen Seite das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Auf der anderen Seite steht das Recht auf Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft und das Recht auf elterliche Erziehung. Es geht also um eine Güterabwägung. Und da wird man bei der männlichen Beschneidung – im Gegenteil zur weiblichen – zum Ergebnis kommen müssen, dass der Eingriff nicht so schwerwiegend ist, dass er einen Verstoß gegen die anderen Grundrechte rechtfertigt. Deshalb ist es richtig, wenn die Bundesregierung nun versucht, die durch das Kölner Urteil entstandene Rechtsunsicherheit per Gesetz zu beheben.

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