Bildungsstudie

Jeder zweite Berliner Student um berufliche Zukunft besorgt

| Lesedauer: 8 Minuten
Monika Ewa Kijuk und Thomas Vitzthum

Sehnsucht nach Sicherheit: Der deutsche Student von heute ist gesellschaftlich engagiert und eigentlich ganz zufrieden.

Als Germanistikstudent im vierten Semester ist die Welt noch in Ordnung. Interessante Vorlesungen, gute Professoren, noch ein Jahr bis zum Abschluss – Manuel Metzig (25) aus Friedrichshain ist ziemlich zufrieden mit seinem Studium an der Humboldt-Universität. Seine Entscheidung, nach der Ausbildung zum Industriekaufmann in die germanistische Linguistik einzutauchen, hat er nie bereut. Doch natürlich denkt Manuel Metzig auch an die Zukunft – und die bereitet ihm durchaus Sorgen. Er fürchtet, keine Festanstellung zu bekommen, die seinen Ansprüchen genügt. „Besonders in der Branche der Germanistik ist es schwierig, sofort an einen guten Job zu kommen“, sagt der junge Berliner.

Manuel Metzig ist nicht der Einzige an seiner Uni, der sich solche Gedanken macht. Jeder zweite Berliner Student macht sich Sorgen, dass sich seine beruflichen Chancen in Zukunft verschlechtern. Damit sind die Hauptstädter besonders pessimistisch, doch auch bundesweit sind 41 Prozent der Studierenden besorgt, wenn sie an ihre Jobaussichten denken. Dabei macht es so gut wie keinen Unterschied, ob die Hochschüler in den alten oder in den neuen Bundesländern studieren. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Demoskopie Allensbach, das mehr als 2000 Studierende im Auftrag des Reemtsma-Begabtenförderungswerks befragt hat.

Doch woher kommt diese Unsicherheit? Mehrere Dinge spielen wohl zusammen. Nachrichten aus den krisengeschüttelten südeuropäischen Ländern, in denen oft als Erstes die Jungen entlassen werden, erreichen natürlich auch die Studenten in Deutschland. Sie ziehen daraus offensichtlich den Schluss, dass sich die persönliche Lage schnell ändern kann und von äußeren Faktoren abhängig ist, die sie nicht beeinflussen können. Dieser Meinung ist auch Rüdiger Schulz, Projektleiter bei Allensbach: „Angesichts der labilen Verfassung der Weltwirtschaft und sehr hoher Jugendarbeitslosigkeit in Euro-Ländern wie Spanien, Griechenland, Italien und selbst Frankreich zweifeln viele Studierende offenbar an der Nachhaltigkeit des derzeitigen Akademiker- und Fachkräftebedarfs in Deutschland.“

Zu Angst wird diese Erkenntnis, weil die heutigen Studierenden in ihrer grundsätzlichen Einstellung zu Beruf und Karriere ziemlich konservativ sind. Der flexible, hippe Arbeitsplatz mit vielen Dienstreisen und Standortwechseln, mit dynamischem Zeitvertrag ist nicht ihr Ideal. Sie besinnen sich vielmehr auf ihre nächste Umgebung und wollen dauerhafte Bindungen. So nimmt etwa der Drang, nach dem Abschluss ins Ausland zu gehen, ab. Und das wichtigste Kriterium bei der Suche nach einem Arbeitsplatz ist Sicherheit. 70 Prozent setzen diese Priorität. Die Vorbehalte gegen einen befristeten Arbeitsplatz sind groß. Sicherheit ist wichtiger als Selbstverwirklichung. Auf der Prioritätenliste fällt der Wunsch, sich im Beruf den eigenen Fähigkeiten gemäß entfalten zu können, mit 59 Prozent Zustimmung deutlich ab. Knapp dahinter, bei den Frauen noch davor, steht der Anspruch, Beruf, Familie und Privatleben vereinbaren zu können.

Dementsprechend haben 30 Prozent der Befragten die Sorge, dass sie keinen passenden Job finden oder zumindest lange danach suchen müssen, 22 Prozent befürchten, nur einen befristeten Arbeitsvertrag zu bekommen. Und immerhin 16 Prozent machen sich Gedanken darüber, dass die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt härter wird, weil auch viele Absolventen aus dem Ausland in Deutschland arbeiten wollen.

Auch Marlen Conrad aus Prenzlauer Berg ist ein fester Arbeitsplatz wichtig. Darauf arbeitet die HU-Studentin der Wirtschaftspädagogik bereits hin – 20 Stunden pro Woche jobbt sie bei Daimler in der Versicherungsabteilung. Weitere Berufserfahrung sammelte sie als studentische Hilfskraft in einem Steuerbüro. Die 30-Jährige ist gut qualifiziert, dennoch wäre sie bereit, einem guten Jobangebot zu folgen und Berlin zu verlassen.

Berlins Studenten sind skeptischer

Die aktuelle Situation sieht trotz Zukunftssorgen aber gar nicht so schlecht aus. Konstant hält sich die Arbeitslosigkeit von Akademikern bei unter drei Prozent. Die demografische Entwicklung spielt der jungen Generation ebenfalls in die Hände, sie wird gebraucht, in vielen Branchen herrscht bereits Fachkräftemangel. Keinesfalls ein Massenphänomen sind auch Praktika nach Studienabschluss, das steht zumindest in dem Bildungsbericht 2012 von Bund und Ländern, der am Freitag offiziell vorgestellt wird und Morgenpost Online bereits vorliegt: „Praktika nach einem Studienabschluss kommen nur in wenigen Fachrichtungen in nennenswerten Anteilen (bis zu zehn Prozent) vor.“ Auch gebe es keine Hinweise, dass wegen der stark gestiegenen Absolventen-Zahlen immer mehr in Berufe ausweichen müssten, für die sie überqualifiziert seien.

Die Studenten, die wie Rechtswisenschaftler Jan Schlömer aus Prenzlauer Berg, bereits am Ende ihres Studiums stehen, sind sich dieser Tatsachen offenbar bewusst. 71 Prozent der Befragten der Allensbach-Studie bewerten ihre Jobchancen nämlich aktuell als gut. So hat auch der 28 Jahre alte Jan Schlömer, der bereits als Referendar am Kammergericht arbeitet, keine Zukunftsangst. „Ich schätze meine Berufsaussichten als gut ein“, sagt Schlömer. Allerdings sind die Berliner Studenten auch hier generell pessimistischer als im Rest der Republik: Während 22 Prozent der Hochschüler ihre aktuellen Jobchancen skeptisch sehen, sind es in Berlin 29 Prozent.

Die Macher der Studie haben aber auch die aktuellen Studienbedingungen abgefragt. Und siehe da: Die Horrorszenarien von Vorlesungen in Containern, Professoren, die mit Killer-Prüfungen die Zahl ihrer Zuhörer dezimieren, und Studenten, die einfach vor der Tür bleiben müssen, sind nicht allgemeine Wirklichkeit geworden. Zwar sind die Hochschulen voll wie noch nie, 515.000 Erstsemester haben im Studienjahr 2011 neu begonnen, 70.000 mehr als im Vorjahr. Diese Zahlen sind Folge der doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen. Doch offenbar wurde der Ansturm besser bewältigt als von vielen erwartet. 66 Prozent bewerten ihre Studienbedingungen 2012 als gut bis sehr gut. Das sind zwar etwas weniger als 2011, als 74 Prozent ihre hohe Zufriedenheit ausdrückten. Gleichwohl – ein Absturz ist es nicht.

Vor allem bewerten mit vier Prozent der Studenten (drei Prozent 2011) nur sehr wenige ihre Situation als gar nicht gut. Von den Hochschülern, die schon vor dem Wintersemester 2011/12 eingeschrieben waren, empfanden 16 Prozent eine Verschlechterung. Als Grund nannten sie überfüllte Seminare und schlechtere Betreuung. Demgegenüber stehen 14 Prozent, aus deren Sicht sich die Bedingungen verbessert haben. 57 Prozent sehen keine Veränderung. Selbst die Studierenden in Bayern und Niedersachsen, wo die Zahl der Erstsemester teilweise um mehr als 30 Prozent gestiegen ist, berichten nicht häufiger über Verschlechterungen.

Um den Ansturm auszugleichen, hatten Bund und Länder zwei Hochschulpakte zur Schaffung neuer Studienplätze aufgelegt. Bis 2010 wurden 182.000 zusätzliche Plätze geschaffen, doppelt so viele wie ursprünglich prognostiziert. Für die Zeit ab 2011 bis 2015 sollen noch einmal 334.000 finanziert werden. Der Bildungsbericht von Bund und Ländern formuliert allerdings die Erwartung, dass die Kapazitäten bereits vor 2015 erschöpft sein werden. Die Prognosen der Kultusminister, auf denen die Pakte beruhen, gingen von einer wesentlich geringeren Studierneigung aus. Doch seit Jahren übertreffen die tatsächlichen Studentenzahlen die Prognosen deutlich. 55 Prozent eines Jahrgangs studieren.

Zum Schluss hat die Studie übrigens noch eine gute Nachricht jenseits der Universitätsmauern parat: Mehr als 40 Prozent der Studierenden geben an, sie engagierten sich ehrenamtlich. Gleichzeitig ist vielen Studenten (26 Prozent) aber auch das soziale Engagement des Arbeitsgebers wichtig. Auch die Unternehmen müssen also an die Zukunft denken.

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