Nordkorea

Kim Jong-un möchte Zeitungen in Südkorea bombardieren

Weil südkoreanische Medien einen Aufzug von 20.000 Kindern im Nachbarland kritisierten, droht Pjöngjang mit Raketen. Das Ziel: Journalisten

Nordkoreas Führung ist schwer beleidigt. Da hatte sie ein großes Fest organisiert: 20.000 Schulkinder aus allen Teilen des Landes jubeln seit Sonntag sechs Tage lang in der Hauptstadt Pjöngjang ihrem Führer Kim Jong-un zu. Und was machen die südkoreanischen Medien? Sie ziehen dieses Großereignis in den Dreck. „Reine Propaganda“ nannte die Presse des Bruderstaates den 66. Jahrestag der nationalen Kinderunion. Der südkoreanische Fernsehsender Channel A hatte das Kinderfest gar „eine politische Show im Stil von Adolf Hitler“ bezeichnet.

Der Generalstab der nordkoreanischen Volksarmee hat dem Süden nun zur Strafe ein „offenes Ultimatum“ gestellt. Entschuldigt sich die Regierung in Seoul nicht, werde man die Redaktionsräume der hämischen Medien mit Raketen beschießen. Die genauen Koordinaten im Zentrum von Seoul habe man bereits in die Waffensysteme eingegeben. Nehmt diese „bösartigen Verleumdungen“ zurück, droht Pjöngjang.

Wie kann man denn auch glückliche Schulkinder als Propaganda bezeichnen? Die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA hatte doch genau geschildert, wie das Fest abläuft: „Die jungen Delegierten konnten ihre endlose Freude bei all ihrer unwandelbaren Sehnsucht, das huldvolle Bild des respektierten Kameraden Kim Jong-un tief in ihrem Herzen zu bewahren, nicht zurückhalten.“

Bisher nur wilde Worte ohne Taten

Die KCNA protokollierte sogar die tief empfundene Dankbarkeit der Kinder. So soll zum Beispiel ein 13-Jähriger gesagt haben: „Sir Kim Jong-un, wir danken dir so sehr dafür, dass uns diese große Ehre zuteilwird.“ Jetzt, nach dem Spott aus dem Süden, zählt die Nachrichtenagentur detailliert die insgesamt neun verschiedenen Zeitungs- und Fernsehredaktionen auf, ihre genauen Längen- und Breitengrade – und was man mit ihnen machen werde, wenn Südkorea sich nicht entschuldigt. Die Tageszeitung „Chosun Ilbo“ etwa, mit den Koordinaten 37 Grad, 56 Minuten und 83 Sekunden nördlicher Breite und 126 Grad, 97 Minuten und 65 Sekunden östlicher Länge habe man genau im Visier, droht der Generalstab der Nationalen Volksarmee.

Schuld an allem sei Südkoreas konservative Regierung unter Präsident Lee Myung-bak. Der habe die üble Berichterstattung, diese „monströse Schlammschlacht“ initiiert. Und deshalb müsse er sich entschuldigen, um einen Angriff auf die Medienbüros zu verhindern. „Sollten diese Höhlen monströser Verbrechen eine nach der anderen in die Luft gejagt werden, wird die Lee-Gruppe ganz und gar dafür verantwortlich gemacht werden.“ Weiter: „Wenn die Lee-Gruppe rücksichtslos den Ausbruch von Feindseligkeit unserer Armee herausfordert, wird diese gegen sie mit einem gnadenlosen heiligen Krieg ihres eigenen Stils zurückschlagen.“ Nordkorea sei „vollkommen bereit für alles“. Und: „Die Zeit läuft ab.“

Südkorea reagierte prompt: Das Ministerium für Wiedervereinigung erklärte, mit diesen Drohungen gehe Pjöngjang entschieden zu weit. Und überhaupt: Die Pressefreiheit sei ein Grundrecht, das in freien und demokratischen Staaten überall in der Welt garantiert sei. „Dies ist eine signifikante Herausforderung und Provokation für die freie Demokratie“, so ein Sprecher des Ministeriums, das für die Beziehungen zum verfeindeten Norden zuständig ist. „Wir nehmen das sehr ernst und rufen den Norden dringend dazu auf, solche Drohungen gegenüber unseren Medien sofort zu unterlassen.“ Hier hört der Spaß auf: Seoul mit seinen zehn Millionen Einwohnern befindet sich durchaus innerhalb der Reichweite nordkoreanischer Artilleriegeschütze und Raketen.

Immerhin: Dies ist das erste Mal, dass der Norden die Koordinaten seiner Angriffsziele so offenherzig preisgibt. Das gesamte Ultimatum ist zudem auf Englisch formuliert, schreibt die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap – ist also ein Signal an die ganze Welt.

Seit Kim Jong-un im Dezember von seinem verstorbenen Vater das Ruder in Pjöngjang übernommen hat, sträubt Nordkorea das Fell bei jeder noch so kleinen Kritik an seinem neuen Staatsführer. Das Säbelrasseln und die feindseligen Drohungen gegen den Süden haben in den letzten Wochen noch zugenommen. Im April erst schwor das nordkoreanische Militär, Teile Südkoreas in Schutt und Asche zu legen, weil Seoul sein Regime angeblich diffamiert habe. Bisher waren dies allerdings nur wilde Worte, auf die keine Taten folgten.

Nordkorea und seine erratisch-übertriebenen Äußerungen wurden – bei aller durchaus begründeten Sorge – in der Vergangenheit schon des Öfteren zur Zielscheibe für Spott und Zynismus. So zeigt der amerikanische Puppenfilm „Team America: World Police“ zum Beispiel eine selbstmitleidige Karikatur des verstorbenen ehemaligen Staatsführers Kim Jong-il, die unter einem schlimmen Minderwertigkeitskomplex leidet und die ganze Welt mit Massenvernichtungswaffen zerstören will. Angesichts der jüngsten Drohungen aus Pjöngjang scheint jenes Drehbuch aus dem Jahr 2004 kaum allzu überzeichnet.