Amoklauf in Afghanistan

Zeugen erheben schwere Vorwürfe gegen US-Armee

Nach dem Amoklauf eines GI mit 16 Toten spricht die afghanische Regierung von "vorsätzlichem Mord". Zudem gibt es Zweifel an der These vom Einzeltäter.

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Kurz vor Sonnenaufgang verließ er am Sonntagmorgen seine Armeebasis – ausgerüstet mit einem Nachtsichtgerät und schwerer Bewaffnung. Und dann richtete er in dem entlegenen Dorf Balandi Pul im Distrikt Pandschwai in der Provinz Kandahar ein Blutbad an. 16 afghanische Zivilisten starben am Sonntag im Kugelhagel eines amerikanischen Soldaten. Darunter waren nach afghanischen Angaben neun Kinder und drei Frauen.

Der US-Soldat scheint dabei wahllos in Häuser eingedrungen zu sein, viele der Opfer sollen noch in ihren Betten gelegen haben. Bei sechs der neun getöteten Kinder soll es sich um Mädchen handeln, wie Dorfbewohner der "New York Times" sagten.

Eines der angegriffenen Häuser sei nach Angaben eines Dorfbewohners das eines Stammesältesten gewesen. „Wir wissen nicht, warum er die Leute getötet hat“, sagte ein Bewohner der Zeitung. Der US-Soldat sei allein gewesen, und es habe vorher „keine Kämpfe oder einen Angriff” gegeben.

"Mit Chemikalien übergossen und verbrannt"

Andere Zeugen sprechen indes von mehreren GIs die in das Dorf eingedrungen seien. Sie hätten gelacht und seien offenbar betrunken gewesen. Ein Dorfbewohner sagte, elf seiner Angehörigen seien getötet worden, darunter seine Kinder und Enkel. „Sie haben die Leichen mit Chemikalien übergossen und verbrannt“, sagte der Mann der Nachrichtenagentur Reuters. Er selbst habe das Haus am Tag zuvor verlassen.

Die Mordtat löste eine neue Krise im amerikanisch-afghanischen Verhältnis aus, nachdem die versehentliche Verbrennung eines Korans im Monat zuvor schon für heftige Unruhen gesorgt hatte. Präsident Hamid Karsai sprach von einem „unverzeihlichen Verbrechen“ und "vorsätzlichen Morden" und verlangte von den USA Aufklärung.

„Die afghanische Regierung hat oft diese so genannten Einsätze gegen Terrorismus verurteilt, in denen Zivilisten Opfer erleiden“, sagte Karsai nach Angaben seines Amtes. „Aber wenn amerikanische Soldaten vorsätzlich Menschen töten, dann ist das ein unverzeihliches Verbrechen.“ Karsai sandte eine Untersuchungskommission zum Tatort. Und er forderte, die US-Regierung müsse die Tat dem afghanischen Volk erklären.

Der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf, General John Allen, zeigte sich „schockiert“ über den Vorfall. Allen sagte eine rasche Untersuchung zu. Er wolle dafür sorgen, dass nach der Klärung der Verantwortung Strafen verhängt würden, erklärte Allen. Dies verspreche er „dem afghanischen Volk“.

Soldat soll unter psychischen Problemen gelitten haben

Entgegen der afghanischen Darstellung geht die amerikanische Führung nach wie vor von einem Einzeltäter aus. Der Mann soll unter psychischen Problemen leiden. „Es sieht so aus, als habe er einfach seinen Posten verlassen und ist dann später zurückgekehrt und hat sich gestellt”, sagte Armeesprecher James Williams der „Washington Post“. Nach afghanischen Militärangaben soll der US-Soldat jedoch außerhalb des Stützpunktes noch von afghanischen Soldaten festgenommen worden sein.

Die US-Botschaft in Kabul verurteilte die Tat und versprach, den Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Der mutmaßliche Täter befinde sich in Gewahrsam der internationalen Truppen.

Vor seiner Erklärung zur Bluttat des US-Soldaten hatte Karsai bekannt gegeben, das Abkommen über eine strategische Partnerschaft mit den USA nach 2014 solle noch im Mai unterzeichnet werden. Beide Seiten hätten sich auf „neue Rahmenbedingungen“ verständigt. Anders als ursprünglich geplant solle das Abkommen zunächst keine Regelung über die Stationierung von US-Soldaten nach dem offiziellen Ende des Nato-Kampfeinsatzes Ende 2014 enthalten. Über diese Frage solle separat verhandelt werden, erklärte Karsai.

Washington versuchte noch am Sonntag, den Schaden zu begrenzen. Caitlin Hayden, Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates, sagte, die Mitglieder der Regierung seien „sehr besorgt über erste Berichte über den Vorfall und verfolgen die Lage intensiv“. Auch das US-Militär bemühte sich, die Wogen zu glätten. „Das ist ein sehr bedauernswerter Vorfall und wir denken an die betroffenen Familien und teilen ihre Sorgen“, hieß es in einer Erklärung.

Spannungen zwischen Isaf und Kabul

Pandschwai ist ein ländlicher Vorort von Kandahar und traditionell eine Hochburg der Taliban. Im Jahr 2010 stand das Gebiet im Zentrum der amerikanischen Truppenaufstockung in der Region und war Schauplatz heftiger Kämpfe mit den Taliban. Diese kündigten denn auch Racheakte an.

Die Tötung afghanischer Zivilisten sorgt immer wieder für erhebliche Spannungen zwischen der Isaf und der Regierung in Kabul. In den vergangenen Wochen hatte zudem die Verbrennung von Koran-Exemplaren durch US-Soldaten auf dem Stützpunkt Bagram im ganzen Land tagelange Massenproteste ausgelöst. Dabei waren rund 30 Afghanen getötet worden.

Im November wurde in den USA der Anführer eines „Tötungsteams“ zu lebenslanger Haft verurteilt, der zwischen Januar und Mai 2010 in der Provinz Kandahar mit mehreren Kameraden drei afghanische Zivilisten ermordet hatte.