Gauck-Nominierung

Nicht nur im Bellevue beginnt neue Zeitrechnung

Wenn Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt wird, beginnt nicht nur im Schloss Bellevue eine neue Zeitrechnung, meint Torsten Krauel. Denn erstmals halten dann zwei frühere DDR-Bürger die beiden wichtigsten Staatsämter der Bundesrepublik in ihren Händen. Ein Kommentar.

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Fünf Parteien taumelten bei der Suche nach Christian Wulffs Nachfolger von Namen zu Namen, als hätten sie erst in der Minute des Rücktritts den Ernst der Lage begriffen. Union und FDP gerieten über die Benennung eines gemeinsam getragenen Vorschlags sogar an den Rand einer Koalitionskrise. Und das, obwohl seit zwei Wochen, eigentlich aber bereits seit der Jahreswende, mit Christian Wulffs Ausscheiden gerechnet werden musste.

Haben die Vertreter der Union, die Wulff hartnäckig verteidigten, ihre eigenen Worte tatsächlich geglaubt? War Angela Merkels hinhaltender Widerstand gegen Joachim Gauck eine raffinierte Finte, einzig erdacht zu dem Zweck, der FDP endlich bei einem populären Thema bundesweiten Applaus zu verschaffen? Oder hat Philipp Rösler endlich die Härte gezeigt, die man in der Politik manchmal haben muss?

Die FDP jedenfalls hat Joachim Gauck durchgesetzt, und damit beginnt nicht nur im Schloss Bellevue eine neue Zeitrechnung. Zum ersten Mal werden zwei frühere DDR-Bürger die beiden wichtigsten Staatsämter der Bundesrepublik in ihren Händen halten. Es sind zwei Ostdeutsche mit Wurzeln in der evangelischen Kirche – beide nicht von Anfang an im kirchlichen Widerstand aktiv, aber beide in der Wendezeit und den ersten Einheitsjahren politisch aufgestiegen. Zwei Jahrzehnte nach dem Arbeitsbeginn der Stasi-Unterlagenbehörde bekommt Deutschland nun einen Bundespräsidenten, der zum Thema Freiheit keine Sonntagsreden halten wird. Die Jahrestage seiner voraussichtlichen Amtszeit – 25 Jahre Mauerfall, 75 Jahre Beginn des zweiten Weltkrieges, 100 Jahre Beginn des ersten Weltkrieges, womöglich auch das Lutherjahr 2017 – werden Joachim Gauck Anlässe für große Ansprachen bieten.

Die Popularität Gaucks war die ganze Zeit über kein Geheimnis. Es musste den Beteiligten klar sein, dass sich die Kriterien für einen allseits akzeptablen Namen – nicht links, nicht rechts, nicht zu parteilich, aber auch nicht unpolitisch, weder zu alt noch zu jung – kaum binnen 48 Stunden zu einem anderen Namen als Gauck verdichten ließen. Zum Glück haben sich Angela Merkel, Philipp Rösler und Horst Seehofer rechtzeitig dessen besonnen, wenngleich anscheinend mit erheblichem Druck durch Rösler. Es sieht so aus, als begänne nun womöglich auch wieder eine neue Zeitrechnung für die FDP. Rösler hat sich verhalten wie zuletzt Hans-Dietrich Genscher 1988, als es um die Modernisierung von US-Kurzstreckenraketen auf deutschem Boden ging. Genscher drohte mit dem Koalitionsbruch. Er obsiegte. Die FDP erstarkte.

Die wichtigste Führungsmacht Europas hätte am Sonntag fast ihre Regierung wegen Joachim Gauck verloren. Zum Glück war niemand der Beteiligten halsstarrig. Nun hat Deutschland einen Präsidenten, der eine Situation wie die Euro-Krise in seinem Leben schon einmal erlebt hat. Er hat wie Merkel den Zusammenbruch der DDR mit eigenen Augen und Sinnen verfolgt. Joachim Gauck sollte bald nach Griechenland fahren. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine Gesellschaft wankt. Er kann zu Füßen der Akropolis die richtigen Worte für ein Europa finden, das den Glauben an die Zukunft nicht verlieren darf.