Absurder Wahlkampf

Gingrich will US-Kolonie auf dem Mond gründen

Die Stimmung unter den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner wird zunehmend aggressiver. Besonders zwischen den Favoriten Gingrich und Romney geht es hoch her.

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Die Fernsehdebatten der republikanischen Präsidentschaftskandidaten haben in der ständigen Wiederholung identischer Abläufe, Attacken und Argumente etwas vom „Groundhog Day“, der Komödie um das täglich grüßende Murmeltier aus dem pennsylvanischen Punxsutawney: Mitt Romney wird von Newt Gingrich angegriffen, weil er ein reicher Wendehals sei.

Newt Gingrich wird von Mitt Romney angegriffen, weil der seit Jahrzehnten zum Washington-Establishment gehöre. Der Außenseiter Rick Santorum greift Gingrich und Romney an, weil sie reiche Wendehälse im Washingtoner Establishment seien. Und der äußerste Außenseiter Ron Paul findet, dass es sich bei Romney, Gingrich, Santorum und natürlich Barack Obama um ein und dasselbe Problem handele und nur er eine echte Alternative darstelle.

Originelle Momente trotz aggressiver Auseinandersetzungen

Aber neben derlei Routineübungen hielt die von CNN übertragene Debatte am Donnerstagabend in Jacksonville in Florida, fünf Tage vor den wichtigen Primaries in dem Sonnenschein-Staat, durchaus originelle Momente in den zunehmend aggressiven Auseinandersetzungen bereit.

Da war zunächst der libertäre Texaner Paul, der in früheren Debatten Verständnis für die atomare Aufrüstung des Iran äußerte und alle US-Truppen sofort heimholen möchte aus Afghanistan wie Japan und Deutschland.

Diesmal brach das 76-jährige Enfant Terrible der „Grand Old Party“ eine Lanze für Fidel Castro. Als eine Zuhörerin fragte, was er als Präsident dem wachsenden Einfluss Teherans und Pekings in Mittel- und Südamerika entgegensetzen würde, warb Paul für ein Freihandelsabkommen mit dem kommunistischen Havanna: „Es ist Zeit, dass wir Freundschaft und Handel mit Kuba haben.“

Originell war auch die Reaktion des quirligen Seniors auf die Frage von CNN-Moderator Wolf Blitzer, ob er im Falle seiner Nominierung bereit wäre, Unterlagen über seine gesundheitliche Verfassung zu veröffentlichen. Der Kongressabgeordnete warnte kurz vor jeder Form von Altersdiskriminierung und lud dann die drei jüngeren Konkurrenten zum Radrennen über 25 Meilen ein, „zu jeder Tageszeit in der Hitze von Texas“.

Da klatschte das Publikum und niemand auf der Bühne zeigte sich begierig, diese Herausforderung anzunehmen.

Der 53-jährige Rick Santorum schien die durch seine Gene pulsierende Vitalität dadurch demonstrieren zu wollen, dass er seine 93-jährige Mutter Catherine mitgebracht hatte. Auf ihre Erwähnung hin stand die alte Dame kerzengerade im Publikum auf, winkte fröhlich in die Menge und hätte problemlos um zwei Dekaden jünger durchgehen können.

Mit der Ausdauer eines Terriers

In der Diskussion punktete Santorum zuerst durch seine simulierte Empörung über die Dauerfehde zwischen den beiden Favoriten. „Können wir mal außen vor lassen, dass Newt Gingrich dem Kongress angehörte und dass Mitt Romney ein reicher Typ ist“, warf Santorum mit genervtem Unterton ein und hatte damit geschickt an diese Kernvorwürfe erinnert.

Dann paarte der Ex-Senator aus Pennsylvania die Sachkunde eines Oberstudienrates mit der Ausdauer eines Terriers, als er Romney wieder und wieder die Schwächen der Gesundheitsreform unter die Nase rieb, die der einstige Gouverneur von Massachusetts dort eingeführt hatte.

97 Prozent der Einwohner des Bundesstaates seien durch dieses Modell, das Präsident Barack Obama als Vorbild für seine eigene Reform bezeichnet, heute an den Versicherungsschutz gezwungen, sagte Santorum. Aber jedem Vierten werde trotzdem eine angemessene medizinische Versorgung verweigert, weil die zu teuer bleibe.

Und immer mehr Einwohner zögen es vor, die Strafe zu zahlen, die drohe, wenn man der Versicherungspflicht nicht nachkomme, weil das immer noch preiswerter sei als die steigenden Prämien.

Dem hatte Romney, der die in Republikaner-Kreisen verhasste Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama am ersten Tag im Weißen Haus außer Kraft zu setzen gelobte, wenig entgegen zu setzen.

Im Mittelpunkt der Debatte standen, auch im wörtlichen Sinne ihrer Aufstellung auf der Bühne, der ewige Favorit Romney und sein engster Verfolger Gingrich. Die beiden lieferten sich einen Schlagabtausch nach dem anderen um Einwanderungspolitik, ihre politische Vita - und um die Frage, ob der Mond eines Tages den Vereinigten Staaten beitreten solle.

Dabei war der konservative Gingrich, der vorige Woche überraschend die Primaries in South Carolina gewonnen hatte, plötzlich nicht mehr der Angreifer, sondern diesmal der Attackierte, den der liberale Romney wiederholt in die Defensive zwang.

Lobbyist für halbstaatliche Konzerne?

So warf Romney dem 67-jährigen Gingrich vor, dass der Ex-Sprecher des Repräsentantenhauses später auf der Gehaltsliste der Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae gestanden habe. Gingrich versicherte erneut, er habe nicht als „Lobbyist“ für die halbstaatlichen Konzerne gearbeitet, die massiv zur Immobilienblase in den USA beitrugen, sondern sei als Historiker bezahlt worden. Das aber ist bei einem Gesamthonorar von 1,6 Millionen Dollar nicht sehr glaubhaft.

Der erste Angriff kam allerdings von Moderator Blitzer, und Gingrich scheiterte diesmal mit seiner sonst so erfolgreichen Taktik der Medienschelte. Ob er immer noch der in einem Fernsehspot geäußerten Meinung sei, dass Romney in einer „Welt der Schweizer Bank und Cayman-Inseln-Konten lebt“, wollte Blitzer wissen.

„Das ist eine unsinnige Frage“, schoss Gingrich zurück und bekam zunächst Beifall aus dem Publikum. Es gehe hier um eine Präsidentschaftsdebatte, nicht um Zitate aus Wahlkampfspots. Doch der CNN-Journalist ließ nicht locker. „Das habe ich nicht gesagt, sondern Sie“, beharrte er. „Wenn Sie einen ernsthaften Vorwurf gegen Gouverneur Romney machen, müssen Sie das erklären.“

Gingrich warb um die Solidarität der drei Mitdiskutanten, auf derartige Fragen nicht einzugehen. Aber Romney dachte gar nicht daran. „Wäre es nicht nett, wenn niemand irgendwo Beschuldigungen formulieren würde, die er hier dann nicht verteidigen will?“ Da war der Beifall auf Romneys Seite.

Der Multimillionär erklärte anschließend, er habe einen Vermögensverwalter, der seine Anlagen unabhängig von ihm tätige, damit er selbst nie in einen Interessenkonflikt gerate, und dadurch seien Investitionen von ihm vorübergehend auch in die Schweiz geflossen. Aber alles sei legal gewesen, in den USA versteuert worden, und man solle einander nicht wirtschaftlichen Erfolg vorwerfen. Da sah Gingrich nicht gut aus.

Streit um Einwanderungspolitik

Auch als Blitzer Gingrich zur Wiederholung seines Vorwurfes nötigte, Romney sei der „schärfste Anti-Einwanderungs-Politiker“ („Ja, jedenfalls von uns vieren.“), ging der Punkt an den Ex-Gouverneur. „Das ist einfach unentschuldbar“, empörte sich Romney über diesen Vorwurf vor dem in großen Teilen hispanischen Publikum Floridas. „Mein Vater wurde in Mexiko geboren. Der Vater meiner Frau wurde in Wales geboren.“ (Der Mormone verkniff sich die Ergänzung, dass der Urgroßvater dorthin ausgewandert war, um einer Verhaftung in Arizona wegen „Vielweiberei“ zu entgehen).

Gingrich erinnerte an Romneys Forderung, illegale Einwanderer sollten sich „selbst deportieren“. Er, Gingrich, wolle aber Großväter und Großmütter, die seit Jahrzehnten in den USA lebten, auch dann nicht deportieren, wenn sie einst illegal eingewandert seien. Doch Gingrich konterte: „Unser Problem sind nicht elf Millionen Großmütter.“

Präsident und Mann im Mond

Ein Stück Realsatire nahm die Debatte an, als es in Florida, der Heimat von Cape Canaveral und der von der Obama-Regierung finanziell ausgedünnten Nasa, um die künftige Weltraum-Politik ging. Gingrich hatte am Tag zuvor bei einem Wahlkampfauftritt mit Blick auf sein spezifisches Publikum erklärt, als Präsident würde er den Aufbau einer US-Kolonie auf dem Mond betreiben, und wenn es dort eines Tages etwa 14.000 Bewohner gebe, könnten sie den Beitritt des Erdtrabanten zu den Vereinigten Staaten beantragen.

„Das mag eine große Idee sein, aber keine gute Idee“, nutzte Romney diese Absurdität zur Attacke. Wenn ihm einer seiner Manager den Vorschlag gemacht hätte, im Weltall eine Kolonie zu gründen, hätte er ihm gesagt: „Sie sind gefeuert.“ Da schwieg Newt Gingrich, der wie Mitt Romney der 45. Präsident der Vereinigten Staaten werden will. Und nebenbei auch noch der Mann im Mond.