US-Wahlkampf

"Vielweiberei" könnte Romney gefährlich werden

Der Urgroßvater des Republikaners Romney ging nicht wegen des Abenteuers nach Mexiko, sondern weil er in den USA Haft fürchtete. Dem Mormonen reichte eine Frau nicht.

Foto: AFP

Mitt Romney ist stolz auf seine Vorfahren. Sie seien „von Haus aus eine abenteuerlustige Sippe“, sagt der Mann, den die Republikaner wahrscheinlich als Kandidaten für das Weiße Haus aufstellen werden. Als Beleg führt er in seiner 2004 erschienenen Autobiografie „Turnaround“ den Urgroßvater Miles Park Romney an.

Der habe im 19. Jahrhundert in einer mormonischen Gemeinde in Arizona gelebt und sei von der Kirche „aufgerufen worden, sich im nördlichen Mexiko niederzulassen, wo sein Sohn, mein Großvater Gaskell, heiratete und mein Vater George geboren wurde“.

Die Geschichte stimmt, der Exodus nach Mexiko fand 1885 statt. Aber ein wichtiges Detail unterschlägt der Politiker: Urgroßvater Miles ging nicht aus Abenteuerlust nach Mexiko, sondern er floh aus den USA, weil ihm dort Gefängnis drohte – wegen Polygamie oder „Mehrehe“, wie die Mormonen diese längst verbotene Praxis nennen.

In ihrer soeben erschienenen Biografie über den „wirklichen Romney“ („The Real Romney“) spüren Michael Kranish und Scott Helman den mexikanischen Aspekten der Familiensaga des Präsidentschaftskandidaten nach. Das Autorenduo zeichnet dabei den Urgroßvater Miles als überzeugten Mormonen. Zumindest in bestimmten Disziplinen. Von der Erlaubnis, mehr als nur eine Frau zu heiraten, machte er großzügig Gebrauch.

Vier Frauen bei der Abreise

Als Miles die USA gen Süden verließ, hatte er bereits vier Frauen zur Zeremonie in den Mormonentempel geführt. Die zweite Gattin, die schottische Auswanderin Caroline Lambourne, die ihm zwei Kinder gebar, hatte sich allerdings wieder von ihm scheiden lassen. In der von ihm gegründeten Colonia Juárez im mexikanischen Chihuahua ehelichte MilesP. Romney später zusätzlich noch eine Witwe. Insgesamt zeugte er 30 Kinder.

Laxer ging der am 18.August 1843 in Nauvoo, Illinois, geborene Miles mit anderen Vorschriften seiner Kirche um. Der Sohn des wegen seines mormonischen Glaubens aus England ausgewanderten Zimmermanns Miles Archibald Romney hatte eine „Schwäche für Wein“, schrieb etwa Catharine Cottam in einem Brief an ihre Eltern. Aber er wolle sie heiraten, als dritte Frau, und er sei „fest überzeugt, dass er mit meiner Liebe, meinem Einfluss und meiner Hilfe ein besserer Mann wird“.

Der 1947 in Detroit geborene Mitt Romney gilt als glaubensstarker Mormone. Seine Kommilitonen in Harvard berichten, der strebsame Student der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften habe entsprechend den Vorschriften seiner Kirche weder Alkohol noch Kaffee oder Tabak angerührt.

Für Mitt Romney kein Sex vor der Ehe

Auch vorehelicher Sex sei für ihn nicht infrage gekommen. Mitt heiratete seine Jugendfreundin Ann Davies, die seinetwegen zum Mormonentum konvertierte. Mit ihr hat er fünf erwachsene Söhne.

Die Polygamie in der Familie Romney liegt drei Generationen zurück. Großvater Gaskell lebte monogam, und George, der noch in Mexiko geborene Vater des Kandidaten, ebenso. Trotz des mormonischen Hintergrunds, der vielen Amerikanern ausgesprochen suspekt ist, wurde George Romney Vorstandschef der American Motor Corporation und Gouverneur von Michigan mit drei Amtszeiten. 1968 gehörte er gar zu den aussichtsreichsten republikanischen Präsidentschaftsbewerbern, bevor schließlich Richard Nixon nominiert wurde.

Die Vita des Sohnes zeigt große Parallelen: Mitt stieg 1978 nach weit überdurchschnittlich absolvierten Studiengängen in Harvard und Stanford in die angesehene Unternehmungsberatung Bain & Company ein und gründete später die Investmentfirma Bain Capital. 2002 organisierte er als Vorstandschef des Organisationskomitees die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City und schrieb gar schwarze Zahlen.

Glaube wird Romney selten öffentlich vorgehalten

Danach wandte sich der erfolgreiche Geschäftsmann, ganz in der Tradition des Vaters, der Politik zu. Von 2003 bis 2007 war Romney Gouverneur im demokratisch gesonnenen Massachusetts. Und jetzt will er Präsident werden.

Der mormonische Glauben wird dem Kandidaten selten öffentlich vorgehalten, gehört doch die Religionsfreiheit zu den Wurzeln der Vereinigten Staaten. Doch im Herbst ließ ein einflussreicher evangelikaler Unterstützer seines Konkurrenten Rick Perry wissen, bei den Mormonen handele es sich nicht um eine christliche Glaubensrichtung, sondern um eine „Sekte“. Der Vorwurf der „Vielweiberei“ als familiäres Erbe wie als mormonische Tradition könnte zumindest unterschwellig eine Rolle vor allem nach einer Nominierung Romneys als Herausforderer Obamas spielen.

„Vor rund 50 Jahren erklärte ein anderer Kandidat aus Massachusetts, dass er als Amerikaner für das Präsidentenamt kandidiere, nicht als Katholik“, sagte Romney, als er 2007 erstmals ins Weiße Haus wollte. Auch er „definiere meine Kandidatur nicht durch meine Religion. Niemand sollte gewählt oder abgelehnt werden wegen seines Glaubens.“

Mit drei Gefährten ohne Fernsehen

Als Jugendlicher spielte Romney nach eigenen Angaben mit dem Gedanken, den mormonischen Glauben aufzugeben. Dann aber stellte er sich voller Überzeugung in die Familientradition. Zweieinhalb Jahre verbrachte er von 1968 bis 1970 als Missionar für seine Kirche in Frankreich, wo er mit drei Gefährten in einer einfachen Unterkunft ohne Fernsehen lebte, in der Bibel las und von Tür zu Tür zog, um die rechte Lehre zu verbreiten.

Die Lehre der Mormonen oder der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ ist ausgesprochen jung. Joseph Smith ist ihr Gründer. Ihm sei der wahre Glaube im April 1830 in New York von Christus verkündet worden, ließ er seine Anhänger wissen.

Die christliche Amtskirche irre, weil sie an den Dreieinigen Gott glaube. In Wirklichkeit seien Vater, Sohn und Heiliger Geist verschiedene Wesen. Die Indianer seien Gottes Volk und stammten aus Israel. Smith gründete seine Kirche, die heute gut 13Millionen Menschen zählt.

Religionsstifter praktizierte intensiv Polygamie

Die Hälfte von ihnen lebt in den USA, wo sie rund zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Der „Prophet“ Smith wählte Nauvoo in Illinois als ersten Platz für seine Gemeinde. Dorthin wanderte Miles Romney Senior, der Ururgroßvater des Kandidaten, aus England aus. Polygamie wurde vom Religionsstifter intensiv praktiziert. Smith soll mehrere Dutzend Frauen geehelicht haben.

1856 kritisierte die Republikanische Partei „Polygamie und Sklaverei als die Zwillingsrelikte der Barbarei“. 1857 wurden Marschalls nach Utah geschickt, dem neuen Zentrum der Mormonen, um die Vielweiberei zu beenden. Es folgten weitere Gesetze, die den mit mehreren Frauen verheirateten Mormonen etwa das Wahlrecht entzogen.

Smith wurde eingesperrt und 1844 von einer aufgebrachten Menge aus dem Gefängnis geholt und erschossen. In Nauvoo zerstörte der Mob den Mormonen-Tempel, den Miles Romney Senior erbaut hatte.

Kirche empfahl die Flucht

Die Romneys zogen zunächst nach St.George im südlichen Utah und 1882, bereits unter ihrem neuen Familienältesten Miles Junior, nach Arizona. Doch auch dort, im tiefen Wilden Westen, war die Stimmung nicht freundlicher.

Zudem drohte Vater Miles Gefängnishaft. Zu den Vorwürfen der Polygamie kamen Behauptungen, er habe die Titel auf sein Farmland nicht rechtmäßig erworben. Da empfahl ihm seine Kirchenspitze, nach Chihuahua im nördlichen Mexiko zu fliehen.

Rund 40 Mitglieder des Romney-Clans leben bis heute in Colonia Juárez, der von Miles gegründeten Mormonen-Kolonie, etwa zwei Autostunden entfernt von der Provinzhauptstadt Ciudad Juárez. Zu ihnen gehört Mike Romney, dessen Papiere den gleichen Urgroßvater wie Mitt und die gleiche Urgroßmutter, Hannah, verzeichnen.

Polygamie ist jetzt auch in Mexiko verboten

Den Mormonentempel gibt es in der Kolonie nach wie vor, aber Polygamie ist längst auch in Mexiko gesetzwidrig. Seinen Vetter Mike hat der ein Jahr ältere Mitt nie getroffen. Der US-Politiker war nie in diesem Teil Mexikos. Trotzdem hat Mike für Mitts Kampagne gespendet. „Ich bin stolz auf ihn und hoffe, er wird gewinnen“, sagte der Lehrer einem Fernsehteam.

„Mein Glauben ist der Glaube meiner Väter“, sagte Mitt Romney 2007. „Ich werde ihnen und meinen Überzeugungen treu bleiben. Manche meinen, dieser Glauben erschwere meine Kandidatur. Wenn sie recht haben, sei es so.“

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