US-Wahl 2012

Utah ist das fromme Herz der Vereinigten Staaten

Die USA erleben einen "mormon moment": Gleich zwei Präsidentschafts-Bewerber gehören zu den Mormonen. Ein Besuch in Utah.

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Winterdunkel und scharfer Frost liegen über Salt Lake City, als Präsident Thomas Monson anhebt, zu den Seinen zu predigen. Zwanzigtausend Gläubige der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ haben sich versammelt, Worte von den Lippen ihres „Propheten, Sehers, Offenbarers“ zu trinken.

Monson, 84, spricht mit der freundlichen Eindringlichkeit eines Märchenerzählers. Keine Verdammungen und kein heiliger Zorn trüben seine Rede, die jeder Kardinal ebenso halten könnte. Traurig über die „Kommerzialisierung von Weihnachten“, Güte und Selbstlosigkeit lobpreisend, frohlockend, dass „der Tod seinen Stachel und das Grab seinen Sieg verloren hat – weil ER kam“.

Als der Prophet endet, jubiliert der „Mormon Tabernacle Choir“ noch einmal. Die Menge zieht beseelt plaudernd in die Nacht. Die amerikanischste der Kirchen, wie Leo Tolstoi sie nannte, versteht es zu feiern und den Herrn zu loben. Fast wollte man sie christlich nennen.

Mormonen werden von Christen nicht anerkannt

Doch es geht nicht. Wofür Thomas Monson und die „Heiligen der Letzten Tage“, vulgo Mormonen, stehen, ist mit der Doktrin des Heiligen Stuhls wie des Protestantismus heute so wenig zu vereinbaren wie bei der Gründung durch Joseph Smith, den ersten Propheten, vor 173 Jahren. Gründe dafür gibt es in Auswahl: Neben der Bibel verehren die Mormonen drei weitere heilige Schriften; darunter das „Buch Mormon“; Jesus und Satan sind ihnen Brüder, Söhne des himmlischen Vaters, der selbst einmal Mensch war.

So wie die Gläubigen einmal Götter werden, wenn sie dereinst das ewige Leben finden, zusammen mit ihren Familien und Lieben; Vater, Sohn und Heiliger Geist sind nach Lehre der „Latter Day Saints“ (LDS, wie man sie in Utah in nuce nennt) getrennte Götter, keine Trinität. Und so fort. Und so unchristlich.

Es bleibt der brennende Schmerz der LDS und ihrer rund 13 Millionen Mitglieder weltweit, nicht von ihren vermeintlichen Glaubensbrüdern umarmt zu werden. Trotz erwiesener Friedfertigkeit und karitativen Großmuts, trotz ihrer Verfolgung, Verteuflung und Vertreibung Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA.

Mormonen werben für ihre Religion, wo immer man sie lässt

Fast zwei Drittel der 2,7 Millionen Einwohner Utahs bekennen sich zur LDS. Ihr Anteil an der US-Bevölkerung liegt knapp unter 1,5 Prozent, nahe den Amerikanern jüdischen Glaubens. Die „Saints“ sind fast ausnahmslos gottesfürchtige, wertkonservative, anständige Menschen, die das spirituelle Leben des Rocky-Mountains-Staates prägen.

Sie missionieren – etwa 53.000 „Heilige“ werben für das Mormonentum, wo immer man sie gewähren lässt.

Sie tun niemandem etwas zuleide. Mindestens seit dem offiziellen Verzicht auf die Vielehe 1890, die Bedingung Washingtons für die Anerkennung Utahs als Bundesstaat, brechen sie kein Gesetz. Sie rauchen und trinken nicht, verschmähen selbst Kaffee, lehren ihre Kinder Strebsamkeit und Bildungsdurst, sie haben Respekt, nicht selten Bewunderung verdient: Nur nicht, wie die doktrinären Dinge liegen, die Mitgliedschaft in der Christenheit.

Mormonenführer sind angenehm und distinguiert

Man muss mit dem Propheten Monson nicht streiten. Wir haben es nicht versucht. Auch nicht mit Charles Dahlquist, der den Rang eines LDS-Präsidenten trägt und seit 1999 für Deutschland als Honorarkonsul für Utah tätig ist. Man kann sich Dahlquist, Anwalt, lange Führer der Jungenorganisation, nicht angenehm und distinguiert genug vorstellen.

Er bekennt „ein wahrscheinlich stärkeres, tieferes Gefühl für Deutschland als viele Deutsche“, seit er in Hamburg von 1992 bis 1995 als Missionspräsident arbeitete. Bei den olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City betreute Dahlquist Bundestags-Delegationen und Bundespräsident Johannes Rau. Wir treffen ihn Minuten kurz vor Auftritt des Propheten.

Auf die Frage, warum die Hälfte der Amerikaner bei Erhebungen angeben, nichts oder wenig über die Mormonen zu wissen, sucht Dahlquist keine Ausflüchte. Man müsse geduldig säen, bevor man ernten könne; in Deutschland, erinnert er sich, wussten damals nur 15 Prozent „etwas Wahres oder Gutes“ über Mormonen zu sagen.

Mormonen Mitt Romney und Jon Huntsman schüren Interesse

Die Kirche verkaufe sich nicht marktschreierisch. Prominente Popsänger wie die Osmonds und Gladys Knight („Midnight Train to Georgia“ und der James-Bond-Hit „Licence to kill“), Schauspieler wie Ryan Gosling („Mord nach Plan“ oder „Lars und die Frauen“) und Katherine Heigl („Grey’s Anatomy“) sowie Industrielle wie Bill Marriott gingen mit ihrem Glauben nicht hausieren. Anders als die Missionare, Frauen wie Männer, die stets zu zweit und in kirchenfähiger Kluft an Türen klingeln.

Dahlquist weiß und genießt es, dass die Amerikaner gerade wieder ihre Mormonen entdecken. Zwei LDS-Bewerber um die Nominierung der Republikaner, Mitt Romney und Jon Huntsman, sorgen für gewaltiges Interesse; es gibt einen „mormon moment“. „Gut für uns“, sagt Dahlquist, „wir haben Prüfungen durch die Öffentlichkeit nie gescheut.“

Polygamie, Auschluss von Schwarzen, Homophobie

Das stimmt nicht ganz. Auch Wohlmeinende, die sich nicht auf die gängigen Mormonen-Klischees wie Polygamie (immerhin noch von rund 50.000 orthodoxen Mormonen in Utah praktiziert) stürzen, werden die dunklen Flecken in der Kirchengeschichte nicht übersehen.

So konnten von 1840 bis 1978 Schwarze nicht in die Priesterschaft der Kirche aufsteigen; Ungläubige dürfen das Innere der LDS-Tempel nicht betreten – in den 25 katholischen Kirchen von Salt Lake City etwa sind Mormonen willkommen; die Glorifizierung und Nahezu-Heiligsprechung der Familie treibt die LDS immer wieder in Homophobie.

Beim kalifornischen Referendum zur Legalisierung der „Schwulenehe“ verfiel sie in harten politischen Aktivismus, den sie gewöhnlich klugerweise meidet.

Der Sündenfall: Das Massaker von "Mountain Meadows"

Endlich ist da noch der Sündenfall des Massakers von „Mountain Meadows“ am 11. September 1857. In einem entlegenen Hochtal des Territoriums Utah ermordeten 50 mormonische Milizionäre, zum Teil als Indianer verkleidet, 120 wehrlose Männer, Frauen und Kinder des sogenannten Fancher-Zuges, der auf dem Weg nach Kalifornien war.

Die LDS bestritt das Massaker nicht, lastete es aber einem Mann an, der hastig erschossen wurde; andere Mitglieder wurden exkommuniziert. Die ermordeten Siedler galten lange als Sünder, die selbst Mitschuld trugen. Es dauerte bis 1999, bevor sich die Kirche zur Setzung eines Denkmals in Mountain Meadows herbeiließ. Selbst diese Versöhnungsgeste, betonte damals Kirchenpräsident Gordon Hinckley, sei kein Schuldanerkenntnis.

Es muss hier nicht erörtert werden, wie viele Grausamkeiten und Bluttaten die christlichen Kirchen im Namen des Herrn in den vergangenen 2000 Jahren begangen und gerechtfertigt haben. Ebenso wenig kann geleugnet werden, dass die Mormonen 1857 wohl in begründetem Verfolgungswahn handelten.

Mekka ist überall, wo ein Tempel steht

Aus Ohio und Missouri mussten sie fliehen; aus Illinois entkamen sie, als 1844 ihr inhaftierter Prophet Joseph Smith und sein älterer Bruder Hyrum von einem Mob (aus abtrünnigen Kirchenmitgliedern) ermordet wurden. Brigham Young, Präsident des 1835 gegründeten Kollegiums der zwölf Apostel, führte einen Teil der Mormonen über die Rocky Mountains auf zu jener Zeit noch mexikanisches, menschenleeres Gebiet.

Vier Tage nach der Ankunft der ersten Gruppe am 24. Juli 1846 an der Stelle, wo Salt Lake City entstehen sollte, markierte Brigham Young den „Salt Lake Temple Square“. Bis 1893 brauchte die Errichtung des Tempels, der zum Wahrzeichen der Kirche wurde.

Pilgerreisen werden nicht ermutigt, heißt es in der Zentrale der LDS, solche Massen an Gläubigen könne und wolle man nicht locken. Viel wichtiger seien lokale Tempel: Salt Lake City ist für die Mormonen nicht Mekka, ihr Mekka ist überall, wo ein Tempel steht.

Mormonen sind konservativ, legen sich aber mit Republikanern an

Salt Lake City taugt gar nicht zum frommen Herz der Kirche. Die Stadt wählt linksliberale Demokraten. Der Bürgermeister Ralph Becker heißt Schwule und Lesben ebenso willkommen wie (ungläubige) Künstler; er gilt als einer der progressivsten Bürgermeister der USA.

Die LDS muss damit leben, und sie tut es, nach allem, was man von Beckers Wählern hört, meist mit Anstand und strikter politischer Neutralität. In der Demokratischen Partei Utahs, in der Minderheit im Parlament, stellen LDS-Mitglieder und Nicht-Religiöse die größten Blöcke. Überhaupt waren die Bürger Utahs und die „Latter-Day Saints“ nicht seit je Stammwähler der Republikaner.

Sie stimmten für Franklin Roosevelt und seinen „New Deal“, sie stimmten für Lyndon Johnson und die Bürgerrechts-Gesetze. Erst mit Ronald Reagan und dem Ausbruch der „Culture wars“ um Abtreibung und andere Werte wandte sich die Mehrheit den Republikanern zu.

Die Kirche vertritt konservative Positionen, aber sie stellt sich quer, wenn ihre Doktrin mit der republikanischen Ideologie du jour kollidiert: So ist die LDS für eine humanitäre, die Familie schützende Einwanderungsreform statt für eiskalte Massenabschiebung, wie sie etwa Mitt Romney verlangt. Mit opportunistischem, vielleicht zynischem Blick auf die Stimmen der Evangelikalen, die zu den Erzfeinden der Mormonen zählen und die Romney umschmeichelt.

Soziale Medien offenbaren Kontrollverlust

Wie jeder doktrinäre Glaube, ob politisch oder religiös, hat die Kirche mit dem Aufkommen der sozialen Medien im Internet die Kontrolle über ihre Mitglieder und ihr Image eingebüßt. Joanna Brooks, im Netz bekannt unter der Adresse „Askmormongirl“, gibt freisinnige Ratschläge zu Liebesbeziehungen mit Ungläubigen.

Sie selbst ist glücklich mit einem Juden verheiratet und sie warnt vor mormonischen Eltern, die massiv in Leben und Ehen ihrer erwachsenen Kinder eingreifen. „Deshalb soll ein Mann Mutter und Vater verlassen und an seinem Weibe festhalten“ (Genesis 2:24), predigt sie.

Der Prophet Thomas Monson dürfte nicht erfreut sein. Brooks, die in San Diego lebt, ist stolze feministische Mormonin. Nichts gegen die Tempel-Ehe, wenn sie glücklich ist. Im Zweifel aber sollten Frauen bei Ungläubigen suchen, was sie in einem Mormonen erwarteten: „Ehrlichkeit, Treue, Verlässlichkeit, Freundlichkeit, Intelligenz, Arbeitsethos und Humor (den braucht man am nötigsten).“

Ein mormonischer Präsdient wäre kein Unglück

Jessica Moody ist eine junge Mormonin, die all diese Tugenden in einem Mann aus ihrer Kirche fand. Achtzehn Monate war sie in Südkorea auf Mission, mit 400 Dollar im Monat selbst finanziert, wie es üblich ist. Zwölf Wochen Vorbereitungskurs, dann sprang sie ins Wasser und schwamm kühn.

Gewiss, unter Anleitung eines lokalen Missionspräsidenten der LDS. In Daejon, im Südwesten Koreas, tat sie, was Missionare tun sollten: Ihre Hilfe anbieten, nicht etwa aggressiv aufdrängen. Sie liebt Korea, die Menschen, die Kultur, bis hin zum knoblauchgetränkten, sauer-scharf eingelegten Kohlgemüse „Kimchi“.

Gäbe die Kirche, für die sie bei der Pressestelle arbeitet, Jessica Moody die Chance, zurück nach Südkorea zu gehen, sie würde nicht zögern. Und sie würde sicherlich fabelhafte Arbeit leisten.

Es ist nicht schwer, die „Latter Day Saints“ zu mögen, ohne sie heiligzusprechen. Die Kirche mit dunklen Logen und Kulten wie Scientology im selben Atemzug zu nennen, wäre unfair, unzeitgemäß, unredlich. Ob Amerika einen mormonischen Präsidenten akzeptiert, wird man in elf Monaten wissen. Ein Unglück wäre es nicht.

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