Partei und Terror

Ralf W.s Festnahme und die Verbindung zur NPD

Die Festnahme des früheren NPD-Vizechefs in Thüringen, Ralf W., legt wie kein anderer die Vermutung nahe, dass die NPD und der Terror eng miteinander verbunden gewesen sind.

Das alte Fachwerkhaus am Burgweg 46 ist in den Hang gebaut, beste Wohnlage, wie eine funkelnde Spielzeugstadt liegt Jena weit unten in Tal. Ein Schimmer Licht fällt durch die Fenster nach draußen. Zu blass, um in dem Zimmer gut sehen zu können, und zu viel für eine Wohnung, die verlassen ist. Es dauert lange, bis die Haustür aufgeht und ein Mann mit kurzem schwarzen Haar und Vollbart heraustritt, den Schlüssel in der Hand, und ans Gartentor schlurft, er trägt Hausschuhe.

Es hieß, er sei nicht da, untergetaucht womöglich. Es gab viele Gerüchte in den vergangen Tagen. Denn dieser Mann, Ralf W., hat Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, den engsten Zirkel der Zwickauer Terror-Zelle, gut gekannt. Vor ein paar Tagen haben Ermittler sein Haus durchsucht.

„Kein Kommentar“, sagt W. Er werde nicht mit Journalisten sprechen, er bitte darum, das zu respektieren. Er wirkt nicht überrascht. Er wehrt noch ein paar Fragen ab, mit ausgesuchter Höflichkeit, dann schlurft er zurück ins Haus, vorbei an einer Armada von Gartenzwergen.

Zugriff im Morgengrauen

Es ist Montagabend, eine seiner letzten Stunden in Freiheit. Denn am Dienstagmorgen, um sieben Uhr, bekommt er Besuch von einem Sondereinsatzkommando des Thüringer Landeskriminalamts.

Ohne Gegenwehr lässt er sich festnehmen und wird anschließend nicht wie üblich per Hubschrauber, sondern in einer Fahrzeugkolonne nach Karlsruhe gebracht. W. ist ab sofort kein Verdächtiger mehr, sondern ein Beschuldigter . Der vierte im Fall der rechtsextremen Terrormorde.

Die Bundesanwaltschaft wirft W. vor, den drei Terror-Verdächtigen eine Schusswaffe und Munition besorgt zu haben. Sie werten das als Beihilfe zum Mord in sechs Fällen.

Außerdem soll er den Dreien 1998 geholfen haben, in den Untergrund abzutauchen und sie später finanziell unterstützt. Und W. soll auch noch den Kontakt zu Holger G. vermittelt haben, der wiederum beschuldigt wird, die drei Neo-Nazis mit Geld und Ausweisen versorgt zu haben.

Eine Größe in der Neonaziszene

W.s Festnahme, bei der es nach Informationen von Morgenpost Online keine Beschlagnahmung von etwaigen Beweismitteln gab, ist anders als die bisherigen. Denn sein Fall legt wie kein anderer die Vermutung nahe, dass die NPD und der Terror eng miteinander verbunden gewesen sind, zumindest zeitweise. W. ist eine Größe in der Neonaziszene, in Thüringen und weit darüber hinaus.

Es heißt, seine Freunde nennen ihn „Wolle“. Es heißt, W. habe seine Tochter Leni genannt, wegen Leni Riefenstahl, Regisseurin pompöser NS-Propagandafilme wie „Triumph des Willens“, einem pathetischem Kitsch-Bericht über einen „Reichsparteitag“ der NSDAP.

Er tritt 1998 in die NPD ein und gründet den Kreisverband Jena mit, 2002 steigt er zum stellvertretenden Landesvorsitzenden und Pressesprecher auf. In dieser Zeit zieht er in eine Hausgemeinschaft in Jena, zusammen mit anderen Neonazis, Jenaische Straße 25, gut fünf Autominuten von dem Fachwerkhaus am Berg entfernt.

Kannte Zwickauer Trio seit fast 20 Jahren

Das Haus, ein heruntergekommener Bau mit schmutzig-brauner Fassade, ist seit zwei Jahren gesperrt, die Türen wegen Einsturzgefahr vom Bauamt verriegelt. Es heißt in Jena das „Braune Haus“.

Die Thüringer NPD hat dort 2003 ihren Landesparteitag abgehalten. Auch Horst Mahler, früher RAF-Anwalt und dann ein Holocaust-Leugner, lässt sich blicken. W.s Name steht heute noch auf dem Briefkasten.

Und er taucht mehrfach in den Berichten des Verfassungsschutzes auf. W. ist Fachinformatiker, er hat für die Szene eine Reihe von Internetseiten gestaltet, mehrere Neonazi-Domains sind auf seinen Namen registriert.

Und es gibt eine alte, aus heutiger Sicht besonders wichtige Verbindung. Die zu Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe, die inzwischen dem ganzen Land als Zwickauer Terrorzelle oder als NSU bekannt sind, Nationalsozialistischer Untergrund.

Kameradschaft Jena führt spätere Terroristen und ihre Helfer zusammen

Es beginnt Anfang der Neunzigerjahre, in Jena. W. wird 1993 im „Winzerclub“ gesehen, einer Jugendeinrichtung im Stadtteil Winzerla, in der auch Mundlos verkehrt. Der Jugendtreff ist die erste Anlaufstelle von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe, zumindest die erste, von der man weiß.

Sie werden Teil der Kameradschaft Jena, die W. zusammen mit einigen Kameraden gründet. Diese Gruppe hat mindestens sechs Mitglieder. Holger G. gehört dazu, der vor gut zwei Wochen in der Nähe von Hannover verhaftet wurde. Und auch André Kapke, er ist damals der Anführer, der Mann fürs Grobe.

Kapke gilt den Ermittlern heute zumindest als verdächtig, wurde aber noch nicht festgenommen. Alle für einen, einer für alle, das ist das Motto der Gruppe. Sie geht 1996 in Erfurt auf die Straße, um zu protestieren. Grund ist ein Gerichtsprozess gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder.

NPD-Austritt "aus persönlichen Gründen"

Außerdem engagiert sich W. im Thüringer Heimatschutz, einer Gruppe, die inzwischen verboten ist. Die Kameradschaft in Jena ist der lokale Ableger des Heimatschutzes. Die Verbindungen sind eng, W. und der Chef des Heimatschutzes, Tino Brandt, kennen sich, sie stehen beide an der Spitze der Thüringer NPD. Auch da spielt die Partei also eine Rolle.

Im Jahr 2001 kommt heraus, dass Brandt für den Thüringer Verfassungsschutz Kameraden bespitzelt hat. Damit beginnt der schleichende Zerfall des Heimatschutzes. Das, was noch übrig ist, integriert W. in die „Freien Netze“.

Vor zwei Jahren dann soll W. „aus persönlichen Gründen“ aus der NPD ausgetreten sein. Aber es ist nicht klar, ob er wirklich kein Mitglied mehr ist.

Das ist die offizielle Seite des Ralf W., die des Politikers, Strategen und Netzwerkers. Aber es gibt noch eine andere. Sie zeigt einen anderen Ralf W. als den, der am Vorabend seiner Verhaftung in Schlappen am Gartentor steht und um Verständnis dafür bittet, dass er sich nicht äußert.

Verurteilungen wegen Körperverletzung, Nötigung, übler Nachrede

Im März 2000 verurteilt das Landgericht Gera W. und André Kapke in zweiter Instanz einer Geldstrafe von 8500 Mark, wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung und Nötigung.

Sie sollen zwei jungen Frauen mit heftiger Gewalt gedroht haben, angeblich sogar mit Mord, sollten sie die Adressen von Jugendlichen aus der linken Szene nicht verraten.

Im Juni 2007 steht W. in Gera mit dem NPD-Aktivisten Gordon R. vor Gericht. Es geht um üble Nachrede gegen einen NPD-Aussteiger. W. muss eine Geldbuße von 60 Tagessätzen zahlen.

Schwager betrieb Neonazi-Treffpunkt in Oberweißbach

Und W. ist der Schwager von David Feiler, 37, der 2006 die Gaststätte „Zur Bergbahn“ in Oberweißbach betrieb, einen Treffpunkt der Szene, abgelegen im Thüringer Wald. Der Gasthof ist vor einigen Tagen in den Fokus der Ermittler geraten.

Oberweißbach ist der Heimatort der in Heibronn ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter . Auch sie ist, nach Lage der Dinge, ein Opfer der NSU. Es ist der vielen bisher ungeklärten Fragen, ob und welchen Zusammenhang es zwischen ihrem Tod und den Rechtsextremisten gibt.

Die Puzzleteile, die die Ermittler in den vergangenen Wochen zusammengetragen haben, haben offenbar genügend Hinweise darauf gegeben, um W. festzunehmen.

Nachdem die Fahnder in der vergangenen Woche in der brandenburgischen Provinz den dritten Beschuldigten verhaftet und danach seine Wohnung durchsucht hatten, sagte W. noch, er habe nichts von den Taten des Terrortrios gewusst. „Ich glaube auch nicht, dass der Vorwurf des Bundeskriminalamtes so weit geht, dass es zu meiner Verhaftung reicht.“ So zumindest gibt ihn die Ostthüringer Zeitung wieder.

W. bestreitet, in den vergangenen Wochen mit irgendeinem Journalisten gesprochen zu haben. Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber hat W. sich auch verschätzt.