Eigentlich soll es ja nur um ein winziges Beweismittel gehen. Entsprechend feixend nehmen einige Abgeordneten des Kieler Innenausschusses am Donnerstag angesichts der vielen Journalisten im Schlesig-Holstein-Saal mit Blick auf die Förde ihre Plätze ein. So ein Zirkus wegen eines einzigen Haares!

Der erste Tagesordnungspunkt der Sitzung lautet: Die schleswig-holsteinische Regierung soll Auskunft darüber geben, wie im Fall des toten Ministerpräsidenten Uwe Barschel ein Haar bei der Staatsanwaltschaft verloren gehen konnte, das man im Mai 2011 auf genetische Fingerabdrücke untersuchen wollte. Innenminister Klaus Schlie und Justizminister Emil Schmalfuß sind gekommen, um Stellung zu nehmen. Als sie mit ihren Ausführungen am Ende sind, lacht keiner mehr. "Schockierend", "der Hammer", "unerhört", mit solchen Worten beginnen die anwesenden Innenpolitiker ihre Nachfragen.

Im Oktober 1987 wurde Barschel tot in einer Badewanne des Genfer Hotels "Beau-Rivage" gefunden. Danach gab es schwere Ermittlungspannen in der Schweiz. Und jetzt eine Art Offenbarungseid für die jahrelangen Barschel-Ermittlungen in Deutschland. Schmalfuß berichtet davon, wie sein Ministerium auf der Suche nach dem fehlenden Haar die für die Barschel-Ermittlungen zuständige Lübecker Staatsanwaltschaft überprüfte - und dabei nicht nur kleine Kunstfehler, sondern offenbar systematisches Fehlverhalten aufdeckte.

Die Asservate des Falls wurden jahrelang gegen alle Vorschriften und Gewohnheiten aufbewahrt. Nur ein Bruchteil der Beweismittel befand sich in der entsprechend mit Überwachungskameras und Alarmanlage gesicherten Asservatenkammer und war dort auch schriftlich vermerkt. Die meisten wurden in einem "Barschel-Zimmer" im vierten Stock in abschließbaren Stahlschränken oder in einem Tresor im Keller aufbewahrt, zu denen eine große Zahl von Mitarbeitern ohne Weiteres Zugang hatte.

Wo welches der 142 noch erhaltenen Beweismittel lagerte, seit wann es sich dort befand und wer es dort deponiert hat, all das habe man bei den internen Ermittlungen nicht herausfinden können, sagte Schmalfuß. Entsprechende Übergabeprotokolle sind nicht auffindbar. Was das Haar angeht, konnten die Emissäre des Justizministeriums wenig herausfinden. Klar ist lediglich, dass zwei Beamte der Lübecker Kripo das Asservat Nummer 84 im Februar 1995 in der Schweiz entgegengenommen und nach Lübeck gebracht haben.

Nicht nur das Haar lagert nicht mehr bei der Staatsanwaltschaft. Die Ausgabe der gesammelten Werke von Jean-Paul Sartre, in der Barschel am Tag vor seinem Tod gelesen hatte und die bei Auffinden seines Leichnams auf seinem Nachttisch lag, ist auch weg. Wie Justizminister Schmalfuß sagt, bewahrt es der ehemalige Chefermittler, der pensionierte Lübecker Oberstaatsanwalt Heinrich Wille, privat auf - bis heute.