An manchen Tagen hat Jaime Ramírez keine Lust aufzustehen. Der 24-Jährige musste vor zwei Monaten seine erste eigene Wohnung aufgeben, weil er seinen Job als Croupier in einem Casino verlor. Er konnte die Hypothek nicht mehr bezahlen und sah sich gezwungen, wieder bei seinen Eltern einzuziehen.
"Dieses Land ist total am Ende, und unsere Politiker denken nur an sich selbst", bilanziert Jaime mit brüchiger Stimme und stiert in den tristen Innenhof des sechsstöckigen Wohnblocks, in dem er aufgewachsen ist. Aussichten auf eine andere Stellung hat er nicht in einem Land, das in der hartnäckigsten Wirtschaftskrise seit dem Ende der Franco-Diktatur steckt.
Junge Menschen wohnen bei ihren Eltern
Geschichten wie die von Jaime gibt es Tausende in Spanien, das den traurigen Rekord der höchsten Jugendarbeitslosigkeit in Europa hält. Dabei hatte der junge Mann, der auf eine kurze Laufbahn beim Militär zurückblicken kann, noch Glück: Er schaffte die Abnabelung vom Elternhaus, auch wenn sie nur von kurzer Dauer gewesen ist.
Jenseits der Pyrenäen ist es völlig normal, dass junge Menschen bei ihren Eltern wohnen, bis sie 35 oder noch älter sind. Das liegt nur zum Teil daran, dass Spanien unter einem eklatanten Mangel an bezahlbaren Mietwohnungen leidet. Es liegt auch und vor allem an der Misere, in der sich das Land insgesamt befindet. Und so ist die Familie letzte Zuflucht als einzige noch funktionierende soziale Zelle in einem Land, in dem die Sozialkassen chronisch leer sind.
Jahrzehntelang wurde die viel zu späte Emanzipation der Jugend von der Elterngeneration hingenommen. Doch am 15. Mai dieses Jahres verlieh ein spontaner Protest einer Handvoll frustrierter Spanier ihrer Empörung über diesen Zustand Ausdruck und löste damit eine soziale Welle des Protestes aus, der schnell über Spaniens Grenzen hinausgehen sollte.
Die Bewegung 15-M, die "Spanish Revolution", war geboren und fand überall Nachahmer. Unter dem Sammelnamen "Occupy"-Bewegung brachten es die zornigen Jugendlichen weltweit zu einem beachtlichen Bekanntheitsgrad.
"Familien halten hierzulande fest zusammen"
Warum aber lehnten sich die jungen Spanier so spät auf gegen Zustände, die schon lange im Argen liegen? "Das hat damit zu tun, dass die Familien hierzulande fest zusammenhalten und soziale Härten abfedern", erklärt Manuel Ruiz, Soziologe und Historiker.
"Wer in eine Schuldenfalle tappt, seinen Job verliert oder sonst in Not gerät, wird vom familiären Netz aufgefangen. Das war schon immer so in Spanien, wo der Sozialstaat viel weniger entwickelt ist als etwa in Deutschland." Tatsächlich verfügt fast jeder zweite Spanier im Alter von 18 bis 24 Jahren über keinerlei Einkünfte und ist vollständig auf die Eltern angewiesen.
Die jungen Leute wissen das durchaus zu schätzen: "Für mich ist meine Familie alles", sagt Jaime, "das Einzige, worauf ich mich mein ganzes Leben lang verlassen kann." Als die "Empörten" sich Gehör verschafften, marschierte Jaime nicht mit. Das läge, so sagt er, nicht in seinem Naturell. Die "Empörten" geben jedoch keine Ruhe.
Am Wahltag legten sie in vielen Wahllokalen "Beschwerde" ein. Die Bewegung betrachtet die Wahlen als eine "Farce". Sie fordert eine "echte Demokratie" und fühlt sich von den bestehenden politischen Parteien nicht vertreten.
Jaime lebt in Valencia, der Stadt, die zum Inbegriff der Verschwendung und des Größenwahns geworden ist. Hier ließ Bürgermeisterin Rita Barberà von der konservativen Volkspartei (PP) für 600 Millionen Euro die Stadt der Künste (Ciudad de las Artes y de las Ciencias) mit einem Museum, einem Opernhaus, Kinosälen, Planetarium und dem größten Aquarium Europas mit sieben Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Boden stampfen.
"Frau Barberà liebt alles, was neu und modern ist und glänzt, Hauptsache, der Schein stimmt", sagt Jaimes Mutter Pepa (44), die als Verkäuferin im Warenhausgiganten El Corte Inglés arbeitet. "Dafür ist Geld da, aber für Arbeitsprogramme für unsere Jugend nicht", sagt die zierliche Frau, die mit ihren bescheidenen Einkünften den Sohn durchbringen muss.
"Wir haben noch Glück, dass uns ab und zu meine Großtante unter die Arme greift. Sie hat eine gute Rente, weil ihr Mann Beamter war."
Wer einem politischen Lager angehört, wechselt nicht
330 Kilometer weiter nördlich, in der Landeshauptstadt Madrid, bangt Gymnastiklehrerin Alicia Pérez (39) um ihren Job bei einem Madrider Kulturzentrum. Nach und nach wird den Kommunen der Geldhahn zugedreht, im Bildungs- und Gesundheitswesen wird immer zuerst gespart. Ihre 60-Quadratmeter-Wohnung im hübschen Madrider Stadtviertel Salamanca kann Alicia nur mithilfe ihrer Eltern finanzieren.
"Mich überkommen Scham und Wut, wenn ich bedenke, wie eingeschränkt wir im Grunde leben und wie wir unseren Familien fast ein Leben lang auf der Tasche liegen." Ihre Eltern – der Vater war leitender Angestellter bei einer Elektrizitätsgesellschaft, die Mutter Lehrerin – sind Rentner.
Sie haben die konservative Volkspartei (PP) gewählt, so wie immer schon. Wer in Spanien einem politischen Lager angehört, wechselt in der Regel nicht. Lieber übt man sich in Stimmenthaltung.
"Wir diskutieren daheim nicht über Politik"
Alicias Eltern glauben, dass die PP am ehesten für mehr Wohlstand sorgt und ihren Kindern bessere Berufschancen garantiert. "Wir diskutieren daheim nicht über Politik", meint Alicia, "solche Gespräche enden immer nur im Streit, und wir wollen keinen Unfrieden."
Das ist typisch für Spanien, über Politik wird nicht gern geredet, weder in der Familie noch im Freundeskreis. Alicia selbst nennt sich "unpolitisch", ihr Lebensgefährte Joshua (29) ist das genaue Gegenteil: Er, seine Eltern und seine drei Brüder waren im Sommer bei den Protesten der Empörten in Madrid dabei. "Das war eine schöne Erfahrung", sagte er, "endlich taten wir mal etwas."
Drei Monate später ist es ruhig geworden um die jungen Revoluzzer. "Spanien ist im Grunde ein passives, wenig provokatives Land", sagt Miguel Angel Valencia, einstiger Buchhalter und inzwischen Sprecher der Bewegung Democracia Real Ya (Wirkliche Demokratie sofort).
"Von der Polizeibrutal niedergeknüppelt"
Gerade einmal 3500 Mitglieder hat die Bewegung noch in Spanien. "Unsere Protestaktionen wurden zuletzt verboten oder von der Polizei ziemlich brutal niedergeknüppelt", so Miguel Angel. Die Medien hätten versagt, weil die Empörten von ihnen in der Wahlkampfberichterstattung ignoriert worden seien.
"Die Presse ist nicht wirklich unabhängig, die beiden führenden Tageszeitungen betreiben Lobbyarbeit für die beiden großen Parteien", meint der 39-Jährige, der noch nie in seinem Leben mehr als 1000 Euro im Monat verdient hat und vor dem Bankrott steht, wenn er nicht bald einen Job findet.
"Es ist doch kein Wunder, dass viele resignieren und sich nun auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren", sagt er, "und dazu gehört in Spanien nun einmal die Familie."
Leidensfähigkeit vieler Spanier erschöpft
Doch wenn die Wirtschaftskrise noch lange anhält, könnte sogar diese letzte intakte Institution der spanischen Gesellschaft in Gefahr sein. Drei Jahre Krise haben die Leidensfähigkeit vieler Spanier erschöpft, die Sparpolster sind bedrohlich zusammengeschmolzen.
"Inzwischen müssen sich viele Eltern nicht nur um ihre Kinder, sondern auch um die eigene Zukunft sorgen. So manche Familie läuft bereits Gefahr, ihre Wohnung zu verlieren oder ohne Absicherung im Alter dazustehen", mahnt Soziologe Ruiz.
Auch die Politiker haben erkannt, dass die Einschnitte der letzten Monate zu brutal waren, und versuchten im Wahlkampf mit neuen Versprechungen gegenzusteuern. Zu spät für Jaime. Er geht nicht mehr wählen, wie so viele andere junge frustrierte Spanier. "Eine echte Revolution wäre es, wenn wir so leben könnten, wie die Nordeuropäer, wo die Familie eine freiwillige Angelegenheit ist", sagt Alicia,
"Der 15-M war eine Generalprobe, die wahre Revolution steht noch bevor."





