Welche Zukunft?

In Europa wird der Generationenkonflikt zur Norm

Griechenland siecht dahin, Italien steht am Abgrund. Wir erleben den schleichenden Niedergang Europas. Ein wehmütiger Abschiedsgruß.

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Anno 1849, im Jahr des "Frühlings der Nationen", fand in Paris ein Friedenskongress statt, auf dem Victor Hugo, der berühmteste Schriftsteller seiner Zeit, verkündete: "Der Tag wird kommen, an dem du, Frankreich, du, Russland, du, Italien, du, England, und du, Deutschland, all ihr Völker dieses Erdteils, zu einer höheren Einheit verschmelzen werdet, ohne eure verschiedenen Vorzüge und eure ruhmreiche Einzigartigkeit einzubüßen, und ihr werdet eine europäische Bruderschaft bilden, genauso wie die Normandie, die Bretagne, Burgund, Lothringen und das Elsass, all unsere Provinzen, in Frankreich aufgegangen sind."

Seitdem sind hundertsechzig Jahre vergangen, eine Art Europäisches Parlament ist entstanden, nicht jedoch eine europäische Bruderschaft, und es ließe sich mutmaßen, dass Victor Hugo nicht allzu glücklich sein würde über den gegenwärtigen Zustand des Kontinents.

Meine Erinnerungen an Europa reichen zu einer Kindheit in der Weimarer Republik und einer Jugend in Nazi-Deutschland zurück. Ich verließ das Land kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Seitdem bin ich für viele kurze Besuche und manchen langen Aufenthalt zurückgekehrt, bin in den meisten europäischen Ländern gewesen und habe den Kontinent zu einem meiner Lebensthemen gemacht. Ich habe Europa und die Europäer in guten und schlechten Zeiten erlebt und vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, Bilanz zu ziehen. Habe ich doch vor langer Zeit gelernt, dass eine Krise bloß eine Periode zwischen zwei anderen ist.

Studenten der Geschichte wissen nur zu gut, dass man sich dem Thema Niedergang besser mit Vorsicht nähert. Als Westrom fiel, wurde allgemein angenommen, dass auch der östliche Teil des römischen Imperiums zum Untergang verdammt sei, doch Byzanz überstand weitere eintausend Jahre.

Nach der Niederlage gegen die Preußen 1871 glaubte man in Frankreich das Ende Galliens gekommen: eine schrumpfende Bevölkerung, der allgemeine Defätismus, mangelnder Patriotismus, fehlendes Selbstbewusstsein und soziale Übel wie der Alkoholismus und der sogenannte "Erotizismus", hieß es, besiegelten Frankreichs Ende, nie mehr würde das Land sich erholen.

Binnen dreißig Jahren freilich sah alles anders aus: Die Dekadenz war aus der Mode gekommen und großteils durch Militarismus und sogar Chauvinismus ersetzt; der Eiffelturm war gebaut; der Sport entdeckt und beliebt; Frankreich war wieder es selbst. Deutschland wiederum brauchte nach seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg nur 15 Jahre, um erneut zum meistgefürchteten Land Europas zu werden.

Traum vom postnationalistischen Frieden

Nach der Verwüstung begann Europa den Traum vom postnationalistischen Frieden zu träumen, von Wohlstand, sozialer Gerechtigkeit und, später, von ökologischer Tugendhaftigkeit. Auf dem Kontinent kam es in den vergangenen sechzig Jahren von Amerika quasi unbemerkt zu einer Revolution. Sie erreichte ein neues Gleichgewicht von individuellen Eigentumsrechten und dem Allgemeinwohl, zwischen staatlicher Regulierung und freiem Markt, zwischen Freiheit und Gleichheit – das Amerika mit seinem angeborenen Glauben an den freien Markt nie erreicht hatte.

Zu guter letzt hatte Europa gelernt, mit sich selbst und dem Rest der Welt in Frieden zu leben. Europa war gesund und stressfrei im Vergleich zum fiebrigen, nicht ausbalancierten Amerika. Die Zukunft schien dem europäischen Modell zu gehören. Wie deprimierend dagegen seit geraumer Zeit die Nachrichten klingen: Irland stehe vor dem Kollaps, Großbritannien vor mageren Jahren, Griechenland verzweifelt, Portugal nicht minder, Italien und Spanien in großer Gefahr – manchmal klingt es wie das Ende aller Tage.

Die Idee der Gemeinschaft war künstlich

Und doch ist es zu einfach, viel zu einfach, jetzt über die Illusionen der Vergangenheit zu spotten. Europas Nachkriegsgeneration wollte demokratischere Gesellschaften schaffen. Sie wollte die Extreme von Reichtum und Armut mildern und für soziale Sicherheit sorgen – nicht nur, weil sie das für moralisch richtig hielt, sondern auch, weil sie den sozialen Ausgleich als Werkzeug begriff, jene Wut und Frustration, die letztlich zum Krieg geführt hatten, zu beherrschen. Dieses Ziel wurde von vielen europäischen Gesellschaften mehrere Jahrzehnte lang erreicht. In Europa ging es ruhig zu und zivilisiert, kein Krieggeschrei, nirgends.

Europa musste auf eine europäische Identität und gemeinsame Werte gegründet werden, nahm seinen Anfang jedoch nichtsdestoweniger als Eisen-, Stahl- und Kohle-Union. Zwar sagte Jean Monnet, der Vater der Europäischen Union später, dass er, müsste er es noch einmal machen, diesmal mit der Kultur anfangen würde. Aber er hat nun mal mit der Wirtschaft angefangen und wahrscheinlich hatte er dafür einen guten Grund.

Die europäische Integration war nicht deshalb so schwierig, weil sie das von manchen als künstlich bezeichnete Konzept der Nationalstaatlichkeit überwinden musste – die Idee der Nationalstaatlichkeit hatte sich schließlich über Jahrhunderte entwickelt, und mag es auch sein, dass es der Welt ohne sie besser ergangen wäre, so war sie doch mit Sicherheit nicht künstlich. Die europäische Integration erwies sich vielmehr deshalb als so schwierig, weil die Idee einer Gemeinschaft künstlich war.

Nur 51 Prozent fühlen sich als Europäer

Sämtliche Studien zum Thema zeigen, dass sich die allermeisten Menschen (nämlich 90 Prozent) dem Ort und dem Land ihrer Geburt zugehörig fühlen, nicht aber einer umfassenderen Institution, die andere Lebensstile und fremde Sprachen einschließt. Einer Eurobarometer-Umfrage von 1996 zufolge fühlten sich nur 51 Prozent der Europäer als Europäer – und es sind im Laufe der Zeit nicht mehr geworden. Weder eine Europahymne noch eine Europaflagge haben daran viel geändert.

Zu behaupten, dass Europa faul geworden sei, wie es kürzlich der Historiker Niall Ferguson getan hat, ist unfair. Und doch: Europa hat den Blick nach innen gewendet, ist lethargisch geworden. Dem Kontinent fehlt es an Neugier und Unternehmungslust. Es ist nichts verkehrt daran, das Leben genießen zu wollen, aber es ist beunruhigend, wenn mit diesem Wunsch ein mangelndes Interesse an der Zukunft einhergeht.

Manchmal kommt es in der Geschichte zu grundlegenden Veränderungen, wenn eine neue Generation aufsteigt. Andererseits haben junge Generationen dem Kontinent großes Unglück beschert, nicht zuletzt den Sieg von Faschismus und Kommunismus, die als Jugendbewegungen ihren Anfang nahmen. Sollte es zu einer Verjüngung Europas kommen, so wird sie diesmal zu großen Teilen von jungen Menschen mit nicht-europäischem Hintergrund geleistet werden. Doch von Ausnahmen abgesehen, ist Europa nicht in der Lage gewesen, die Besten von ihnen anzulocken.

Wenige Jungen müssen für viele Alte arbeiten

In jedem Fall wird die Jugendkohorte in den kommenden Jahrzehnten schrumpfen. Der Kontinent altert, weil die Geburtenraten niedrig sind und die Menschen ein höheres Alter erreichen. Das bedeutet nicht nur zusätzliche Lasten für das Gesundheitssystem und die Pensionskassen, sondern wahrscheinlich auch einen sinkenden Lebensstandard. Zugleich wird es paradoxerweise wohl bei einer hohen Jugendarbeitslosigkeit bleiben, während die Jungen die Schuldenlast der vergangenen Jahrzehnte werden schultern müssen. Eine kleine Gruppe von Jungen wird für das Wohl einer viel größeren Gruppe von Alten arbeiten müssen. Daher wird der Generationenkonflikt zur Norm werden.

Jugendrevolten waren im 19. Jahrhundert nicht selten, allerdings waren sie zumeist politisch, nicht sozial motiviert. Mittlerweile ist es bereits in Frankreich, Großbritannien, Spanien und Griechenland zu Jugendrevolten gekommen. Wird die Solidarität in Europa und seinen Mitgliedstaaten groß genug sein, um diesem Druck standzuhalten?

Deutschland und Frankreich haben sich zusammengetan

Europas Möglichkeiten zu scheitern sind zahllos, und doch scheinen am Ende nicht die technischen Antworten auf die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Fragen die entscheidenden zu sein, sondern vielmehr die tiefer liegenden politischen und psychologischen Faktoren – Nationalstaatlichkeit oder Postnationalstaatlichkeit, Dynamik oder Erschöpfung. Manche Trends lassen sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagen, doch gibt es eben auch Imponderabilien, die sich nicht messen oder wiegen, geschweige denn vorhersagen lassen, weil sie abruptem Wandel unterliegen. Und es sieht so aus, als wären solche Imponderabilien entscheidender.

Viele Europäer beklagen einen Mangel an Demokratie und fürchten, vielleicht zu Recht, dass ein von Brüssel dominiertes Europa in Zukunft noch undemokratischer sein könnte. Wenige hingegen beklagen einen Mangel an Führung, obwohl es an ihr doch mindestens ebenso sehr, wenn nicht gar mehr fehlt. Denn Europa treibt umher und es ist nicht einmal klar, in welche Richtung.

Wie viel Demokratie kann es in der Welt von morgen geben? Das System des alten polnischen Parlaments, in dem eine einzige Nein-Stimme ausreichte, eine Initiative zu stoppen, wird gewiss nicht mehr funktionieren. Der Vertrag von Lissabon (2009) hat in dieser Hinsicht sicherlich einiges bewegt, in der Praxis freilich nicht allzu viel verändert. Deutschland und Frankreich haben sich zusammengetan, um die EU stromlinienförmiger zu machen, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen und effizienter zu gestalten und striktere Regeln und Kontrollen durchzusetzen.

Wie sollen die Postmodernen bestehen?

Viel jedoch hat das nicht geholfen und zwischen beiden Ländern besteht nicht immer Einigkeit. Andere Länder wiederum sahen die Umformung Europas nach französischem und deutschem Vorbild nicht gern – wie sehr sie auch auf Hilfe angewiesen waren. Eine Alternative hatten freilich auch sie nicht zu bieten.

Vielleicht hat Robert Cooper Recht. Er hat die EU außenpolitisch immer wieder beraten. In seinen Augen ist Europa mit seinem Glauben an friedliche Interdependenz und Kooperation postmodern, wohingegen die Politik anderer Staaten (bestenfalls) in der Idee traditioneller Einflusszonen und Machtgleichgewichte wurzelt. Doch wie sollen die Postmodernen in einer Welt bestehen, in der allzu oft das Chaos obsiegt und nicht die Gesetze des Internationalen Strafgerichtshofs gelten, sondern die Gesetze von Thomas Hobbes?

Die Postmodernen würden mit zweierlei Maß messen müssen: einem für die "zivilisierten" Nationen und einem für die anderen, für die man sich der "raueren Methoden eines früheren Zeitalters" bedienen müsse. Doch was vernünftig klingt, ist undurchführbar. "Liberaler Imperialismus" ist ein unnötig provokanter Terminus, keine realistische Strategie, um Tausende Menschen kurzfristig in ferne Länder zu schicken, wo sie aber bitte nicht schießen sollen.

Asien propagiert das autoritäre Regierungsmodell

Coopers Thesen haben, kaum überraschend, bei jenen für Irritationen gesorgt, die klerikalen Faschismus, Diktaturen, ja sogar Völkermorde hinzunehmen bereit sind, solange diese nur außerhalb Europas und der Vereinigten Staaten geschehen. Doch die wahre Schwäche seiner Strategie liegt anderswo – in der Annahme einer Entschlossenheit nämlich, die dem Kontinent derzeit fehlt. Europa als machtvoller Akteur wäre zwar hochwillkommen , doch wie wird man ein machtvoller Akteur? Strebt Europa in seiner Apathie diese Rolle überhaupt an?

Wollen, wie Schopenhauer sagt, ist einfach, wollen wollen aber nachgerade unmöglich. In seinem Buch "Eine Welt ohne Europa" schlägt Pierre Hassner vor, Europa solle als Macht des Ausgleichs, der Abstimmung und der Aussöhnung auftreten, sei es doch stark genug, andere zu beeinflussen und sich selbst zu verteidigen, aber zu schwach zur Eroberung und Dominanz: "Europa braucht die Welt, die Welt braucht Europa." Schöne Worte, wahre Worte – wer würde dem nicht zustimmen? Aber empfindet die Welt genauso? Hat Europa die innere Stärke, hat es den Ehrgeiz für eine solche Mission?

Der Erhalt demokratischer Freiheiten wird schwierig

Die asiatischen Staatsmänner und –philosophen hatten wahrscheinlich Recht, als sie den Europäern verkündeten, ihr autoritäreres Regierungsmodell sei für die Herausforderungen der Zukunft besser geeignet. Europa hingegen, so wie sie es sehen, sei im Wesentlichen eine Zollunion, die nie ernsthaft beabsichtigt habe, zu einer globalen Macht zu werden.

Sie finden es seltsam, dass sich Europa seiner bescheidenen Rolle in der Welt nie bewusst geworden ist und sich nie damit abgefunden hat. Ob es nun ein Europa oder (in Charles de Gaulles Worten) ein "Europa der Vaterländer" oder überhaupt kein vereintes Europa gibt, es wird kaum demokratischer sein als jetzt. Im Überlebenskampf wird es vielmehr zusehends schwieriger werden, das derzeitige Maß demokratischer Freiheiten zu halten.

Es hat nie einen europäischen Superstaat gegeben, nicht einmal einen Plan für einen solchen. Zwar gibt es gemeinsame Interessen, aber würde für sie nicht Lateinamerika als Modell reichen? Die Länder dort leben in gegenseitigem Frieden und kooperieren in gewissem Maß; sie haben eine Art gemeinsamen Markt und eine Zollunion geschaffen und für freien Güterverkehr gesorgt. Dabei hatte Simón Bolívar vor 200 Jahren viel ehrgeizigere Pläne, die an der lateinamerikanischen Realität gescheitert sind, obwohl die beteiligten Länder mehr miteinander gemein haben als Europa.

Etwas zwischen Regionalmacht und Museum

Derzeit scheint eine Mehrheit der Europäer unentschlossen. Sie zögern, mit der EU zu brechen, zaudern aber ebenso, sich auf einen europäischen Superstaat zuzubewegen. Manch einer hat offenbar das Gefühl, die Stürme der Zukunft allein besser zu überstehen: "Small is beautiful", hieß es einmal. Vielleicht sind die gegenseitigen Verbindungen, die gemeinsamen Werte und das gegenseitige Vertrauen einfach nicht stark genug, um Basis für eine echte Union zu sein.

Das Europa, das ich gekannt habe, ist dabei zu verschwinden. An seine Stelle wird etwas zwischen Regionalmacht und Museum treten. Für den Augenblick jedoch halte ich es noch immer und trotz allem mit Alfred Lord Tennyson: "Durch die Weltnacht lasst uns stürzen in des jüngern Tages Zonen:/ Besser fünfzig Jahr’ Europas, als chinesische Äonen!"