Versteckt in der Kanalisation

Wie Libyens Ex-Diktator Gaddafi starb

Der Mann ist offensichtlich schwer verletzt, blutüberströmt - und er wird misshandelt: Libyens Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi lebte noch, nachdem er gefangen genommen worden war. Kurze Zeit später starb er. Amnesty International fordert, die Umstände seines Todes untersuchen zu lassen.

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Die Nachricht vom Tod des langjährigen libyschen Machthabers findet weltweit Nachhall.

Video: Reuters
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Der ehemalige libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi ist offenbar noch lebend in die Hand der Aufständischen gefallen. In einem von Al-Arabija, dem libyschen Fernsehen und CNN ausgestrahlten verwackelten Video ist den Angaben der Sender zufolge Gaddafi zu sehen, wie er von Milizonären umringt wird.

Die Bilder zeigen, wie ein blauer Pickup vorfährt, vorn auf der Motorhaube sitzen bewaffnete Milizen, zwischen ihnen, liegend und blutverschmiert, Gaddafi. Er wird von dem Wagen heruntergezerrt, scheint noch auf eigenen Beinen zu stehen und zu wanken. Sein Hemd ist blutgetränkt. Er scheint zu sprechen und seine rechte Hand zu bewegen. Die Videobilder aus Sirte legen nahe, dass der schwer verletzte Gaddafi nach seiner Gefangennahme misshandelt wurde. Zu sehen ist darauf unter anderem, wie aufgebrachte Soldaten ihn schlagen und an seinem Haar reißen.

>>> Der schwer verletzte Gaddafi bei Sirte (ACHTUNG: drastische Aufnahmen)

Auf späteren Bildern ist der tote Gaddafi zu sehen. Ein Arzt im Krankenhaus von Misrata bestätigte nach einer Untersuchung, Gaddafi sei am Kopf und am Bauch von Schüssen getroffen worden. Am Abend wurde auch der Tod von Gaddafis Söhnen Saif al-Islam und Mutassim bestätigt. Beide sollen wie ihr Vater von Truppen des Nationalrats in Sirte getötet worden sein. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International fordete eine Untersuchung der Todesumstände von Muammar al-Gaddafi gefordert. Es sei wichtig, dass dem libyschen Volk durch eine unabhängige Untersuchung alle Fakten offenbart würden, heißt es in einer Mitteilung der Organisation.

Der Tod Gaddafis ist aus Sicht der Menschenrechtsorganisation „noch nicht das Ende der Geschichte“. Anhänger des Regimes müssten nun für ihre Straftaten zur Verantwortung gezogen werden. „Das Erbe der Unterdrückung und des Missbrauchs während Muammar al-Gaddafis Herrschaft wird nicht zuende sein, bis die Vergangenheit vollständig aufgearbeitet ist und Menschenrechte den neuen Institutionen Libyens fest verankert sind“, sagte Hassiba Hadj Sahraoui, der bei AI für Nordafrika und den Nahen Osten zuständig ist. „Der Tod von Gaddafi darf seine Opfer in Libyen nicht davon abhalten, Gerechtigkeit zu sehen.“ Die neue Regierung müsse mit der „Kultur des Missbrauchs“ unter Gaddafi vollständig brechen und Menschenrechtsreformen durchsetzen, die das Land bitter nötig habe, hieß es.

Gaddafis Heimatstadt wird zur Falle

Kämpfer der libyschen Übergangsregierung erschossen nach eigener Darstellung den langjährigen libyschen Diktator am Donnerstag nach der Eroberung seiner Heimatstadt Sirte. Ministerpräsident Mahmud Dschibril bestätigte in Tripolis den Tod Gaddafis. „Wir bestätigen, dass alles Böse und Gaddafi aus diesem geliebten Land verschwunden sind.“ Nun sei es an der Zeit, ein neues, einiges Libyen zu schaffen. Spätestens am Freitag werde Übergangspräsident Mustafa Abdel Dschalil die Befreiung des Landes von Gaddafis Herrschaft verkünden. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, nun sei der Weg für einen politischen Neuanfang frei.

Kämpfer der Übergangsregierung, die fast auf den Tag genau vor zwei Monaten die Macht in Tripolis übernommen hatte, hatten am Donnerstag nach wochenlangen Kämpfe Sirte erobert: Gaddafis Geburtsort und letzte Hochburg. Anscheinend versuchte Gaddafi noch, sich mit einem Konvoi in Sicherheit zu bringen. Doch die Wagenkolonne wurde von der Nato aus der Luft - und später von Kämpfern der Regierung am Boden angegriffen.

Milizen stellen Gaddafi in der Kanalisation

Gestellt wurden Gaddafi und seine Bewacher demnach von den Regierungssoldaten in zwei Abwasserröhren, in denen sie vor den Luftangriffen Schutz suchten. Nach einem kurzen Schusswechsel habe sich der ehemalige Machthaber ergeben, berichteten Kämpfer, die nach eigener Aussage an der Aktion beteiligt waren. Gaddafi war schwer verletzt, er soll von Schüssen am Bein, am Rücken und am Kopf getroffen worden sein. Er habe einen verwirrten Eindruck gemacht und gefragt: „Was ist los?“.

Mitkämpfer bestätigten die Aussagen Bakeers. Allerdings sagte einer von ihnen, Gaddafi sei durch seine eigenen Leute verletzt worden. Einer seiner Bewacher soll Gaddafi in die Brust geschossen haben – die Einlassungen der Augenzeugen lassen sich allerdings bislang nicht verifizieren.

Mit der Eroberung Sirtes und dem Tod Gaddafis schließt sich für die Übergangsregierung ein Kreis, der seinen Ausgangspunkt im Februar in der Erhebung gegen den Diktator hatte. Während des Kampfes um die Macht wurde die einstige Rebellenbewegung von der Nato aus der Luft unterstützt, was erheblich zu deren Erfolg beitrug. Als offizielles Datum der Absetzung Gaddafis gilt der 22. August, an dem die Rebellen die Eroberung der Hauptstadt Tripolis meldeten. Am Freitag will die Übergangsregierung Libyen für „befreit“ erklären.