„Mit der Hamas ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen“, sagt Ali und drückt aus, was die meisten hier im beliebten Restaurant „Basata“ am Strand der ägyptischen Ortschaft al-Arisch denken. Der angegliederte Coffeeshop ist gut gefüllt. Viele trinken Tee, einige Kaffee, hin und wieder gurgelt eine Wasserpfeife an einem der Tische und suggeriert orientalische Gelassenheit. Doch gelassen ist niemand. Alle starren wie gebannt auf den Fernsehschirm. Seit Stunden überträgt der arabische Nachrichtensender al-Dschasira Gefechtsbilder und Pressekonferenzen.

Im 400 Kilometer entfernten Kairo herrscht hektische Diplomatie. Zuerst tritt UN-Generalsekretär Ban Ki-moon vor die Kameras, dann Ägyptens Premierminister Ahmed Abul Gheit. Zwischendurch schüttelt Präsident Husni Mubarak diverse Hände. Und schließlich tauchen bärtige Männer auf dem Bildschirm auf. Sie alle sprechen von „Salam“ – Frieden. Doch den gibt es in der Region seit drei Wochen nicht mehr. Die Ägypter diskutieren und ereifern sich nur noch über den Krieg im Gazastreifen.

„Mubarak hat es doch geschafft“, ruft ein älterer Ägypter stolz. „Er hat die Hamas dazu gekriegt, den Waffenstillstand zu akzeptieren, nach dem ägyptischen Plan.“ Zunächst sollen die Waffen ein paar Tage schweigen, damit man in Ruhe einen längerfristigen Waffenstillstand aushandeln kann, der am Ende zur Grenzöffnung führen und die Belagerung des Gazastreifens aufheben soll.

So jedenfalls haben es Mubarak und Frankreichs Präsident Nikolas Sarkozy formuliert. Fast zwei Wochen ist das her, und beide Seiten, Israelis und die Hamas, haben den Vorschlag bislang abgelehnt. Die Hamas feuerte weiter Raketen auf israelische Städte, und die israelische Armee verschärfte ihre Angriffe auf Gaza. Mehr als 1000 Menschen wurden bisher getötet, weitere 5000 verletzt.

Tausende gingen in al-Arisch auf die Straße und forderten ein Ende dessen, was 50 Kilometer entfernt geschieht. Doch anders als bei den bisherigen Militäroffensiven der Israelis, bei denen Israel als Aggressor eindeutig festgestanden habe, sei diesmal die Schuldfrage für die Ägypter nicht so einfach zu klären.

„Die Hamas ist nicht schuldlos an der Misere“, sagt Ali und zeigt auf den Vertreter der radikalen Palästinenserorganisation, der jetzt vor den Kameras sitzt und die Zusage zum Waffenstillstand schon wieder infrage stellt. „Die haben den sechsmonatigen Waffenstillstand mit Israel nicht mehr verlängert, und jetzt wollen sie auch nicht einlenken.“ „Ja“, sagt sein Nachbar Amr, „die haben den Israelis in die Hände gespielt.“ Und wie immer in orientalischen Kaffeehäusern macht einer eine Aussage und hat schnell alle Gäste als Diskutanten motiviert.

Als einziges Land außer Israel haben die Ägypter eine Landgrenze zum Gazastreifen, den sie bis zum Sechstagekrieg 1967 unter ihrer Kontrolle – und mit dem sie ihre liebe Not hatten. Israel hat es Ägypten schon des Öfteren angetragen, wieder die Verantwortung für die mittlerweile 1,5 Millionen Einwohner Gazas zu übernehmen und nicht nur die Grenzfunktion auszuüben. Doch Kairo hat stets abgelehnt. „Zu Recht“, sind sich die vier Männer an Alis Tisch einig. Sie alle haben mehr oder weniger mit der Grenze in Rafah zu tun. Ahmed stempelt die Papiere für die Waren, die nach Gaza ausgeführt werden. Mohammed kontrolliert die Pässe. Amr und Ali sind Grenzpolizisten. „Einen von uns haben die erschossen“, sagt Ali erbost, „einen verletzt.“

Seit die israelische Militäroffensive am 27. Dezember gegen den Gazastreifen begann, gab es schon diverse Versuche von verzweifelten Palästinensern, über die Grenze nach Ägypten zu fliehen. Die Grenztruppe wurde daraufhin massiv verstärkt. Al-Arisch wimmelt von Soldaten und Polizisten. Amr sagt, er würde gern – wie von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier angeboten, von Deutschen ausgebildet werden, am liebsten in Deutschland selbst.

„Aber nicht im Winter“, weil es da so kalt sei. „Bessere Technik könnten wir hier schon gebrauchen, Funkgeräte made in Germany, das wäre toll!“, sagt Amr. Am meisten beklagt der 25-Jährige die Einsatzplanung. „Du musst eigentlich rund um die Uhr zur Verfügung stehen, bist quasi mit dem Innenministerium verheiratet, hast kaum Privatleben.“ Und dies für umgerechnet 300 Dollar (220 Euro) im Monat.

Die strenge Grenzkontrolle hat den Ägyptern viel Kritik aus anderen arabischen Staaten eingebracht, Kairo wurde gar für die Misere in Gaza verantwortlich gemacht. Mubarak solle die Tür öffnen für die „palästinensischen Brüder und Schwestern“, stand auf den Bannern der Demonstranten. Im Libanon wollten aufgebrachte Bürger die ägyptische Botschaft stürmen.

Alle vier Männer fürchten, ihr Land könne von Flüchtlingen überschwemmt werden. Ali und Amr erinnern sich noch lebhaft an die Situation vor einem Jahr, als Hamas-Anhänger Löcher in die Grenzbefestigungen sprengten und Tausende Palästinenser nach Ägypten herüberströmten. „Es war ein Chaos, bis wir die alle wieder drüben hatten“, erinnern sich die beiden Polizisten an die Lage von vor einem Jahr. Und jetzt wäre es noch viel schlimmer. Die Häuser der Menschen sind zerbombt, viele Angehörige getötet. „Die bleiben dann womöglich bei uns, lassen sich hier nieder und übernehmen den Laden“, mutmaßt Ali.

Der Ruf von al-Arisch, einer der schönsten Badeorte am Mittelmeer zu sein, wäre dahin, wenn die Palästinenser hier einfallen, sagen die alten Fischer am Nebentisch. Auch der südliche Sinai mit den berühmten Orten Dahab und Scharm al-Scheich wären kaum noch Touristenmagnete. Denn überall, wo die Palästinenser sich niederließen, habe es Probleme gegeben, sagt Ahmed. „Die sind militant und aggressiv, machen überall Stunk.“

In Jordanien hätten sie den damaligen König Hussein stürzen und selbst die Macht übernehmen wollen, im Libanon seien sie Mitschuld am Bürgerkrieg gewesen, und in Tunesien hätten sich Jassir Arafat und seine PLO reichlich danebenbenommen. Als Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat 1979 mit Israel Frieden schloss, habe Arafat getobt und die ganze arabische Welt gegen Ägypten aufgehetzt. In den Memoiren von Sadats Witwe Jehan ist nachzulesen, wie schwer die Absage des Palästinensers und des Syrers an eine umfassende Lösung des Konflikts mit Israel den ägyptischen Präsidenten getroffen hatte.

Die Kommentatoren der ägyptischen Zeitungen sind etwas zurückhaltender als die Kaffeehausrunde in al-Arisch. Die Oppositionszeitung „al-Wafd“ verteidigt die Weigerung der ägyptischen Regierung, die Grenze in Rafah zu öffnen mit dem Argument, dass mehr als 100.000 Ägypter in Kriegen mit Israel seit 1948 für die palästinensische Sache ihr Leben gelassen hätten. „Das reicht!“ Und die größte Abendzeitung „al-Massa“ prophezeit, dass eine Grenzöffnung zu einer erneuten direkten Konfrontation mit Israel führen würde, was man unter allen Umständen vermeiden sollte.

Aber es soll auch mitfühlende Solidarität in die Öffentlichkeit transportiert werden: Medienwirksam besuchte Gamal Mubarak, ältester Sohn des Präsidenten, die verletzten Palästinenser im Krankenhaus von al-Arisch, die ebenso medienwirksam die Güte des Präsidenten priesen. Und Premier Gheit wirft der Hamas vor, nicht genug Verwundete aus dem Gazastreifen nach Ägypten passieren zu lassen. „Am Dienstag wird das hier sowieso zu Ende sein“, prophezeit der 25-Jährige Grenzpolizist Amr und zieht seine Uniformjacke an. „Dann ist Barack Obama Präsident in Amerika.“