1968 und der Sex

Als ob die Welt vor Lust nur so bebte

1968 brachte die Befreiung der Liebe aus den Fesseln einer bedrückenden Sexualmoral. Vor allem Frauen hatten darunter viel zu lange gelitten. In Amerika hieß die Zeit "summer of love". In Europa ging es anfangs weit weniger frivol zu, doch wie immer dauerte es nicht lange bis sich das änderte.

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In meinem Mädchengymnasium in München fand Anfang der 60er-Jahre in der Oberstufe Sexualkundeunterricht statt. Und zwar so: Wir durften anonym Fragen auf Zettelchen schreiben, die dann eingesammelt und diskutiert wurden. Eine wichtige Frage lautete: "Soll man als Jungfrau in die Ehe gehen?" Ich weiß nicht mehr, was die Lehrerin damals sagte. Aber ich sehe heute noch meine Mitschülerin Almut vor mir, die spontan aufstand und errötend die Antwort gab: "Aber das ist doch selbstverständlich!"

In den Elternhäusern war das Thema Sex tabu. Uns Mädchen wurde nur eingeschärft, sich vor Männern in Acht zu nehmen. ("Wenn ein Mann dich küsst, will er nur oben anfragen, ob unten frei ist.") Jungs war es erlaubt, "sich die Hörner abzustoßen". Mädchen hatten auf ihren guten Ruf zu achten. Es gab sogar Anspruch auf Entschädigung ("Kranzgeld"), wenn ein Mann seine "unbescholtene Verlobte" verließ. Für Wertminderung nach Gebrauch hatte er zu zahlen. War sie schwanger, musste er sie heiraten. Ein uneheliches Kind war eine Katastrophe.

Wer die 68er pauschal verdammt, weiß nichts über die Sexualmoral der Fünfziger

Wer heute die 68er pauschal verdammt, weiß nichts über die Zeit vorher. "Eheliche Pflichten" nannte man das, was in den Betten passierte. Der Wunsch nach einer anderen, freieren Sexualität, der die Jugendrevolte begleitete, war nur zu verständlich angesichts der Trostlosigkeit, die aus den Nussbaumschlafzimmern der Eltern drang. Glückliche Ehen waren selten. Die Eltern hatten meist kurz vor dem Krieg oder während des Kriegs geheiratet.


Zeit um sich kennenzulernen hatten sie nicht. Nach der Gefangenschaft kehrten die Männer als Fremde heim. Liebe war für sie ein Akt, auf den sie ein Recht hatten. Unter Erziehung verstanden sie Härte und nochmals Härte ("Solange du die Füße unter meinen Tisch hängst ..."). Viele Töchter aus dieser Zeit haben sich mit ihren Vätern erst kurz vor deren Tod ausgesprochen und versöhnt.


Spätere Untersuchungen haben an den Tag gebracht, wie sehr die Mütter litten und um die Entfaltung ihrer Sexualität betrogen wurden. "Das Wichtigste an einer Ehe ist doch die Kameradschaft", pflegten sie zu sagen. Und wenn sie mal ein Gläschen zu viel getrunken hatten, gestanden sie, von diesem "Sexkram" nie viel gehalten zu haben. Oswalt Kolle war der Mann, der eher zufällig als Journalist auf das Thema gestoßen war, mit dem er dann helfen wollte, diesen Berg von Frust abzubauen. Er predigte den Männern, sich mehr Zeit zu nehmen für ihre Frauen und es mal mit Zärtlichkeit zu versuchen.


Währenddessen bewunderten die Töchter Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Als hierzulande noch jeder wegen Kuppelei angezeigt werden konnte, der Unverheiratete unter einem Dach nächtigen ließ, lebte das Intellektuellenpaar ohne Trauschein und verstieß auch sonst gegen mancherlei Konvention Deutsche Mädchen wollten aussehen wie Brigitte Bardot oder Juliette Gréco, tuschten sich die Wimpern und malten sich schwarze Lidstriche um die Augen.


Sich zu schminken genügte in manchen Elternhäusern, um als "Flittchen" verdächtigt zu werden. Väter, das Bild von der "sauberen" deutschen Frau im Kopf, warfen das Kosmetiktäschchen der Töchter aus dem Fenster. Ohne diesen Zwang, der von Eltern, Schule und Kirche ("Hattest du unkeusche Gedanken?") auf die Jugend ausgeübt wurde, sind die späteren Exzesse, wie sie dann in den Kommunen praktiziert wurden, nicht denkbar.

Der Minirock, die Beatles, die langen Haare waren die Vorzeichen des Umbruchs

Der Minirock, die Beatles, die langen Haare waren die Vorzeichen des Umbruchs, der mit den 68ern begann. Die Jugend träumte von einem Sexualleben, das leichter sein sollte, nicht so bleischwer befrachtet mit Sündhaftigkeit, Schuld und Scham - lustvoller, spielerischer. Dass es nun die Pille gab, war entscheidende Voraussetzung für die Verwirklichung dieser Wünsche.

Bilder von den Jahren der Rebellion, die bis heute im kollektiven Gedächtnis verankert sind, künden von freier Liebe und Lust an Provokation: die berühmte Parade der Nackten aus der Kommune 1, der Oben-ohne-Auftritt von SDS-Demonstrantinnen im Gerichtssaal und immer wieder das bilderbuchschöne Vorzeigepaar Uschi Obermaier und Rainer Langhans. Die deutschen Vatis und Muttis lasen erschauernd die Titelgeschichten über das Leben in den Kommunen.


Es ist zu vermuten, dass sich in ihre Empörung auch viel Neid mischte. Die damals losgetretene Sexualisierung des Alltags in der Werbung, in der Mode, in Filmen, in den Medien musste jedem braven Bürger das Gefühl geben, der letzte Langweiler zu sein, während die Welt um ihn herum vor Lust nur so bebte.


So war es schon mehr als drollig, als das Traumpaar von einst vor etwa einem Jahr in einer Talkshow über die angeblich so wilden Zeiten aus dem Bettkästchen plauderte. Uschi Obermaier versuchte, dem verklemmten Ex-Kommunarden das Geständnis zu entlocken, der Sex zwischen ihnen sei doch anfangs sehr schön gewesen. Doch Rainer Langhans tat ihr den Gefallen nicht. Irgendwie habe er "nichts gefühlt". Und die Uschi, damals sexiest girl alive, schmollte: "Dabei hab ich mich so angestrengt."

Die Barrikadenstürmer von damals pfiffen auf die bürgerliche Moral

Die Barrikadenstürmer von einst sind sich heute darin einig, dass ihre neue Welt der Lust - keine bürgerlichen Besitzansprüche, keine einengenden Zweierbeziehungen, keinen Triebverzicht - auf alter Patriarchenherrlichkeit gründete und Männer wie Frauen überforderte. Mal heulten und litten die Männer, mal die Frauen, die Genossinnen immer ein bisschen mehr als die Genossen.


Ein so elementares Gefühl wie Eifersucht ließ sich nicht durch die Lektüre von Wilhelm Reich vertreiben, der postulierte, Menschen müssten ihre "orgiastische Potenz" ausleben, um glücklich zu werden. Die Männer sahen darin für sich einen Freibrief, rasteten aber aus, wenn die eigene Freundin sich so verhielt, und die Frauen hatten vom "sozialistischen Bumszwang" bald die Nase voll.

Im Namen der Revolution wurden Frauen in Dienst genommen. Sie durften die hehren Gedanken der Wortführer tippen, die Kinder versorgen, Stullen schmieren und den Helden die Betten wärmen. ("Oder bist du noch so spießig?") Bis auf dem SDS-Kongress am 13. September 1968 in Frankfurt die ersten Tomaten flogen. Beim nächsten Bundeskongress kursierte schon das legendäre Flugblatt: "Befreit die Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!"

Damals wanderten die ersten Genossinnen ab, gründeten radikale Frauengruppen und Weiberräte. Hatten sie doch bei Altmeister August Bebel gelesen: "Die Frauen dürfen so wenig auf die Hilfe der Männer warten, wie die Arbeiter auf die Hilfe der Bourgeoisie warteten." Daran hielten sie sich jetzt.

"Unpolitisch!" zeterten die Genossen. Das sei doch alles konterrevolutionär. Chefdenker mahnten, über dem Nebenwiderspruch (Mann und Frau) doch nicht den Hauptwiderspruch (Kapital und Arbeit) zu vergessen.

Das Frauenbild der 68er war geprägt durch die Kommunen


Und doch wären die Genossinnen aus dem Lager der Apo alleine niemals in der Lage gewesen, die Frauen massenhaft zu einer Protestbewegung zu vereinen und zum Kampf für ihre Rechte auf die Straße zu bringen. Zu sehr war das Bild der revolutionären Studentinnen geprägt von den Schilderungen aus den Kommunen. Damit mochte sich die Mehrheit der deutschen Frauen nicht identifizieren. Aber sie waren unruhig geworden.


Die Aktionen frecher Frauen zeigten Wirkung. In den USA warfen Emanzen ihre Büstenhalter auf den Müll, um gegen die stupide Po-und-Busen-Werbung zu protestieren. In Holland gab es die "dollen Minnas", die männlichen Gaffern bei ihren Protestumzügen schon mal in den Hintern kniffen. Französinnen legten am Arc de Triomphe einen Kranz nieder: "Für die unbekannte Frau des unbekannten Soldaten."

Es fehlte nur das berühmte Streichholz an der Lunte. Ein Signal, das alle Frauen erreichte, die bereit waren, sich gegen Doppelmoral, Heuchelei, Ausbeutung und Unterdrückung zu wehren. Dieses Signal war der Kampf gegen den hundert Jahre alten Paragrafen 218, der Frauen mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bedrohte, die - egal in welcher Notlage - eine Abtreibung vornehmen ließen. In Frankreich hatten prominente Frauen mit einer Selbstbezichtigungsaktion Aufsehen erregt.


Alice Schwarzer brachte diese Idee nach Deutschland. Und so erschien am 6. Juni 1971 der "Stern" mit der Titelgeschichte: "Wir haben abgetrieben!" Unterschrieben hatten 374 deutsche Frauen, darunter Romy Schneider, Vera Tschechowa, Senta Berger und Sabine Sinjen. Überwiegend kamen die Unterschriften jedoch von Hausfrauen, Sekretärinnen, Journalistinnen und Studentinnen.


Natürlich konnte die Obrigkeit das nicht hinnehmen. Doch die Polizeiaktionen gegen die Frauen, die Razzien in Wohnungen, wo Unterschriftenlisten vermutet wurden, die Einschüchterungsversuche und Drohungen trugen nur dazu bei, die ungeheure Wut noch weiter wachsen zu lassen. Täglich solidarisierten sich tausende Frauen.


Von freier Liebe war nicht mehr die Rede, aber von der Freiheit, über sich selbst zu bestimmen, und von gleichberechtigter Teilhabe an der Macht. Die Parole lautete: "Frauen gemeinsam sind stark!" Zwanzig Jahre nach 68 titelte die "Zeit": "Die hält kein Beton mehr auf." Und vierzig Jahre danach wird Deutschland von einer Frau regiert.

Die Autorin, Jahrgang 1941, arbeitete für "Spiegel" und "Stern" und leitete von 1996 bis 2006 die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg.

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