Doktortitel aberkannt

FDP-Spitze nimmt sich Fall Koch-Mehrin vor

Silvana Koch-Mehrin beschäftigt die Parteispitze: Es geht um die Frage, ob die FDP-Politikerin Europa-Abgeordnete bleiben darf, nachdem ihr wegen Plagiaten der Doktortitel aberkannt wurde. Voraussetzung ist , dass sie sich öffentlich entschuldigt.

Jorgo Chatzimarkakis hat eine Einladung: Am heutigen Montag soll der FDP-Europapolitiker vor einem Ausschuss der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn erscheinen. Chatzimarkakis wird vorgeworfen, er habe abgeschrieben. Seine Doktorarbeit „Informationeller Globalismus. Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des Elektronischen Geschäftsverkehrs“, vorgelegt im Jahr 2000, soll zu Teilen aus kopierten Textpassagen bestehen. Der liberale Energie-Experte wehrt sich: Das Gebaren der anonymen Plagiatsfahnder erinnere ihn an die Tyrannis, „ganz im altgriechischen Sinn: Hier werden Politiker bestimmter Couleur willkürlich gejagt“, sagte Chatzimarkakis der Zeitung „ Trierischer Volksfreund “ (Montagausgabe).

Gemeint ist die Internetplattform Vroniplag : Der Anstoß zur Untersuchung der Dissertation von Chatzimarkakis kam von der Internet-Plattform Vroniplag. Vroniplag ist ein sogenanntes "Wiki", dessen Nutzer Inhalte lesen, hinzufügen und auch bearbeiten können. Laut Vroniplag finden auf mehr als 70 Prozent der untersuchten Seiten von Chatzimarkakis Doktorarbeit unterschiedlich schwerwiegende Plagiate; aufgespürt wurden die angeblichen Kopien von einem losen Verbund anonymer Mitarbeiter. Chatzimarkakis wehrt sich insbesondere gegen die bei Vroniplag angegebene Plagiate-Quote von 71,58 Prozent . Bis auf wenige Ausnahmen habe er fremdes Gedankengut in der Arbeit korrekt belegt.

"Sie kann Europaabgeordnete bleiben"

Ursprünglich war Vroniplag eingerichtet worden, um die Dissertation "Regulierung im Mobilfunk" von Veronica Saß zu untersuchen. Saß verlor ihren Doktortitel, so wie auch Silvana Koch-Mehrin, nachdem bei Vroniplag eine Untersuchung ihrer Dissertation begonnen worden war. Die Universität Heidelberg kam bei einer Überprüfung mit 120 Plagiats-Stellen auf 80 Seiten und 20 ungenannten Quellen auf noch höhere Zahlen , als sie die Vroniplag-Mitarbeiter ermittelt hatten.

Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki hat seine Parteikollegin Koch-Mehrin nach der Plagiatsaffäre zu einer öffentlichen Entschuldigung aufgefordert. „Sie kann Europaabgeordnete bleiben, wenn sie das vor sich vertreten kann. Allerdings wäre es vielleicht sinnvoll, sie würde in der Öffentlichkeit auch erklären, dass das, was sie gemacht hat, nicht richtig war, und sich dafür auch tatsächlich entschuldigt“, sagte Kubicki im Deutschlandfunk. Die FDP-Parteispitze wird sich nach Angaben des Politikers im Laufe des Tages auch damit beschäftigen, wie mit Koch-Mehrins EU-Mandat umgegangen werden soll.

Zugleich kritisierte auch Kubicki die Plagiate-Jäger im Netz: „Der moralische Rigorismus, mit dem man über Personen herfällt, die geschummelt haben, ist das, was mir auf den Senkel geht“, sagte Kubicki. Schließlich handele es sich bei Koch-Mehrins Vergehen nicht um eine Straftat, sondern nur um eine Schummelei. Die Erschleichung eines Doktortitels sei zwar kein Kavaliersdelikt, so Kubicki. Koch-Mehrin habe aber bereits mit der Niederlegung ihrer Führungsämter Konsequenzen gezogen, zudem sei ihr der Titel aberkannt worden.

"Das ist keine Doktorarbeit"

Die Quote von 71,58 Prozent im Fall Chatzimarkakis bezeichnet den Anteil der Seiten, auf denen Mitarbeiter von Vroniplag mutmaßliche Plagiate gefunden haben, unabhängig davon, wie umfangreich oder gravierend diese Plagiate sind. Die Dissertation von Chatzimarkakis hat 202 Seiten, Inhalts- und Literaturverzeichnis wurden nicht von den Vroniplag-Mitarbeitern überprüft. Bleiben 189 Seiten: Auf 77 davon soll laut Vroniplag Dreiviertel des Fließtextes kopiert worden sein, auf weiteren 25 die Hälfte. „Das ist keine Doktorarbeit“, sagte dagegen Vroniplag-Mitarbeiterin Debora Weber-Wulff dem Blatt. Die Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin gilt in Deutschland als Expertin für die Überprüfung von verdächtigen wissenschaftlichen Werken. Chatzimarkakis versuche in seiner Dissertationsschrift, nach deren Veröffentlichung der FDP-Politiker im Jahr 2000 an der Universität Bonn promoviert wurde, „den Unterschied zwischen einem Zitat und einem Beleg zu verwischen“.

Vroniplag legt dabei dieselben Maßstäbe an wie das Wiki GuttenPlag , dessen Veröffentlichungen letztlich zum Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) führten. Dabei werden angeblich kopierte Passagen aus Koch-Mehrins Dissertation und die mutmaßlichen Originale gegenübergestellt. Die Verdachtsfälle werden untersucht, mutmaßliche Plagiate anschließend abhängig vom Ausmaß der angeblichen Kopie in verschiedene Klassen eingeteilt, vom "Komplettplagiat" über die "Verschleierung" (umformulierte Orginialtexte, deren Urheber nicht angegeben wurden) bis hin zum "Bauernopfer" (der Urheber wird nur für einen unbedeutenden Textteil ausgewiesen, während wesentliche Passagen ohne Nennung übernommen wurden).

Seit geraumer Zeit wird auf Vroniplag auch die Dissertation eines weiteren FDP-Politikers untersucht , "Ökologische Modernisierung der PVC-Branche in Deutschland" von Bijan Djir-Sarai, Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Rhein-Kreis Neuss. Auf den 179 Seiten des Haupttextes der Arbeit - die Dissertation wurde 2008 an der Universität Köln eingereicht - gibt es laut Vroniplag auf 30,56 Prozent der Seiten mutmaßliche Plagiate.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.