Berliner Spaziergang

Peter Scholl-Latour – der Reporter ohne Grenzen

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Peter Scholl-Latour, Journalist, Weltreisender und Buch-Autor.

Foto: M. Lengemann

Peter Scholl-Latour schaut skeptisch auf die bunte Weltkarte herab. „Ein bisschen klein, nich?“ Dabei bedeckt sie den gesamten Frühstückstisch im „Casa Italiana“, einem italienischen Restaurant in Charlottenburg. Die Länder, die hier abgebildet sind, hat Scholl-Latour alle besucht, die meisten mehrmals. Als letztes Land kam 2008 Osttimor hinzu.

Deshalb habe ich die Weltkarte mitgebracht, als Orientierungshilfe für den Spaziergang mit dem 87 Jahre alten Mann. Meine Kaffeetasse bedeckt Russland nur halb, seine steht auf Australien, der Kaffeelöffel wirft einen Schatten auf Neuseeland. Sein Frühstück (Spiegelei mit Speck) steht mitten im Atlantischen Ozean, genau zwischen Montevideo und dem Kap der Guten Hoffnung. Wenn er später von einer Reise erzählt, legt er das Besteck zur Seite und fährt mit dem rechten Zeigefinger über die Regionen. Er hat Wohnungen in Berlin, Paris, Nizza, aber auf dieser Karte ist er eigentlich zu Hause.

Peter Scholl-Latour hat vor dem Treffen angekündigt, dass er nur noch wenig spazieren geht. Zum Zeitungsladen, zum Lieblingsitaliener, zu einer Hotelbar um die Ecke, für einen Whiskey im Sommer. Doch dazu ist es zu früh. Vor 17 Uhr trinkt er nie Alkohol. Er hat Regeln in seinem Leben: Er isst nur morgens und abends etwas, er betet jeden Tag auf Latein und absolviert täglich 25 Kniebeugen, 20Liegestütze, zehn Sit-ups. Den Rest seiner Zeit erklärt er in Talkshows die Konflikte dieser Welt, plant seine nächste Reise, die nach Libyen gehen soll, wo Gaddafi gerade Krieg gegen sein eigenes Volk führt. Er will dort für sein 31.Buch recherchieren.

Fast alle seine Bücher waren Bestseller, „Der Tod im Reisfeld“ von 1979 verkaufte sich 1,2 Millionen Mal, ist derzeit vergriffen. Bei den Recherchen ist er dem Tod oft begegnet. Als Soldat im Krieg in Indochina, als Journalist danach im Kongo, Kosovo und in Kaschmir. In seinen Büchern erzählt er immer aus der Position des staunenden Reisenden, flicht Anekdoten ein, verbindet mit wenigen Worten die Kontinente, so, als hänge ganz selbstverständlich alles mit allem zusammen.

Mein Türklingeln am Morgen an seiner Charlottenburger Wohnung ist also eigentlich eine Störung bei dieser Arbeit der Weltverknüpfung, aber er lächelt trotzdem sein grimmiges Lächeln, als er die Tür öffnet. Er trägt ein blaues Hemd und ein Halstuch, passend für eine Wüstenexpedition und einen Dinnerabend. Hinter ihm steht seine Frau Eva, ungefähr halb so alt wie er, und sagt: „Eigentlich ist es gerade der falsche Zeitpunkt.“ Sie seien eben aus München zurück und wollen bald nach Nizza aufbrechen. Sie trägt eine Stoffhose mit grünem Militär-Tarnmuster, passend für ein Dschungelversteck – und die Wohnung eines Kriegsreporters. Er: „Wo ist mein Telefon?“ Sie: „Warte, ich ruf dich an.“ Es klingelt im Obergeschoss. Seufzend läuft er die Treppen hinauf.

Eva Scholl-Latour erzählt so lange etwas über die Kunst. Gleich neben der Tür hängt zum Beispiel das Gemälde einer verhüllten Frau in einem roten Raum, neben ihr eine kleine schwarze Katze. „Das ist aus Aserbaidschan“, sagt sie. „Mir gefällt die Katze.“ Das Tier sei so klein und dominiere trotzdem das Bild. Als er zurückkommt, erinnert sie ihn: „Ich bin wahrscheinlich nicht da, wenn du zurückkommst.“ – „Ja, ist gut.“

Mindestens zwei Länder pro Satz

Die beiden sind seit 26 Jahren ein eingespieltes Team, auf Reisen, auf Empfängen, und am liebsten allein abends zu Hause mit einem Glas Weißwein (sie) und Rotwein (er). Statt eines Eherings trägt er rechts einen silbernen Armreif, den sie ihm geschenkt hat, eine Schlange der chinesischen „Miao“, ein Volk, das in Südchina lebt. Aber er hat Miao auch in Minneapolis getroffen. Die Miao sind überall.

Der Fahrstuhl ist so eng, dass nur gute Freunde entspannt nebeneinander die vier Stockwerke hinter sich bringen. Ich lenke auf ein weit entferntes und für ihn so naheliegendes Thema: die arabische Revolution. „Ich hätte nicht gedacht, dass es in Tunesien beginnt“, sagt er sofort. „Die Tunesier sind eigentlich ein friedliches Volk.“ Das Wichtige an der Revolution sei, dass die Aufständischen eine Partei gründen. Es fehlten die Anführer, auf dem Land die Unterstützung für den Aufstand. Sein letzter Satz: „Und die Libyer müssen sehen, dass sie keine somalischen Verhältnisse bekommen, nich wahr.“

Mindestens zwei Länder in einem Satz und ein „nich wahr“ am Ende – das war sein Markenzeichen in Talkshows. Doch Peter Scholl-Latour ist sonst nicht wie im Fernsehen, spricht viel deutlicher, schaut nicht vor sich hin, sondern immer in die Augen – und sagt eben nicht mehr „nich wahr“. Unser erstes Ziel ist der Zeitungsladen an der Nestorstraße, 100 Meter entfernt. Draußen greift er zur „International Herald Tribune“ (Titelthema: Syrien), zur „Frankfurter Allgemeinen“ (Libyen) und zur „Bild“ (Kachelmann). „Guten Morgen, Herr Scholl-Latour“, sagt drinnen die Verkäuferin. „Wie immer 5,70 Euro.“ Er hält ihr die hohle Hand hin, sie nimmt Münzen daraus. Zu dem „Bild“-Titel fällt ihm ein, dass er den Wettermoderator schon aus der Schweiz kannte. „Ich habe ihn als angenehm in Erinnerung, höflich, zurückhaltend.“ Zu den Vorwürfen sagt er nichts. Klatsch interessiert ihn nicht. Auch das Interview mit Horst Köhler, das auf der „Zeit“ beworben wird, will er sich nur vielleicht durchlesen. Zu dessen Abgang sagt er: „Mein Gott, so was muss man doch aushalten können.“

Kritik an seiner Arbeit ist Scholl-Latour lange gewöhnt. Manche seiner Bücher sind unter Wissenschaftlern umstritten, die „taz“ nannte ihn „Steinzeitjournalist“ und hat ihm eine veraltete Weltsicht vorgeworfen. Doch solche Kritik berührt ihn nicht. Warum soll man nicht einmal mehr „Eingeborener“ schreiben dürfen? Die Deutschen sind verrückt. Das ist doch ein normales Wort. Heute schreibt er hin und wieder für die „Junge Freiheit“, ein Wochenblatt, das zur „Neuen Rechten“ gezählt wird. „Das sind sehr höfliche junge Männer“, sagt er, „aber politisch bin ich nicht auf ihrer Linie.“ Er habe sich auch mit Gregor Gysi gut verstanden.

Mit den Zeitungen in der Hand läuft er vorbei an einem schnauzbärtigen Mann, auf dessen Weste bunte Touristen-Aufnäher aus Brasilien und Indien kleben. Der Mann bleibt stehen und geht auf Peter Scholl-Latour zu. „Bleiben Sie schön gesund“, sagt er und klopft ihm auf die Schulter. Scholl-Latour brummt: „Ja, das machen wir.“ Der Mann blickt ihm hinterher, als habe er der Weltgeschichte persönlich auf die Schulter geklopft.

Peter Scholl-Latour ist wohl genau das für viele Deutsche. Seit den 60er-Jahren hat er für Zeitungen geschrieben so-wie Filme und Nachrichtenbeiträge aus Kriegsgebieten moderiert. Nicht nur in Charlottenburg wird er erkannt, sagt er, auch in Teheran, Damaskus und Bei-rut gibt es Taxifahrer, die von ihm kein Geld nehmen würden. Für viele Fernsehzuschauer war er jahrzehntelang das Tor zur Welt. Sicher auch, weil es beruhigend ist, jemanden zu sehen, der nicht „Es könnte so oder so kommen“ sagt, sondern: „Das habe ich doch genau so vorausgesagt.“

Nach ein paar Metern bleibt Peter Scholl-Latour wieder stehen. Sein Telefon klingelt. Umständlich fummelt er sich am Ohr herum, murmelt „Scheiß-Hörgerät“, dreht sich zur Seite. Die Frequenzen der Geräte vertragen sich nicht, und es fiept laut, während er spricht. Er sagt: „Jaja“ und „Ich dachte da an etwas mit ,Flächenbrand'“. Er legt auf, steckt sein Hörgerät ins Ohr und grummelt, das sei sein Verleger gewesen. Es geht um das neue Buch, das auch von der arabischen Revolution handeln wird. Eine Biografie will er schreiben, wenn er im Rollstuhl sitzt. Der Vertrag sei fertig, das Vorwort auch.

Im Restaurant angekommen, wird er wie ein alter Freund begrüßt. Bevor sein Spiegelei kommt, lege ich die Weltkarte auf den Tisch. Europa liegt genau zwischen uns. Jetzt beginnt der eigentliche Spaziergang.

Ich zeige auf Kopenhagen.

Er: „Eine schöne Stadt.“

Mehr fällt ihm nicht ein?

„Ich bin überzeugter Europäer, aber ich war immer gegen diese Erweiterung.“

Gut, dann weiter weg: Nordkorea?

„Dort war ich erst vor vier Jahren. Eine gespenstische Vision, man fühlt sich in einer anderen Welt, total fremd. Ich bin zur Demarkationslinie gefahren, habe nach Südkorea geblickt. Die Nordkoreaner wussten nicht, dass ich schon einmal auf der anderen Seite gestanden habe, 1952.“

Er zeigt auf Mali.

„In der Hauptstadt Bamako hatte ich in den 80er-Jahren ein sehr seltsames Erlebnis. Innerhalb eines Tages habe ich überraschend drei Menschen wiedergesehen: einen Libanesen, bei dem ich gewohnt habe, einen korsischen Offizier, den ich aus Indochina kannte – und eine Französin, die meine Doktorarbeit abgetippt hat.“

Fünf Nationen in einem Satz. Rekord. Ich zeige auf Venezuela.

„Auch dort war ich erst vor Kurzem. Ein sehr mitteilsamer Indianer hat mich mit einer kleinen Propellermaschine in die grüne Hölle an den Orinoko geflogen. Er hielt gerade auf eine Steilwand zu und hat das Flugzeug erst im letzten Moment abgedreht. Ich dachte damals, das war's.“

Flecktyphus rettet ihm das Leben

Heute ist für Peter Scholl-Latour der Tod ein „normaler Akt“, auch wenn er nicht gern auf Beerdigungen geht. „Das ist lästig, dieses Rumstehen in der zugigen Luft.“ Er selbst wäre beinahe sehr früh gestorben. Im Jahr 1945 geriet er im heutigen Slowenien in Gestapo-Haft, wurde von Graz nach Prag überführt, selbst als Häftling ein Reisender. Er wurde nach Berlin geschickt. „Das wäre mein Tod gewesen.“ Ausgerechnet Flecktyphus rettete ihm das Leben, er musste nach Graz zurück. Scholl-Latour nennt die Zeit „Stahlbad“, er habe in Abgründe geblickt. „Da sehen Sie, dass das Böse existiert.“ Ein Wärter in Prag kam mit einem Teller in die Zelle: „Hier, wir haben einen Juden geschlachtet.“

Hat er Menschen gehasst?

„Nein. Auf einige war ich sehr böse, aber gehasst, nein.“

Hat er Menschen getötet?

„Ja, aber darüber spricht man nicht.“

Warum nicht?

„Es gehört sich nicht.“

Für ein Land haben wir noch Zeit. Er nimmt seinen Kaffeelöffel zur Seite und tippt auf Neuseeland. Dort, am anderen Ende der Welt, wohne sein Sohn Roman. „Er hat mit seiner Frau zweimal die Erde umrundet und dann eine Farm aufgebaut.“ Peter Scholl-Latour war kürzlich dort. Schön sei es da, und das Haus liege ganz in der Nähe einer heiligen Stätte der Maori. Sein Sohn hat den schwarzen Gürtel in Taekwondo und gibt den „Eingeborenen“ Unterricht. Streit hätten die beiden nur einmal gehabt, wegen der langen Haare des Sohns. Der Vater gab damals klein bei. „Aber inzwischen hat er wieder kurze Haare.“ Auf lange Sicht hat Peter Scholl-Latour gewonnen.

Von seinem Sohn hat er viel über das Internet gelernt, das ihm aber noch immer suspekt ist, eine E-Mail-Adresse hat er nicht. Ein Freund hatte ihm abgeraten: „Da kommt nur Mist.“ Skeptisch ist er auch bei Facebook („Da lesen auch Diktatoren mit“) und dem iPad („Wie ist es da mit Autorenrechten?“). Zum ersten Mal sagt der 87-Jährige, der im Herbst Soldaten in Afghanistan bei ihrer Patrouille begleitet hat: „Dafür bin ich zu alt.“

Auf dem Weg zurück wird er noch einmal von Passanten erkannt: Sie wollen ihm ihre Bewunderung aussprechen. Er nickt und sieht aus, als wäre er lieber in Algerien. Im engen Fahrstuhl frage ich ihn, ob er noch Arabisch spricht. Seine Antwort klingt ungefähr so: „Bismi lahi rahmani rahim, al-hamdu li-lahi rabbi l'alamin, Ar-rahmani r-rahim Maliki yaumi d-din.“ Es ist die erste Sure des Korans, der Text ruft Gott an, zu helfen, den geraden Weg im Leben zu finden. Muslime beten so für die Seelen der Verstorbenen.

Als er die Tür öffnet, steht Eva Scholl-Latour in ihrer Militärhose da und sagt: „Du kannst Gott danken, dass deine liebe Frau hier war.“ Ein Kurier habe etwas abgegeben. Peter Scholl-Latour murmelt, grummelt, brummt: „Wir haben doch einen Briefkasten.“ Was er danach sagt, ist dann doch schwer zu verstehen, aber es klingt wie: „Danke.“

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