Rainer Brüderle zeigt sich am Dienstag vor der Fraktionssitzung gut gelaunt. „In der FDP muss man optimistisch sein, sonst kann man kein Liberaler sein“, sagt er vielsagend kurz vor seiner Wahl zum neuen Fraktionschef mit einem Schmunzeln. Der 65-Jährige versucht an diesem Tag jeden Anschein eines Unterlegenen zu vermeiden.

Brüderle steht auch künftig in der FDP und der schwarz-gelben Koalition an einem wichtigen Schaltpunkt. Doch dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er insgesamt als Verlierer dasteht. Noch zu Anfang des Jahres war der Bundeswirtschaftsminister in der öffentlichen Wertschätzung quasi der einziger Star der liberalen Ministermannschaft im Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch eine politische Ungeschicklichkeit, sein Hang zum freihändigen Parlieren und eigene Ambitionen des designierten Parteichefs Philipp Rösler kosteten ihn nun seinen Traumjob, das Ministeramt.

Die Wochen seit den herben Wahlschlappen der FDP in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, dessen Landesverband er 28 Jahre lang führte, waren für den 65-Jährigen persönlich verletzend und Nerven aufreibend. Die Wahl zum Fraktionsvorsitzenden, die andere als Aufstieg sehen würden, ist für den Polit-Veteranen eher ein Gnadenbrot – wenn auch eines mit Biss. Denn immerhin bleibt Brüderle in den Stellwerken von Partei und Koalition. Er gehört qua Amt dem FDP-Präsidium an, und in der Koalition fällt dem erfahrenen Taktiker die Aufgabe zu, mit dem Unionskollegen Volker Kauder die Abgeordneten auf Regierungskurs zu halten.

Der Umschwung kam trotz eigener Fehler Brüderles nun überraschend. Rösler hatte noch am Wochenende in einem Interview gesagt: „Rainer Brüderle steht für eine solide und erfolgreiche Wirtschafts- und Ordnungspolitik im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft.“ Und Brüderle selbst hatte bis zuletzt trotzig verkündet: „Ich sehe keinen Anlass, warum ich meine erfolgreiche Tätigkeit nicht fortsetzen sollte.“

Die Amtszeit des liberalen Wirtschaftsministers Brüderle, der im Juni 66 Jahre alt wird, war eine schnelle, turbulente Achterbahnfahrt. Mit dem Start der schwarz-gelben Koalition und seiner Berufung zum Bundeswirtschaftsminister schaffte der geborene Berliner die lang erhoffte Krönung seiner jahrzehntelangen Politiker-Karriere. Elf Jahre war er zuvor rheinland-pfälzischer Landesminister, ebenfalls elf Jahre stellvertretender FDP-Fraktionschef im Bundestag.

Von vielen unterschätzt, belächelt und alles andere als unumstritten startete er seine Berliner Ministerzeit im Schatten seines Vorgängers, des vielversprechenden Polit-Popstars Karl-Theodor zu Guttenberg, der inzwischen wegen seiner Promotionsaffäre der Politik Adieu sagen musste. Doch mit beharrlicher Arbeit, endlos vielen Interviews und einem gehörigen Maß an Sachkunde – Brüderle ist Diplomvolkswirt - erarbeitete sich der freundliche ältere Herr Zug um Zug Respekt und Anerkennung. Und er zeigte, für manchen unerwartet, nicht nur im Streit um Staatshilfen für den Autobauer Opel, Steherqualitäten. Gegen den Willen von Kanzlerin Angela Merkel hielt er den ordnungspolitisch begründeten Nein-Kurs bei Subventionen durch. Brüderle wuchs in der öffentlichen Wertschätzung, die Presseresonanz wurde besser und so stand er zu Beginn des Jahres als FDP-Star da.

Doch eine politische Ungeschicklichkeit, die einem so erfahrenen Mann wie ihm eigentlich nicht hätte passieren dürfen, brachte ihn wieder auf Abwärtskurs. In einer vertraulichen Runde von Industrievertretern hatte er kurz vor den Wahlterminen in Stuttgart und Mainz offenbar etwas zu freimütig über auch wahltaktisch bedingte Hintergründe für den schwarz-gelben Sinneswandel in der Atompolitik schwadroniert. Die Sache wurde durch eine Indiskretion bekannt – und trieb die schwächelnde FDP bei den folgenden Wahlen ins Niemandsland. Am Ende musste er in Rheinland-Pfalz, wo er noch kurz zuvor erneut zum Parteichef gewählt worden war, die Segel streichen – am letzten Wochenende wurde er nun dort Ehrenvorsitzender.