Terrorismus

Osama, Obama und die Macht der Bilder

Die Welt verlangt nach einem Foto des toten Bin Laden - doch die US-Regierung hat entschieden, die Aufnahmen des Leichnams nicht zu veröffentlichen. Dabei ist sich Präsident Obama über die ungeheure Macht der Bilder klar. Darum hat er die Fotos aus dem Situation Room freigegeben. Die zeigen mehr, als auf den ersten Blick sichtbar ist.

Foto: AFP

Osama Bin Laden ist tot - behauptet die US-Regierung. Der Leichnam des Top-Terroristen wurde im Meer bestattet, Stunden nachdem er im pakistanischen Abottabad getötet wurde. Es gibt Fotos von dem Einsatz, es gibt Videos. Bislang aber wurde keine Aufnahme veröffentlicht. Verschwörungstheoretiker haben Hochsaison. Die Welt will sehen, dass es wahr ist, dass Bin Laden tatsächlich umgekommen ist. Doch das Weiße Haus hat entschieden, die Fotos von der Leiche des Terroristenchefs nicht zu veröffentlichen. Das berichtete der US-Senders CNN am Mittwochabend.

Zuvor hatte Regierungssprecher Jay Carney gesagt, die Bilder seien zweifellos „grausig“. Vor diesem Hintergrund werde geprüft, ob es nötig sei, sie zu veröffentlichen. Bin Laden soll zwei Mal in den Kopf getroffen worden sein, einmal direkt über dem linken Auge. Wie es in Medienberichten hieß, „explodierte sein Kopf“. CIA-Chef Leon Panetta hatte sich hingegen für die Veröffentlichung eines Fotos des getöteten Terroristenführers ausgesprochen. „Ich denke, wir sollten dem Rest der Welt zeigen, dass wir in der Lage waren, ihn zu stellen und zu töten“, hatte Panetta erklärt.

Das Foto aus dem Situation Room

Gerade jetzt ist sie zu spüren, die Macht der Bilder. Darum hat sich die US-Regierung entschieden, ein anderes Foto zu veröffentlichen. Es wurde auf zig Titelseiten gedruckt und zeigt den Situation Room, das Lagezentrum des Weißen Hauses: Jenen Ort, von dem aus das National Security Team der USA die Mission gegen Bin Laden mitverfolgte. Präsident Obama fixiert auf dem Foto den Bildschirm, Außenministerin Clinton hebt erschrocken die Hand vor den Mund. Sie verfolgen die Jagd auf Bin Laden. Ein Bild, dass man so schnell nicht mehr vergessen wird. Und es zeigt mehr, als auf den ersten Blick scheint.

OBAMA UND SEIN SICHERHEITSRAT IM SITUATION ROOM:

Mit angeblichen Videos oder Fotos vom Tod Osama Bin Ladens werden derweil neugierige Internet-Nutzer in die Falle gelockt. Bei Facebook kursiert zum Beispiel eine Anleitung, nach der man ein Video sehen können soll, wenn ein Link in die Adresszeile des Browsers kopiert und die Eingabetaste gedrückt wird. Das sollten Nutzer aber nicht tun, warnt das Internet Storm Center (ISC), ein US-Projekt, das bösartige Netzaktivitäten überwacht. Denn es gibt kein Video, stattdessen landet ein Eintrag zur Video-Falle auf der eigenen Pinnwand, und auch Kontakte bekommen eine Spam-Nachricht. Letztlich werden die Nutzer auf Seiten geleitet, wo ihnen zum Beispiel E-Mail-Adresse oder andere Daten entlockt werden sollen.

Auch wer in Suchmaschinen nach Bildern vom toten Bin Laden sucht, kann in eine Falle stolpern. Denn manche der Bildfälschungen oder Fotomontagen führen auf Seiten, die den Rechner mit sogenannter Scare- oder Rogueware infizieren. Solche Schadsoftware, die sich unter anderem mit dem Design renommierter Antiviren-Software tarnt, täuscht Virenfunde vor und nötigt den Nutzer zum Kauf einer völlig nutzlosen „Vollversion“. Auch die amerikanische Bundespolizei FBI warnt Computernutzer vor E-Mails mit angeblichen Fotos oder Videos des getöteten Osama Bin Laden. Das FBI erklärte, die Mails enthielten möglicherweise einen Virus, der auf persönliche Daten zugreifen könne. Eine solche Mail könne auch unwissentlich von einem Freund oder Familienmitglied weitergegeben werden.

Was macht die Macht der Bilder aus?

Dass so viele Menschen so nach Bildern des toten Bin Laden gieren und so auch leicht Fälschungen aufsitzen, hat einen Grund: „In militärischen und anti-terroristischen Kämpfen haben sich Bilder als 'Beweismittel' etabliert“, sagt Peter Ludes, Medienwissenschaftler an der Bremer Jacobs University. Beispiele gibt es zu Genüge, allerdings zeigen sie meist keine führenden Köpfe. Lieber werden Videos präsentiert, die etwa exakte Luftangriffe der NATO auf libysche Panzer oder eben das gestürmte Anwesen Bin Ladens zeigen.

Nachdem der irakische Diktator Saddam Hussein Ende 2006 gehängt wurde, tauchten Handy-Videos seiner Hinrichtung auf. Die amerikanischen Invasoren verurteilten das. Doch die Bilder belegten vielen Opfern des Diktators zumindest, dass er tatsächlich tot war. Von offizieller Seite veröffentlicht wurden hingegen Fotos des erschossenen rumänischen Diktators Nicolae Ceaucescu. Sie waren Ende 1989 Symbole des Umbruchs in Südosteuropa.

Egal, wie oft Fotos oder Videos im Laufe der Geschichte bereits manipuliert wurden, sie scheinen „das“ probate Mittel zu sein, um eine Behauptung auch tatsächlich zu belegen. Auch von Bin Laden tauchten kurz nach seinem Tod vermeintliche Bilder seiner Leiche auf - bloß wurden sie wenig später als Fälschungen entlarvt. Soziologe Ludes betont dennoch, dass Bilder der Glaubwürdigkeit offizieller Stellungnahmen dienen und immer wichtiger werden: „Worte allein verlieren an Bedeutung in Gesellschaften, die kontinuierlich Zugang zu Veröffentlichungen mit „Offensichtlichkeiten“ erwarten.“

Der „Bilderkrieg"

Soll heißen: Heutzutage wird ein dauernder Schwall an Informationen über die Menschen ausgegossen – binnen kürzester Zeit breiten sich Nachrichten wie die über Bin Ladens Tod auf allen möglichen Kanälen aus – von Twitter bis CNN. Zumindest die Bilder bleiben aber in den Köpfen der Menschen hängen. Der globale Krieg gegen den Terror ist ein „Bilderkrieg“ sondergleichen, wie der Flensburger Historiker Gerhard Paul feststellt. Aus den Bildern versuchten beide Seiten Kapital zu schlagen.

Das Problem ist, dass Bilder kaum zu kontrollieren sind – und jede Seite ihre eigenen produziert. Al-Qaida griff nicht zuletzt wegen deren symbolischer Bedeutung 2001 die Twin Towers in New York an. „Der „Kampf der Bilder“ wird aber auch durch kommerzielle Interessen oder diejenigen von sozialen Bewegungen, politischen Parteien oder illegalen Banden vorangetrieben“, sagt Ludes. Manche Bilder treiben die Einschaltquoten in die Höhe – andere sind so grausam, dass bewusst auf sie verzichtet wird. Und Terroristen zeigen ihre Droh-Videos eh gleich im Internet – auch um sicherzustellen, dass ihre Inszenierung aufgeht.

Jeder möchter der Sieger im Bilderkrieg sein

Jede Seite versucht, im Bilderkrieg zu gewinnen. So war im Irak die Festnahme Saddams perfekt geplant, wie Paul in einer Studie über die Invasion im Irak anmerkt („Der Bilderkrieg“), und wurde fast schon in Hollywood-Manier inszeniert. „Bilder lösen fast immer mehr Emotionen aus als Worte“, ist sich der Bremer Professor Ludes sicher. Das zeigten die historischen Beispiele der öffentlichen Hinrichtung von Attentätern oder Königen sowie Diktatoren der letzten Jahrzehnte.

„Neu ist, dass heimliche Hinrichtungen mit Kameras oder Smartphones aufgenommen und dann später veröffentlicht werden“, sagt Ludes. Wo persische Herrscher vor tausenden von Jahren in Felsreliefs die Unterjochung ihrer Gegner in Stein meißeln ließen, genügt heute eine gute Internetverbindung, um die Macht der Bilder für sich zu nutzen – oder eben zu missbrauchen.