Jahrelang untentdeckt

Bin Laden versteckte sich nahe Militärakademie

Jahrelang lebte Osama Bin Laden in Pakistan - in einer Garnisonsstadt, nahe einer Militärakademie. Pakistans Regierung muss nun die Frage beantworten, wie der Top-Terrorist so lange unentdeckt bleiben konnte.

Nicht in einer Erdhöhle im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, sondern in einer Luxus-Villa nahe einer pakistanischen Militärakademie - so verbrachte Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden seine letzten Lebensjahre. Abgeschottet von der Umwelt achtete Bin Laden sorgfältig darauf, dass keine Informationen nach außen drangen. Dennoch war Bin Laden in dieser Zeit äußerst aktiv, nahm Video-Botschaften auf und hielt über Boten engen Kontakt zu seinem Terrornetzwerk. Das sagte der Anti-Terror-Berater von US-Präsident Barack Obama, John Brennan, am Dienstag dem Sender CBS. Rund sechs Jahre hielt er so durch, bis ihm die US-Amerikaner auf die Spur kamen.

Abbottabad, eine 120.000-Einwohner-Stadt knapp 100 Kilometer nördlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Die hügelige Gegend der Provinz Khyber Pakhtunkhwa liegt nahe der Region Azad Kashmir, dem pakistanischen Teil des seit Jahrzehnten umkämpften Gebirgszuges. Viele Pakistaner kennen die Region als beliebtes Ausflugsziel für Wanderausflüge in die Berge. Wohlhabende Geschäftsleute und pensionierte Militärs haben hier Anwesen, mit Blick auf die Berge.

Abbottabad ist nicht zuletzt als Stadt des Militärs bekannt. Im Stadtteil Kakul hat die renommierte Pakistan Military Academy ihren Sitz, die als bedeutendste Ausbildungsstätte der pakistanischen Armee gilt. Entfernung zum Bin-Laden-Versteck: knapp 1400 Meter Luftlinie.

Vor fünf, sechs Jahren wurde im Stadtteil Bilal, einem Villen-Viertel, ein beachtlicher, dreistöckiger Gebäudekomplex errichtet, um einiges größer als die umliegenden Anwesen, umgeben von hohen Mauern, die äußere bespickt mit Stacheldraht. Es wirkte wie die Behausung eines reichen pakistanischen Geschäftsmannes oder eines hochrangigen Beamten.

Etwas jedoch war ungewöhnlich an der abgeschotteten Villa. Keinerlei Telefonleitungen führten zum Haus, es gab keinen Internetanschluss, die Tore blieben in der Regel verschlossen. Während die Nachbarn ihren Müll auf die Straße warfen, verbrannten die Bewohner des mysteriösen Anwesens ihre Abfälle stets im Garten.

Seit 2009 interessierte sich der amerikanische Geheimdienst CIA für den Gebäudekomplex in Abbottabad. Informationen sollen zwischen dem pakistanischen Außenminsterium und der CIA geflossen sein. Das Außenministerium in Islamabad erklärte am Dienstag jedoch, die pakistanische Führung oder das Militär hätten keine Kenntnis von der Aktion gehabt.

Die einzigen Bewohner des Hauses, die das Anwesen regelmäßig verließen, zwei Pakistaner, verfügten über kein nennenswertes Einkommen. Waren sie die Besitzer? Wie konnten sie sich eine derartige Villa leisten?

Der US-Geheimdienst begann mit der Überwachung. Wer auch immer in dem Haus residierte, wollte sich von der Außenwelt abschotten, jeden Kontakt nach draußen vermeiden.

Die CIA sammelte bereits seit Jahren Informationen über den Verbleib des Al-Qaida-Chefs Osama Bin Laden. Immer wieder verliefen die Spuren im Sand, Quellen versiegten oder angebliche Hinweise entpuppten sich als Gerüchte. Einzig, dass der Terrorchef die Region Afghanistan-Pakistan nicht verlassen hatte schien klar, und dass er auf jegliche moderne Kommunikationsmittel verzichtete.

Bin Laden setzte auf Boten, auf menschliche Kuriere statt E-Mails oder Telefone. Er isolierte sich, auch von der eigenen Organisation, um es seinen Jägern möglichst schwer zu machen.

Einer jener Kuriere, die für ihn arbeiteten, soll für die Amerikaner Informationen geliefert haben, die unfassbar wertvoll waren: Der Mann soll demnach im September 2010 US-Präsident Obama darüber unterrichtet haben, dass ein gewisser Abu Abdullah (Bin Ladens Spitzname im arabischen Raum) in der Villa wohnte . Monate vergingen, während die Amerikaner weitere Informationen sammelten.

US-Medien berichten, schon März habe die US-Regierung insgesamt fünf Treffen des "National Security Council" zum Thema Bin Laden abgehalten. Seitdem stand das Anwesen in Abbottabad unter Beobachtung der CIA. Die Indizien verdichteten sich, dass niemand geringeres als der Al-Qaida-Chef persönlich in der Villa hauste.

Da sich das Gebäude in einem dicht besiedelten Gebiet befindet, trainierten US-Spezialeinheiten in den vergangenen Wochen den Zugriff, so der TV-Sender CNN.

In der vergangenen Woche, so ließ Präsident Obama verlauten, habe er entschieden, es lägen genug Informationen vor, um einen militärischen Zugriff zu wagen. Am 29. April habe Obama schließlich die Entscheidung gefällt, in Pakistan einen Angriff auf das Bin-Laden-Anwesen zu wagen.

Sonntagnacht gegen 1.30 Uhr schlugen die USA zu. Spezialeinheiten der Navy Seals sollen das Gebäude in Abbottabad gestürmt haben, während über dem Anwesen Kampfhubschrauber vom Typ Apache kreisten.

Die US-Soldaten stießen auf heftige Gegenwehr. Es kam zu einem dreistündigen Feuergefecht, bei dem Osama Bin Laden, mindestens drei weitere Männer sowie Bin Ladens jüngste Ehefrau und mehrere Kinder getötet worden sein sollen. Der Al-Qaida-Anführer starb durch Schüsse in den Kopf.

Die Elitesoldaten nahmen den Leichnam des Terrorführers zur Obduktion und weiteren Identifizierung an sich.

Bei der Militäroperation sollen keine US-Soldaten getötet oder verletzt worden sein. Auch pakistanische Zivilisten seien nicht zu Schaden gekommen, hieß es. Ein US-Kampfhubschrauber wurde während der Operation beschossen und musste notlanden. Die US-Soldaten zerstörten den Hubschrauber daraufhin. Im pakistanischen Fernsehen waren die Bilder des brennenden Hubschrauber-Wracks im Garten des Bin-Laden-Anwesens zu sehen.

Daten beschlagnahmt

Nicht in einer Höhle Afghanistans oder einer Lehmhütte im pakistanischen Stammesgebiet Waziristan, sondern in einem großzügig ausgebauten, schwer bewachten Villen-Komplex in einer pakistanischen Metropole findet die Karriere des saudischen Milliardärs-Sohns und meistgesuchten Terroristen der Welt ihr Ende.

Im Haus sei den Militärs mit einem Computer und mehreren Festplatten ein wahrer Schatz an Informationen in die Hände gefallen, berichtete das US-Onlinemagazin Politico am Dienstag. Die Datenträger seien an einen geheimen Ort in Afghanistan geschafft worden. Dort seien nun Hunderte Experten mit der Auswertung befasst. „Könnt Ihr Euch vorstellen, was alles auf Osama bin Ladens Festplatte ist?“, zitierte „Politico“ einen Regierungsbeamten. Geheimdienstler in Washington seien begeistert. „Wenn nur zehn Prozent davon verwendbar ist, dann wäre das toll.“

Mit dpa/Reuters/AFP/mim