Tod des Terror-Führers

US-Soldaten filmten Bin Ladens Seebestattung

| Lesedauer: 7 Minuten

Die Elitesoldaten, die Osama Bin Laden töteten, filmten den Einsatz - die Bilder wurden live zu Präsident Barrack Obama in den "Situation Room" im Weißen Haus übertragen. Nun wägt die US-Regierung ab, ob die Aufnahmen veröffentlicht werden sollen.

US-Präsident Barack Obama starrt gebannt in eine Richtung, Außenministerin Hillary Clinton hält sich eine Hand vor den Mund – das vom Weißen Haus veröffentlichte Foto zeigt die ranghöchsten Vertreter der USA in einem ihrer bangsten Momente im "Situation Room" des Weißen Hauses. Per Videoübertragung verfolgt das Sicherheitskabinett in Washington den Einsatz, bei dem Elitesoldaten der Navy Seals Osama Bin Laden in einem Gebäudekomplex in Pakistan töten. „Es war wahrscheinlich einer der ängstlichsten Momente im Leben der Menschen, die hier versammelt waren“, sagte Obamas Anti-Terror-Berater John Brennan. Gefilmt wurde auch die Seebestattung Bin Ladens - die US-Regierung wägt nun ab, ob Bilder und anderes Material veröffentlicht werden sollen.

Der „Situation Room“ befindet sich im Westflügel („West Wing“) des Weißen Hauses: Ein etwa 460 Quadratmeter großer Komplex, intern auch „the woodshed“ genannt, der Holzschuppen. Dies ist die Einsatzzentrale, von der aus Präsident und Nationaler Sicherheitsrat der USA Opretaionen steuern können. In dem Raum steht ein großer Tisch, an den Wänden sind Bildschirme angebracht, es gibt ein Videokonferenz-System. Hier saßen in der Nacht zum Montag Barrack Obama, Vizepräsident Joe Biden, Außenministerin Hillary Clinton und weitere Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrates. Und waren dabei, als Osama Bin Laden getötet wurde.

In einem Bericht der "New York Times" beschreiben Mitarbeiter des Weißen Hauses, des Pentagon und der Geheimdienste die letzten Wochen vor dem Zugriff. Es seien immer wieder "Was wäre wenn"-Szenarien durchgespielt worden, die Wochen seien extrem nervenaufreibend gewesen.

Offenbar gab es innerhalb der Regierung Streit darüber, ob es überhaupt schon der richtige Zeitpunkt für eine Operation sei, oder ob es nicht besser wäre, das Haus in Pakistan so lange weiter zu observieren, bis man sicher sei, dass Osama Bin Laden sich auch dort befindet. Einige Mitglieder der Administration sprachen sich dafür aus, einen für US-Soldaten weniger gefährlichen Bombenangriff zu starten.

Am Ende entschied sich US-Präsident Obama gegen einen Bombenangriff. Seine Begründung: Der Schaden sei weit größer und es könne danach weiter Unsicherheit bestehen, ob Bin Laden wirklich getroffen worden sei. Obama wählte den direkten Angriff einer Spezialeinheit. Zwei Helikopter sollten der Einheit folgen, als Backup, falls es Probleme geben würde. Den Einsatz hatten die Navy Seals vorher in einer Kopie des mutmaßlichen Bin-Laden-Hauses geübt - errichtet auf einer geheimen Militärbasis in Afghanistan, berichtet das US-Magazin "National Journal ".

Sonntagnachmittag (Ortszeit) traf sich der US-Präsident mit seinen Beratern im "Situation Room" im Weißen Haus, um die Operation zu überwachen. Zuvor war der Westflügel des Weißen Hauses für Besucher gesperrt worden. Die "New York Times" fasst die letzten Minuten der Operation im Weißen Haus zusammen .

Lange habe Schweigen geherrscht, Obamas Gesicht sei nach Angaben eines Beteiligten versteinert gewesen. Die Minuten seien wie Tage vergangen, erinnert sich John O. Brennan, Obamas Top-Berater für Terrorismus. Vizepräsident Biden hält einen Rosenkranz. Ein Mitarbeiter wird zu einem Supermarkt geschickt und besorgt Verpflegung: Limo, Kartoffelchips, Fladenbrot, Kraben.

Kameras übertragen die Bilder aus Pakistan live via Satellit nach Washington. Obama sitzt etwas abseits von den anderen, während die Navy Seals in Abbottabad landen.

Der Code Name für Bin Laden war "Geronimo". Obama und seine Berater sind per Videokonferenz mit dem CIA-Direktor Leon E. Panetta im Geheimdienst-Hauptquartier in Langley verbunden. Panetta berichtet, was in Pakistan passierte. 79 Soldaten der Spezialeinheit "Navy Seals" sind in vier Hubschraubern unterwegs. Die Amerikaner haben die Regierung Pakistans nicht informiert.

Laut "New York Times" laufen die weiteren Minuten so ab:

"Sie haben das Ziel erreicht", sagt Panetta.

Minuten vergehen.

"Wir können Geronimo sehen", sagt er.

Bin Laden befand sich demnach im dritten Stock des Gebäudes. Er trug den traditionellen Salwar Kamiz: ein langes Hemd (Kamiz) über einer weiten Hose (Salwar). Bin Laden leistete Widerstand, sagen US-Regierungsvertreter später - allerdings werden erste Aussagen berichtigt, wonach Bin Laden sich hinter einer Frau verborgen und gefeuert habe. Er wird erschossen. Eine Kugel trifft ihn in den Kopf, über dem linken Auge.

Ein paar Minuten später. Panetta : "Geronimo EKIA." (Enemy Killed in Action)

Schweigen im Situation Room.

Dann sagt der Präsident: "Wir haben ihn."

Einer der Seals-Soldaten macht ein Foto vom toten Bin Laden. Das Foto wird später mit einer Bilderkennungssoftware überprüft. 95 Prozent Übereinstimmung. Zusätzlich gibt es noch einen DNA-Test. 99,9 Prozent Übereinstimmung.

Die Soldaten nehmen den Leichnam Bin Ladens mit. Einer der vier Hubschrauber auf dem Gelände kann nicht mehr starten. Die US-Soldaten zerstören ihn. Gegen 1.10 uhr lokaler zeit starten die drei übrigen Helikopter. An Bord unter anderem Dokumente und Computer-Festplatten, die im Haus gefunden wurden.

Die Hubschrauber landen in Afghanistan. Dort wird der Tote als Osama Bin Laden identifiziert.

Der Körper wird erneut verladen und aus Afghanistan ausgeflogen, auf die offene See. Irgendwo im Arabischen Meer liegt der Flugzeugträger Carl Vinson . Dorthin wird Bin Ladens Leiche gebracht. Der leichnam wird gewaschen, dann in ein weißes Tuch gewickelt. Ein Offizier verliest religiöse Texte, die ein Dolmetscher ins Arabische übersetzt. Anschließen wird die Leiche im Meer versenkt.

Von der Seebestattung Osama Bin Ladens gibt es Videobilder, auch der Einsatz selbst wurde aufgenommen - und die US-Regierung wägt nun ab, ob diese Bilder veröffentlicht werden sollen. Sicherheitsberater John Brennan bestätigte laut Politico.com , dass die Regierung über Fotos, Videos und weiteres Material von dem Einsatz verfügt. Die Helme der eingesetzten Navy Seals waren mit Kameras ausgerüstet. Es gebe bislang allerdings noch keine endgültige Entscheidung darüber ob Bilder veröffentlicht werden sollen.

Brennen sagte dem US-Fernsehsender NBC: "Wir versuchen, die Reaktion auf Osama Bin Ladens Tod abzuschätzen. Insofern müssen wir uns bei der Veröffentlichung von Informationen oder irgendeiner Form von Bild fragen, wie die Reaktion darauf ausfallen könnte. Wir tun das in einer vorsichtigen Art und Weise."

( dpa/dapd/ab/dino )