Bin Ladens Tod

Al-Qaidas Terrorfabrik fehlen Köpfe und Geld

Der Anführer der al-Qaida Osama Bin Laden ist tot. Es ist ein besonders schwerer Schlag für das Netzwerk, das ohnehin schon lange unter Führungsproblemen und Geldnot leidet. Wie geht es jetzt weiter mit dem gefährlichsten Terrorfabrik der Welt?

In Deutschland herrscht der Frost, als sich ein Totgeglaubter im Leben zurückmeldet. Es ist ein Freitag im Januar, der arabische Fernsehsender al-Dschasira veröffentlicht Teile eines Tonbandes. Zu hören ist die Stimme eines Mannes, der die Welt das Fürchten gelehrt hat. Frankreich, sagt der Mann, werde einen hohen Preis bezahlen, falls es seine Soldaten nicht bald aus Afghanistan abziehe.

Die Fachleute der deutschen Nachrichtendienste haben keine Zweifel: Es ist die Stimme des weltweit meistgesuchten Terroristen, die Stimme Osama Bin Ladens. Vergesst die Gerüchte einiger Nachrichtendienste, das bedeutet die Botschaft. Ich bin nicht tot und meine al-Qaida ist es auch nicht.

Es ist das letzte Lebenzeichen.

Denn nun, fast vier Monate später, ist es kein Gerücht mehr: Der Anführer der al-Qaida ist tot. Und die Frage ist, was das für das gefährlichste Terrornetzwerk der Welt bedeutet. Denn es hat seine Heiligenfigur verloren. Die Ideologiefabrik des islamistischen Terrorismus ist ohne Chef. Es ist ein besonders schwerer Schlag, aber nicht der einzige in den vergangenen Monaten.

Obwohl al-Qaida immer wieder mit Anschlägen in Verbindung gebracht wird, gilt in Sicherheitskreisen als ausgemacht, dass die Bewegung längst nicht mehr die Schlagkraft hat, ähnlich spektakuläre Anschläge wie die vom 11. September 2001 verüben. Die Organisation leidet unter Führungsproblemen und unter Geldnot. Beides sind nach Ansicht deutscher Sicherheitsexperten Gründe dafür, dass al-Qaida zurzeit nicht in der Lage ist, eine aufwendige Struktur zu unterhalten und große und teure Anschläge zu planen und ausführen zu lassen. Zumindest nicht der ursprüngliche Teil der Bewegung, die Bin Laden im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet um sich geschart hat. Die Sicherheitsbehörden nennen diesen Teil der Organisation „Kern-al-Qaida“.

Dieser Kern gibt die spirituelle Linie vor. Die Kommandozentrale soll aus etwa 200 Mann bestehen, dazu kommen einige Tausend Kämpfer. Diese Terror AG hat inzwischen ein großes Filialnetz.

HIER SOLL SICH BIN LADEN VERSTECKT HABEN:

Es gibt Al-Qaida-Ableger an vielen Orten: im Maghreb, dazu gehören Länder wie Algerien, Tunesien, Marokko oder Libyen. Es gibt sie auf der arabischen Halbinsel, in Ländern wie Saudi-Arabien, Jemen, den Vereinigten Arabische Emiraten. Und es gibt sie außerdem im Irak. Diese Filialen sind unterschiedlich eng mit der Zentrale, der Kern-al-Qaida, verbunden. Maghreb und Irak gelten als anerkannt. Im Falle Somalias gibt es zumindest Zweifel, ob die dort ansässige al-Shabaab überhaupt zum al-Qaida-Netzwerk gehört. Die Gruppe bemüht sich zwar darum, von der Zentrale anerkannt zu werden, ist es bisher aber nicht – obwohl sie die Ideologie der Bin-Laden-Truppe teilt. Es gibt andere, ähnliche Fälle. Es geht dabei um den geistigen Überbau, vor allem aber geht es um viel Geld. Inzwischen ist das ein Problem.

Denn für al-Qaida geht es nun ums Überleben, ideologisch und finanziell.

Sie sieht sich als Avantgarde des Islamismus und will als solche in die Geschichtsbücher eingehen. Das ist der Grund, warum sie sich mit anderen radikalen Organisationen wie Hamas und Hisbollah anlegt. Doch der Überlebenskampf wird zunehmend härter, für die Kern-al-Qaida genauso wie für ihre Ableger.

Sie haben mit Problemen zu kämpfen, ganz unterschiedlicher Art.

Die Kern-al-Qaida hat in den Kämpfen mit den Amerikanern viele hochrangige Führer verloren. Für sie rücken sogenannte Leutnants nach: Kämpfer, die keine strategische Erfahrung haben. Die Führungsebene wird ständig durcheinandergewürfelt, das schafft Unruhe. 2001, in der Blütezeit der al-Qaida, war jederzeit klar, wer innerhalb der Organisation beispielsweise für Medien zuständig war und wer die Finanzen zu verwalten hatte. Zwar gibt es auch heute noch eine gewisse Hierarchie in der zentralen Einheit, in den Filialen jedoch sieht das anders aus. Das Internet hat diese Entwicklung noch beschleunigt: Es haben sich viele Zellen gebildet, die sich zwar Netzwerk zugehörig fühlen, aber weitgehend selbstständig handeln.

Wahrscheinlich noch schwerwiegender sind die finanziellen Probleme der gesamten Organisation. Die deutschen Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass das Geld der Terroristen zunehmend knapp wird. Das haben in der Vergangenheit auch gut informierte Medien in Saudi-Arabien berichtet.

Die internationalen Geldflüsse werden beispielsweise von mehr als 100 eigens eingerichteten Ermittlungsgruppen überwacht. Überweisungen auf Bankkonten sind deshalb kaum noch möglich. Zugleich wird es immer aufwendiger, Führungsleute vor den westlichen Fahndern und Kampftruppen zu verstecken. „Man braucht schon Geld, um illegal leben zu können bei den Summen, die da als Kopfgeld ausgesetzt sind“, sagt ein hochrangiger deutscher Terroristenjäger. „Die wichtigen Leute müssen oft ihren Auenthaltsort wechseln sein, wenn sie am Leben bleiben wollen.“ Und sie müssen Leute bezahlen, die für ihre Sicherheit sorgen.

Das heißt: Die Einnahmen sinken, die Kosten aber steigen.

Die al-Qaida versucht deshalb, die Anschläge immer billiger zu machen und das Geld in immer kleineren Tranchen zu verteilen. Der 11. September 2001 hat Schätzungen zufolge noch eine sechsstellige Summe gekostet. Die Anschläge von Madrid und London ein paar Jahre später noch um die 10.000 Euro.

Die Organisation muss sich immer neue Wege ausdenken, neues Geld zu beschaffen. Die al-Qaida im Maghreb versucht mit Entführungen, Lösegeld zu erpressen. In Somalia leben die Terroristen von Schutzgelderpressungen und verdienen an Zöllen und Steuern mit.

Aber das Geld allein löst das Identifikationsproblem nicht, das in den vergangenen Wochen gewachsen ist.

Bei den jüngsten Revolutionen in den Ländern des Nahen Ostens hat die Kern-al-Qaida bisher kaum eine Rolle gespielt. Sie hat keine klare Position zu der revolutionären Bewegung gefunden. Die Freiheitsbewegung geht nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden zumeist von jungen Leuten aus, die wenig religiös und eher der westlichen Lebensweise zugewandt sind. Das schwäche al-Qaida und könnte langfristig sogar das Aus für die Terrororganisation bedeuten. Das prominenteste Beispiel für diese Entwicklung ist Aiman al-Zawahiri, der als Nummer zwei der al-Qaida gilt. Auch er hat in seiner letzten Botschaft keine klare Linie zu der Freiheitsbewegung erkennen lassen.

Auf der Suche nache neuen Strategie

In Europa versucht es die al-Qaida inzwischen mit einer neuen Strategie: Es sieht so aus, als gebe es eine Taktik der Nadelstiche oder auch „Taktik der 1000 Schnitte“. Geplant wird nicht mehr der eine große Anschlag, der nächste 11.September. Geplant werden Anschläge auf kleinere Ziele, die einfacher zu verwirklichen sind: zum Beispiel auf ein Zeitungsgebäude oder einen Jahrmarkt. Diese Strategie hat den Vorteil, dass sich gleichzeitig Anschlagspläne für mehrere Orten vorbereiten lassen. So wollen sie die Sicherheitsapparate des Westens lahmlegen, denn die Behörden können nur eine bestimmte Anzahl Terrorverdächtiger überwachen. Zudem kosten die Sicherheitsmaßnahmen die bedrohten Staaten viel Geld.

Um den Strategiewechsel möglichst überall in der Islamistenszene bekannt zu machen, nutzt al-Qaida das Internet. Magazine wie „Inspire“ versorgen die Szene in aller Welt mit aktuellen Vorgaben. Die deutschen Nachrichtendienste schätzen „Inspire“ als sehr professionell ein – und damit als gefährlich.

Vielleicht hat die al-Qaida erkannt, dass sie in Zukunft Probleme haben wird, ihre Ziele allein zu erreichen. Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet arbeitet sie inzwischen eng mit anderen Terrororganisationen zusammen, etwa der Ismalischen Jihad Union (IJU) und der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU). Diese beiden Gruppen haben in der jüngeren Vergangenheit viele in Deutschland lebende Islamisten angezogen, die sich schließlich in Terrorcamps ausbilden lassen. Einige von ihnen sind in die Bundesrepublik zurückgekehrt, um Anschläge zu verüben. Ein Beispiel ist die sogenannte Sauerland-Zelle, deren Mitglieder im Herbst 2007 festgenommen wurden. Auch der mutmaßliche Drahtzieher der Gruppe, die am Samstag in Düsseldorf festgenommen wurde, wurde in einem Lager an der afghanisch-pakistanischen Grenze ausgebildet.

Zahl der radikalisierten Islamisten steigt

Diese Beispiele stehen für eine Entwicklung, die die Sicherheitsbehörden in Deutschland zunehmend mit Sorge betrachtet. Die Zahl jener radikalisierten Islamisten wächst, die keine oder nur eine lose Verbindung zu internationalen Netzwerken haben. Dazu zählen zum Beispiel deutsche Konvertiten. Der Streit um die 2005 in einer dänischen Zeitung gedruckten Karikaturen des Propheten Mohammed hat, so sehen es Fachleute, der Szene einen enormen Zulauf beschert. Der Krieg in Afghanistan ohnehin.

Für die Sicherheitsbehörden bedeutet das, dass ihre Versuche, Terroranschläge zu verhindern, immer unübersichtlicher und zeitraubender werden. Die Netzwerke kommunizieren überwiegend im Internet. Für einen Nachrichtendienst wird es dadurch aufwendig, Informationen zu gewinnen. „Der Chatroom hat das Multikulturhaus längst als Kommunikationsplattform abgelöst“, beschreibt ein Nachrichtendienstler die Situation.

Nach Schätzungen konvertieren jährlich mehr als 4000 Deutsche zum Islam. In der jüngsten Zeit ist auch das Phänomen zu beobachten, dass sich in der islamistischen Szene zunehmend hierzulande geborene Türken tummeln. Bei den Sicherheitsbehörden heißen diese radikalisierten Islamisten „Homegrown-Terroristen“.

Diese neue Generation ist das Werk Bin Ladens. Für sie war er Heiliger, ein Popstar des Terrors. Sie, besonders, sie, trifft sein Tod. Und er tut es gerade in einer für al-Qaida schwierigen Phase. Das Ende des Netzwerks bedeutet das aber nicht. So jedenfalls lässt sich eine erste Einschätzung deuten, die der Bundesnachrichtendienst (BND) im Gespräch mit der „Welt“ abgab: „Gratulation zur erfolgreichen Operation und zur Schwächung von Kern-al-Qaida. Osama Bin Laden war die zentrale Integrations- und Leitfigur, nicht nur in der al-Qaida.“ Keine der anderen Führungspersonen habe die notwendige Statur, um die Rolle Bin Ladens nahtlos zu übernehmen. Das bedeute aber nicht, dass man al-Qaida künftig abschreiben dürfe.

Experten rechnen damit, dass es einen Wettbewerb um Bin Ladens Nachfolge geben wird, vielleicht schon bald und schrecklich: ein Anschlag mit internationaler Ausrichtung, medienwirksam. So, sagt ein Sicherheitsmann, könne eine „Bewerbung“ aussehen.