Europawahl

Polens Held Lech Walesa flirtet mit EU-Skeptikern

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Gerhard Gnauck

Foto: AFP

Lech Walesa ist wieder in aller Munde. Seine Neigung, mehr noch, seine Kunst, Haken zu schlagen, hat wieder einmal alle überrascht. Jetzt tritt der frühere Solidarnosc-Chef bei Veranstaltungen einer Anti-Europa-Partei auf. Warum er das tut, verstehen nicht mal die EU-Skeptiker so ganz.

Der Arbeiterführer der 80er-Jahre, der erste Vorsitzende der regimekritischen Gewerkschaft Solidarnosc und (nach 1989) Polens Staatspräsident, hat dieser Tage wieder einmal gezeigt, dass er auf berechenbare Weise sehr unberechenbar sein kann. Walesa hat eine neue Rolle gefunden: als Galionsfigur der euroskeptischen Bewegung „Libertas“ unter dem irischen Millionär Declan Ganley. Ausgerechnet Walesa.

Gleich aus zwei Gründen ist der Dissident von einst wieder im Rampenlicht: Zuerst sorgte das Buch eines 24 Jahre alten polnischen Historikers für Wirbel. Der Autor vertrat darin die Auffassung, Walesa habe ein uneheliches Kind gezeugt und sei in den 70er-Jahren Agent der polnischen Staatssicherheit gewesen. Der zweite Vorwurf ist nicht ganz neu. Doch diesmal bebte selbst Polens liberaler Premier Donald Tusk vor Zorn. Tusk kommt selbst, wie Walesa, aus Danzig und aus der Solidarnosc-Bewegung. Er meinte, in Walesa einen treuen Weggefährten zu haben. So beeilte er sich, den Friedensnobelpreisträger mit hymnischen Worten zu verteidigen: „Lech Walesa bleibt unser nationaler Schatz, der Held unserer nationalen Legende. Wir müssen sie pflegen – im Interesse des ganzen polnischen Volkes und um unserer Zukunft willen.“ Geschichtspolitik wird großgeschrieben im vereinten Europa, gerade im Gedenkjahr 2009. „Die Marke Walesa ist in der ganzen Welt bekannt“, witzelte das Nachrichtenmagazin „Newsweek Polska“ in seiner aktuellen Ausgabe, „sie ist die polnische Entsprechung von Coca-Cola.“

Das hat Donald Tusk nun von seiner Legendenpflege. Auf den letzten Metern des Europawahlkampfs bandelt Walesa mit Ganley an. Zweimal trat er bisher auf Veranstaltungen der „Libertas“ auf, wobei er deren Fans ebenfalls erstaunt haben dürfte. Vorige Woche sagte er „Libertas“-Anhängern in Madrid, er befürworte mangels Alternativen den Lissabon-Vertrag. Doch zugleich lobte er die EU-Skeptiker dafür, dass sie „neue Lösungen“ suchten. Auch sie sollten in Europa „einen Platz“ haben. Spricht aus diesen Sätzen Voltaire, der die Meinungsfreiheit seiner Gegner bis in den Tod verteidigen wollte? Spricht hier Rosa Luxemburg („Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“)? Oder ist es doch nur Lech Walesa, dessen Vieldeutigkeit in Polen längst zu einem geflügelten Wort geronnen ist: „Ich bin dafür und sogar dagegen“, zitiert man ihn.

Sein Bündnis mit „Libertas“ erscheint besonders unappetitlich, weil in Polen etliche Politiker der 2007 an der Fünf-Prozent-Hürde gescheiterten nationalistischen LPR bei den EU-Skeptikern Unterschlupf gefunden haben. Ganley zählt in Polen auf deren organisatorische Erfahrung. Erst am Wochenende war der Ire wieder in Warschau. Dass er sich gelegentlich mit dem früheren Nationalistenchef Roman Giertych treffe, bestätigte Ganley nur widerwillig.

Die polnischen „Libertas“-Anhänger wiederum können Walesa, Symbol der nicht nur friedlichen, sondern auch die alten Eliten schonenden Revolution von 1989, auf den Tod nicht leiden. Auf einer Veranstaltung empfingen sie ihn mit Pfiffen und „Bolek“-Rufen. „Bolek“ war der Deckname, unter dem die polnische Stasi Walesa geführt hatte. Doch seine Spitzeltätigkeit ist in einem breiteren Kontext zu sehen.

Nach den ersten, blutig niedergeschlagenen Danziger Arbeiterprotesten von 1970 wurde der junge Werftarbeiter Walesa von den Geheimpolizisten verhört. Er hat später selbst gesagt, er sei aus dieser Sache „nicht ganz sauber herausgekommen“ und habe irgendein Papier unterschrieben.

In der Tat wurde er seitdem als „Bolek“ geführt – als einer von 73 Agenten, welche allein in der Danziger Werft damals für Stasi-Dienste angeworben oder dazu gepresst wurden. Wie der erfahrene (und in diesem Streit eher aufseiten Walesas stehende) Historiker Andrzej Friszke darlegt, hat Walesa sich 1971 und 1972 „viele Male“ mit den Stasi-Offizieren getroffen und ihnen „nicht ganz harmlose“ Informationen über Kollegen geliefert. Doch dann wandelte er sich, wie die Stasi festhielt, vom Spitzel zum Sprachrohr der Belegschaft. 1976 verlor er deswegen seinen Job in der Werft. 1980 trat er an die Spitze der neuen Solidarnosc-Bewegung.

Auch damals hat Walesa also bewiesen, dass er mit Mut und Chuzpe von einer Rolle in die nächste zu wechseln versteht – so wie auch heute wieder. Sogar seine Familie ist gelegentlich verblüfft. Der Sohn Jaroslaw Walesa (32), der in den USA studiert hat und jetzt als liberaler Kandidat zu den Europawahlen antritt, hat Mühe, seinen Papa zu verstehen. „Er passt in keine Schublade“, sagte Jaroslaw am Wochenende. „Aber ich fände es schon schön, wenn er mich bei meinem Wahlkampf etwas mehr unterstützen würde.“