20 Jahre Solidarnosc-Urteil

Wie Polens Arbeiter sich die Freiheit erkämpften

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Gerhard Gnauck

Heute vor 20 Jahren wurde in Polen die lange verbotene Solidarnosc-Bewegung wieder zugelassen. Kurz darauf erlebte das kommunistische System seinen finalen Kurzschluss. Der gelernte Elektriker Zbigniew Bujak war von Anfang an dabei. Für Morgenpost Online erinnert er sich an eine bewegte Zeit.

Der Mann, der heute in Polen meist im dunklen Anzug zu sehen ist, tritt selbstbewusst auf, doch nicht aufdringlich. Als Zbigniew Bujak in den 80er-Jahren die dramatischsten Augenblicke seiner Laufbahn erlebte, nannte Erich Honecker, der Parteichef des Nachbarstaats DDR, die demokratischen Unruhestifter in Polen „konterrevolutionäre Krakeeler“. Doch dieses Wort sagt wohl mehr über den stockend sprechenden Honecker aus als über den wohltemperierten Bujak.

Dieser Gewerkschaftsführer, ein echter Sohn der Arbeiterklasse, hat nichts Marktschreierisches an sich.

Die Gewerkschaft Solidarnosc („Solidarität“) war nicht nur Lech Walesas Lebenswerk, sondern auch Bujaks. Wie Walesa war Bujak Elektriker, und er hatte sich wohl auch nicht träumen lassen, dass er eines Tages im kommunistischen System den finalen Kurzschluss herbeiführen würde. Der 17. April 1989 war in dem Prozess ein wichtiges Datum: An diesem Tag wurde im Warschauer Wojewodschaftsgericht die lange verbotene Gewerkschaft wieder zugelassen. So sahen damals die Sieger dieser Etappe im Gerichtssaal aus: Die Intellektuellen mit Krawatte, die Arbeiter in Flanellhemd und Pullover. Sie erhoben einträchtig die rechte Hand zum „Victory“-Zeichen.

Der Weg dahin war lang und kurvenreich. Bujak, Jahrgang 1954, war mit fünf Geschwistern in einem kleinen Ort zur Welt gekommen. Der Industrialisierung war es zu verdanken, dass die Familie bald in die Nähe der Hauptstadt zog. Bujak ging zur Berufsschule, leistete seinen Wehrdienst bei den Fallschirmjägern – eine gute Schule, wie sich später herausstellte. Danach arbeitete er im Ursus-Traktorenwerk. Und wie es das Schicksal in Polen so will: Über den katholischen Geistlichen seines Wohnorts fand Bujak Kontakt zum „Komitee zur Verteidigung der Arbeiter“. Diese kleine Gruppe von Bürgerrechtlern, unter ihnen Adam Michnik, war die links orientierte Keimzelle der späteren Solidarnosc-Bewegung.

Diese Gewerkschaft entstand bereits im August 1980 und läutete einen im Ostblock nie dagewesenen Sommer der Freiheit ein. In Windeseile schlossen sich zehn Millionen Menschen an. Was sich zunächst an sozialer Unzufriedenheit und materiellen Forderungen entzündet hatte, wurde zum Probelauf der Freiheit: Polen wagte mehr Demokratie. Bujak wurde Chef der Solidarnosc-Region Warschau.

Die Kommunistische Partei musste wohl oder übel mitspielen. Säbelrasselnde Drohungen aus Moskau, Prag und Ost-Berlin, die dramatische Wirtschaftslage und auch das eigene Interesse am politischen Überleben veranlassten die Herrschenden, am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht zu verhängen und alle Macht in die Hände des Generals, des Staats- und Parteichefs Jaruzelski zu legen. Walesa und 6000 weitere Gewerkschafter und Oppositionelle wurden in der ersten Nacht verhaftet, Proteste binnen Tagen blutig niedergeschlagen.

Das hätte für „Solidarnosc“ das Ende sein sollen. Doch Bujak und einigen anderen gelang es, der Verhaftung zu entkommen. Was folgte, ist für den Ostblock seit den 50er-Jahren wiederum einmalig: Die Opposition machte im Untergrund weiter. Inspiriert von der Tradition polnischen Rebellentums früherer Jahrhunderte, lebten Solidarnosc-Führer wie Bujak mit falschen Papieren in konspirativen Wohnungen, publizierten in Zeitschriften und meldeten sich gelegentlich über konspirative Radiosender zu Wort. Auch deutsche Fernsehzuschauer konnten Bujak erleben: Eine Videokassette mit einem Appell des Gewerkschafters wurde damals nach Mainz geschmuggelt, wo das ZDF-Magazin sie ausstrahlte.

Nachdem Bujak den Sicherheitskräften mehrmals knapp entkommen konnte, gelang es der Miliz erst 1986, den Gewerkschaftschef zu orten und festzunehmen. Doch im Frühjahr 1989 kündigte sich in Polen nach neuen Arbeiterprotesten bereits das Ende des Systems an. Häftling Bujak wurde plötzlich zum geachteten Verhandlungspartner: Er saß am „runden Tisch“, der in Warschau im Februar seine Arbeit aufnahm.

Ein Ergebnis: Die Solidarnosc-Bewegung wurde wieder zugelassen, halbfreie Wahlen wurden angesetzt. An den 17. April 1989 kann sich Bujak heute nur vage erinnern. „Das war im Grunde nur der Vollzug dessen, was die vorangegangen Proteste erreicht hatten“, sagt er. Schwierig sei es für viele gewesen, am „runden Tisch“ einem Mann wie Innenminister General Kiszczak die Hand zu geben, „dem Mann, dessen Sicherheitskräfte viele von uns verhaftet und misshandelt hatten“. Dennoch: Bujak reichte dem General die Hand.

Am 4. Juni 1989 errangen die Solidarnosc-Kräfte einen Wahlsieg; im August stellten sie mit Mazowiecki den ersten nichtkommunistischen Regierungschef des Ostblocks. Bujak wurde Abgeordneter und schließlich Chef der polnischen Zollbehörde. Und er studierte: Politikwissenschaft und Philosophie. Heute schreibt er seine Doktorarbeit – darüber, wie autoritäres Denken die Bürgergesellschaft blockiert. „Solidarnosc hat die Bürger mobilisiert und zum Subjekt der Politik gemacht. Doch als ihre Anführer an die Regierung kamen, griffen diese auf autoritäre Muster zurück. Der Bürger war nicht mehr gefragt.“ Doch Bujak ist voller Hoffnung: „Meine Zeit beim Zoll hat mir gezeigt: Reformen sind möglich.“