Proteste

"In jedem Griechen steckt ein kleiner Anarchist"

Seit einer Woche halten die Proteste in Griechenland Europa in Atem. Fassungslos stehen die Griechen selbst vor den Trümmern in ihren Städten. Auf Morgenpost Online erklärt ein Experte, wo die Ursachen für diesen Gewaltausbruch liegen: in linksradikalen Strukturen in der Studentenschaft

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Morgenpost Online: Was ist mit den Griechen los?

Heinz-Jürgen Axt: Sie sind ein wenig in Aufruhr geraten. Wobei man nicht von „den Griechen“ sprechen kann. Es gibt offenbar eine zuschauende, eher passive Masse und einen kleinen Teil aktiver, zum Teil höchst militanter Demonstranten, die den Unmut in der griechischen Gesellschaft für sich ausnutzen.

Morgenpost Online: Woher rührt der Unmut?

Axt: Beim harten Kern der militanten Demonstranten handelt es sich um Berufsrevoluzzer aus der Anarcho-Ecke, die es in Griechenland seit mehr als 30 Jahren gibt. Das ist auch eine Spätentwicklung aus der Studentenbewegung. Was sich europaweit in den späten Sechzigern etabliert hat, hat in Griechenland immer noch Nachfolge-Organisationen gefunden. Zum anderen gibt es einen gewissen Protest unter den Jugendlichen, der sich dem anschließt, aber nicht gleichgesetzt werden darf mit denen, die jetzt Krawall machen.


Morgenpost Online: Wogegen richtet sich der Protest der Jugendlichen?


Axt: Arbeitsmarktprobleme, Jugendarbeitslosigkeit, all das kennt auch Griechenland, die Finanzkrise erfasst das Land genauso wie alle anderen Staaten. Es gibt eine allgemeine Unsicherheit, Griechenland ist in vielerlei Hinsicht vom Umbruch betroffen, aber eigentlich nicht anders als andere europäische Staaten auch. Die seit Längerem aktiven, militanten Gruppen haben den Fall des getöteten 15-Jährigen benutzt, ihre Lust an der Revolution auszuleben. Es gab lange eine Art gegenseitiger Ignoranz zwischen Polizei und Anarchoszene. Die Lage hatte sich in einigen Vierteln in Athen stark zugespitzt. Das sind Gegenden, in die die Polizei ungern hineingeht. Es gibt Plätze, von denen man seit Jahren weiß, dass sich dort die Anarchoszene sammelt. Mein Eindruck ist, dass die Linie der Polizei zwischen dem Ignorieren von Gesetzesbrüchen bis hin zu sehr harten Einsätzen schwankt.

Morgenpost Online: Sind die Polizeiorgane noch nicht ganz in der Demokratie angekommen?

Axt: Das würde ich nicht sagen. Aber in jedem Griechen steckt ein kleiner Anarchist. Die Ablehnung von Staatsmacht, von Autorität ist in Griechenland wahrscheinlich etwas stärker ausgeprägt als in anderen europäischen Staaten.

Morgenpost Online: Hängt das zusammen mit den Nachwirkungen der Erfahrung der Militärdiktatur? Ist man deshalb bereit, militanten Studenten einiges nachzusehen oder sie mit Sympathie zu begleiten, weil sie eben 1974 zum Sturz der Diktatur beigetragen haben?


Axt: Das sehe ich durchaus so. Wir haben in vielen europäischen Ländern Unruhe und Unzufriedenheit unter Jugendlichen, aber der zündende Funke ist aus den militanten Gruppen gekommen. Das ist zurückzuführen auf die Zeit von 1967 bis 1974. Am 17. November 1973 protestierten Studenten in der Universität gegen das Obristen-Regime, wurden zusammengepfercht und niedergeknüppelt. Diese Auseinandersetzung hat bis heute einen hohen symbolischen Wert. Aus der breiten Studentenbewegung hat sich dann die militante Strömung gebildet. In anderen Ländern haben solche Strömungen zum Terrorismus geführt wie bei der RAF in Deutschland.


Morgenpost Online: Gab es das mit der Gruppe „17. November“ in Griechenland nicht auch?

Axt: Ich würde sie nicht gleichsetzen. „17. November“ ist ein Beispiel für die extreme Militarisierung. Die jetzigen Auseinandersetzungen haben durch den erschossenen Jugendlichen eine neue Qualität bekommen, gegeben aber hat es sie schon des Öfteren. Da sind die anarchistischen Studentengruppen eigentlich immer dabei, und sie genießen eine gewisse Sympathie. Auch weil es in der Bürgergesellschaft von 1967 bis 1974 recht ruhig war. Der Protest gegen die Junta ist vorwiegend im Ausland organisiert worden, im Land selbst waren die Studenten fast die Einzigen, die rebellierten. Deswegen genießen sie bis heute eine stillschweigende Sympathie. Das unterscheidet Griechenland tatsächlich von anderen Ländern.


Morgenpost Online: Was kann Ministerpräsident Karamanlis jetzt tun?

Axt: Wir befinden uns in Griechenland schon in der Vorwahlzeit. Die Gewerkschaften haben sich der Protestbewegung angeschlossen, die Kommunisten auch. Karamanlis ist eigentlich jemand, der eher „eine ruhige Hand hat“, um es wertneutral zu sagen. Ich erwarte nicht, dass er schnell reagiert. Er bestimmt den Wahltermin, und er wird natürlich versuchen, einen für ihn günstigen Termin zu wählen. Derzeit wäre es extrem ungünstig.

Für die Regierung in Griechenland bricht eine schwere Zeit an. Wenn man aber bedenkt, dass die Haupteinkaufsstraße in Athen der Anarchie preisgegeben worden ist, das lässt sich wahrscheinlich kein Grieche in der Vorweihnachtszeit lange bieten. Das wird die öffentliche Hinnahme – ich sage nicht Sympathie – möglicherweise sehr schnell in ihr Gegenteil kehren.

Heinz-Jürgen Axt ist Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg und Vizepräsident der Münchner Südosteuropa-Gesellschaft.