Als vor drei Tagen Wikileaks zehntausende Depeschen aus den diplomatischen Vertretungen der USA veröffentlichte , schwappte eine Welle von Schadenfreude durch das Netz: Wie immer bei solchen Coups von Julian Assange & Co. überwog die Befriedigung darüber, dass es der scheinbar allmächtigen Großmacht nicht gelungen war, geheim zu halten, was nicht für unsere Augen bestimmt war. Doch der Fall von Gaddafis allzu schnell berühmt gewordener „volllbusiger ukrainischer Krankenschwester“ Galina Kolotnytksa zeigt, wie bedenkenlos die Wikileaks-Leute dabei auch mit dem Leben einfacher Menschen spielen.
Kolotnytska wurde schnell zu einer Berühmtheit des Internet, nachdem Wikileaks eine Depesche der US-Botschaft in der libyschen Haupstadt Tripolis veröffentlicht hatte, die besagte, dass Gaddafi nirgendwo ohne diese Frau hinreise und dass sie möglicherweise ein Liebesverhältnis mit ihm unterhalten. Noch am gleichen Tag versuchte jemand schnelles Geld zu machen, indem er unter der Internet-Adresse www.galynakolotnytska.info eine Seite mit zwei angeblichen Fotos der Ukrainerin und einer Zusammenfassung des Wikileaks-Berichts schuf, auf der zahlreiche Anzeigen-Links zu ukrainischen Prostituierte wiesen. Auch eine Facebook-Seite von Galina Kolotnytska tauchte noch am 29. November auf, sie war genau wie ein entsprechendes Video bei Youtube mit einem Foto dekoriert, das eine junge Frau zeigte, die den Klischeevorstellungen jedes Internet-Voyeurs von einer vollbusigen ukrainischen Blondine entspricht.
Zuerst aufgetaucht ist dieses Foto auf dem konservativen britischen Satireblog redragonline. Dessen Autoren stellten in der Nacht vom 28. zum 29. November fest, dass ihre Besucherzahlen nach der Veröffentlichung dreier Wikileaks-Dokumente in die Höhe schnellten. Allerdings wollten die Besucher nach Auskunft der Google-Statistik gar nicht wissen, was die Amerikaner über Gordon Brown denken, sondern sie hatten die Suchbegriffe „voluptuous ukrainian nurse“ eingegeben. Um ihnen eine Freude zu machen, veröffentlichten die Briten von „redragonline“ nach eigenem Bekunden, „ein zufällig ausgewähltes Foto einer vollbusigen ukrainischen Blondine“. Das Bild hat sich rasend schnell im Netz verbreitet.
Näher kam der Wahrheit schon der Schweizer "Blick", der ebenfalls 29. seinen Artikel über die Wikileaks-Indiskretion immerhin mit einem Foto illustrierte, das Gaddafi tatsächlich mit einer seiner – laut der Botschaft in Tripolis – vier ukrainischen Krankenschwestern zeigt. Dass diese Frau Galina Kolotnytska sei, war natürlich nur eine Vermutung mit der Wahrscheinlichkeit von 1:3. Es hat ging trotzdem genauso schnell um die Netzwelt wie das eindeutige Fake-Foto von redragonline.
Doch natürlich ließ die Geschichte auch ukrainischen Journalisten keine Ruhe. Und nun weiß man dank der Zeitung Segodnya endlich wie die – vermutlich – echte Galina Kolotnytska aussieht. Denn die Reporter von Segondnya haben angeblich ihre 20 Jahre alte Tochter Tatiana gefunden. Die junge Frau, so schreiben sie, sei entsetzt über die amerikanischen Diplomaten, die ihrer Mutter eine Affäre mit dem libyschen Revolutionsführer nachsagen: "Meine Mutter – eine Geliebte von Gaddafi? Was für ein Unsinn."
Gerade habe die Tochter Galina Kolotnytska in Libyen im Urlaub besucht und dementiert nun aufs heftigste jedes erotische Verhältnis ihrer Mutter zu Gaddafi. Sie sei ganz einfach nur die Pflegerin des 68-jährigen. Tatiana Kolotnytska empfing die Journalisten in dem fünfstöckigen Plattenbau in der Stadt Browary, nicht weit von Kiew, wo sie zusammen mit ihrer Großmutter lebt (der Vater ist gestorben), ließ sie aber nicht in die Wohnung, sondern sprach nur im Treppenhaus mit ihnen.
Nach Aussagen von Tatiana ist ihre Mutter vor neun Jahren nach Libyen gegangen. Vermittelt worden sei sie durch eine Agentur, die in der Ukraine medizinisches Personal fürs Ausland suchte: "Wir hatten damals finanzielle Probleme, und so entschloss sich meine Mutter zu gehen." Galina Kolotnytska, die in Kasachstan ausgebildet wurde, habe dort zunächst in einem Krankenhaus als Oberschwester gearbeitet und sei dann in den persönlichen Dienst Gaddafis getreten. Die heute 39-Jährige sei aber nur eine von mehreren ukrainischen Krankenschwestern des Diktators: "Aus irgendeinem Grund traut er libyschen Schwestern nicht."
Die Arbeit sei hart. Oft erfahre ihre Mutter erst fünf mit Minuten vor dem Abflug, dass sie mit Gaddafi auf eine Reise gehen solle. Laut Tatiana schätze er ihre Mutter vor allem als medizinische Fachkraft: "Während seines Staatsbesuches kürzlich in der Ukraine dankte er meiner Großmutter dafür, dass sie solch eine hervorragende Krankenschwester zur Welt gebracht habe." Er schenkte ihr eine Uhr mit seinem Bildnis, was in Libyen als hohe Auszeichnung gelte. Obwohl Galina Kolotnytska in einer 4-Zimmer-Wohnung lebe und sie gut verdiene, sagt ihre Tochter, sie habe Heimweh und wolle sobald wie möglich wieder in die Ukraine zurück. Sie fände es sehr anstrengend, in der Wüstenhitze zu arbeiten (bekanntlich lebt der Beduinenspross Gaddafi ja die meiste Zeit in einem Zelt) und habe sich nie recht an die Sprache und Kultur des Landes gewöhnen können.
Segodnya hat offenbar das Familienalbum der Kolotnytskas komplett gekauft und zeigt eine ganze Bildergalerie mit Fotos von Galina. Das Gruppenbild mit Gaddafi sieht übrigens extrem gefotoshoppt aus. So als hätte der Chefredakteur irgendwann gesagt: "Ist ja alles schön und gut, aber wir brauchen auch noch ein Foto mit IHM!"
Welche Konsequenzen diese ganzen Indiskretionen und Spekulationen für Galina Kolotnytska haben werden, mag man sich gar nicht ausmalen. Schwer vorstellbar, dass ein so paranoider und verrückter Charakter wie Gaddafi sie danach noch genauso vertrauensvoll in seinem inneren Kreis walten lässt wie bisher. Dass der Diktator auch gegenüber Krankenschwestern keinerlei Rücksicht nimmt, beweist, der Fall von vier bulgarischen Berufskolleginnen Galina Kolotnytskas. Sie wurden in Libyen acht Jahre lang festgehalten und gefoltert, weil sie angeblich libysche Kinder mit Aids-verseuchten Blutkonserven infiziert haben sollen. Erst 2007 kamen sie auf Intervention des französische Präsidenten Nicolas Sarkozy frei.














