Italiens ehemaliger Außenminister Massimo D’Alema sprach von einer „Systemkrise“. Damit meinte er jedoch nicht die brisante Veröffentlichung geheimer Depeschen des Außenministeriums in Washington im weltweiten Netz , sondern den Zustand der italienischen Politik, der endlich nur noch von einer – natürlich neuen – „Regierung der nationalen Verantwortung überwunden werden könne. Der gegenwärtige Außenminister Franco Frattini hingegen bezeichnete den Dammbruch der Veröffentlichungen mit gebührendem Pathos als einen „11. September der Weltdiplomatie“. Es ist eine Einschätzung, die in Zukunft für dieses Ereignis sicher noch oft zitiert werden wird.
Dabei kamen die Italiener in dem Super-GAU der gebrochenen Vertraulichkeiten noch relativ gut weg. Ihr Premier Silvio Berlusconi sei lediglich „unfähig, inkompetent, aufgeblasen und ineffektiv“ haben sie am Sonntag durch das Leck von Wikileaks erfahren. Im Westen nichts Neues also? Nicht ganz. Denn wegen der besonderen Qualität seiner Männerfreundschaft mit Putin müsse er gewissermaßen auch als der insgeheime „Sprecher“ und Anwalt Moskaus in Europa begriffen werden.
Davon zeuge etwa auch die unverhältnismäßig große Zahl gegenseitiger Geschenke – von denen es das überdimensionierte Bett des Premiers in den Geständnissen des Callgirls Patricia D’Addarios vor Jahren schon zu literarischer Berühmtheit gebracht hat, als sie dasselbe Bett im Detail im Zusammenhang ihrer intimen Zusammenkünfte mit dem Cavaliere beschrieben hat, dem amerikanische Diplomaten nun auch noch bescheinigten, er sei „politisch und körperlich schwach und müde wegen seiner vielen Partys“. Zur nötigen Erholung komme der alte Mann deshalb leider kaum. Das private Vergnügen sei ihm offensichtlich wichtiger als das Wohl der Nation. An den Zielen des Projekts Europa sei er völlig desinteressiert.
Grosso modo erfuhr das italienische Volk jetzt aus Amerika also noch einmal das über ihren Regierungschef, was die nationale Opposition schon seit Jahren nicht müde wird, den Italienern nahezubringen. Auch die Quellen vieler dieser Informationen der amerikanischen Beobachter schienen damit auf einmal sehr durchsichtig zu werden. Dennoch hieß es nach den Enthüllungen aus den Reihen der PD (Partito Democratico), dass hier wieder einmal mehr das ganze Ausmaß offenbar werde, mit dem Berlusconi das Bild des Landes international beschädige und in Misskredit bringe. Nur dem 74-jährigen Cavaliere selbst haben die Nachrichten aus Übersee zuallererst wieder einmal und offensichtlich in seinem virilen Stolz geschmeichelt – bevor er „laut und gut darüber gelacht“ haben soll wie über einen Witz, wie die Nachrichtenagentur ANSA vermeldet.




