Integration andersrum

Als einziger Deutscher, von Türken umzingelt

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Werner Felten

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Wie ist das, als einziger Deutscher mit Türken zusammenzuarbeiten – in Deutschland? Eine Anthropologie aus deutscher Sicht.

Das mit der Integration der Türken scheint einfach nicht zu funktionieren. Im Allgemeinen ist man der Auffassung: Wenn die erst mal alle Deutsch können – damit sind natürlich die Türken gemeint –, dann wird das schon irgendwie. Der einzige Haken an dieser Überlegung: Es können viele Deutsch. Warum funktioniert es trotzdem nicht?

Es gibt doch so viele Dinge, die Deutsche und Türken gemeinsam haben. Die Deutschen lieben ihren Fernseher genauso sehr wie die Türken: Hier wie dort wird etwa drei Stunden am Tag in die Röhre oder auf den Flatscreen geschaut. Die Türken lassen das Gerät allerdings fast den ganzen Tag an, auch wenn sie nicht immer hinschauen.

Der Fernseher wird wohl als zweite Lichtquelle genutzt. Durch die intensive Nutzung gehen die Geräte natürlich auch schneller kaputt. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum in türkischen Haushalten immer die neuesten Modelle stehen. Aber noch lange keine Erklärung, warum die Integration nicht gelingt.

Die Familie

Der größte Unterschied zwischen den sonst gar nicht so unterschiedlichen Wertesystemen ist der Stellenwert der Familie. Für viele Deutsche ist die Familie ein Unwert geworden. Die Türken dagegen wollen nicht kinderlos bleiben, zehn Katzen großziehen und in einer abbezahlten Fünf-Zimmer-Eigentumswohnung leben.

Zumindest noch nicht. Deshalb spielt die Hochzeit eine entscheidende Rolle im Leben der Türken, auch in Deutschland. Während ihre Bedeutung bei einem Großteil der Deutschen erst hinter der des Kaufs eines neuen Autos rangiert, ist die türkische Hochzeit ein zentrales Ereignis für die gesamte Familie.

Da werden gerne mal 10.000 Euro und mehr investiert. Denn mit der Hochzeit wird schließlich auch die soziale Stellung der Familie in der Gemeinschaft zementiert. Bei den Deutschen dagegen könnte es in Zukunft ein guter und sinnvoller Brauch werden, wenn das Hochzeitspaar gleich die Scheidungsanwälte ihres Vertrauens als Trauzeugen mit vor den Altar brächten.

Als ich zum ersten Mal eine türkische Hochzeit besuchte, war ich überwältigt. Wir, also meine Frau und ich, und natürlich auch unsere Kinder, waren zur Hochzeit eines türkischen Kollegen eingeladen. Die Kinder hatten schnell abgewinkt. Für eine akzeptable Entschuldigung dafür, dass sie nicht mitkamen, musste ich lügen.

Mein Sohn hatte mir den entscheidenden Tipp gegeben: „Sag einfach, wir haben uns mit dem Ebola-Virus infiziert.“ „Und was ziehen wir da an?“, fragte meine Frau. „Na was wohl, dunkler Anzug und festliches Kleid. Es ist ja schließlich eine Hochzeit.“ – „Welches Geschenk?“ – „Na wie immer. Irgendeine Kleinigkeit für den Haushalt. Aber kein Nudelholz. Wir wollen ja nicht, dass mit dem Ding irgendwann die Schwiegermutter erschlagen wird.“

Wir waren nicht pünktlich zur angegebenen Uhrzeit da, so viel hatte ich schon gelernt. Kein Türke kommt pünktlich. Aber dass die angegebene Adresse stimmt, hatte ich nicht glauben wollen. Das Fest fand tatsächlich in einem großen städtischen Gemeindezentrum statt. Im Foyer war schon eine Menge los und wir erblickten einige Menschen in ballonseidenen Jogginganzügen.

Das waren eindeutig keine Deutschen vom Campingplatz. Meine Frau und ich schauten uns ungläubig an. Das sind wahrscheinlich die Leute vom Cateringservice, bemerkte ich. Im Saal befanden sich dann um die 1000 Gäste. Vom edlen Outfit bis zum besagten Sportdress war so ziemlich alles dabei.

Es wurde ein langes Fest. Mit dem Brautpaar sprachen wir geschätzte 60 Sekunden. Es war eine kurdische Hochzeit. Da war es selbstverständlich, dass jeder, der das Brautpaar kannte, einfach einmal vorbeikam und ebenfalls bewirtet wurde.

Auch die Geschenke waren typisch kurdisch: Ich heftete dem Bräutigam, wie alle anderen auch, einen Geldschein an den Anzug. Unser mitgebrachtes Geschenk ließen wir stecken. Meine Frau freute sich, hatten wir doch jetzt etwas Schönes für unseren Haushalt.

Es folgten noch viele Einladungen und Besuche bei türkischen Hochzeiten. Wir haben gelernt uns zu erkundigen, aus welchem Kulturkreis der Türkei die Familien der Brautleute stammten. Denn nicht immer ist Bargeld angebracht.

Die Gastfreundschaft

Geradezu vorbildhaft ist die deutsch-türkische Gastfreundschaft, die Sie bitte auch immer loben sollen. Denn auf diese ist der Deutschtürke genauso stolz wie auf so viele andere Dinge. Dass auch viele andere Kulturen und Nationen sich ihrer gastfreundlichen Art rühmen, ist dem Deutschtürken egal, seine ist die beste. Kurioserweise hat der Deutschtürke zwar viele Gäste, aber Deutsche sind selten darunter zu finden.

Das beruht darauf, dass gelungene Geselligkeit bei den Deutschen oft auf der Grundlage von Alkoholkonsum stattfindet. Und der findet in türkischen Familien nicht statt. Also werden die Deutschen erst gar nicht eingeladen. Wenn doch, dann nur ein ausgewählter Kreis, dem man trauen kann und vor dem man sich nicht für seine türkische Art der Familienzusammenkunft schämen muss.

Wenn Sie Kinder haben sollten, egal wie viele und wie alt: bitte mitbringen. Wenn diese nicht gewillt sind, Sie zu begleiten, es nicht den Gastgebern sagen, er wird Sie sonst nötigen, stehenden Fußes nach Hause zu fahren oder dorthin, wo sich Ihre Kinder aufhalten, um sie zu holen. Denn ein Familienfest ohne Kinder kann es nach türkischer Ansicht nicht geben.

Und fürchten Sie sich nicht vor Hausmusik auf türkischen Instrumenten, die Ihr an CD-Anlagen und MP3-Player gewöhntes Gehör empfindlich stören wird. Außerdem werden Sie zum Mitsingen und -tanzen aufgefordert.

Das ist eine unendlich schwierige Angelegenheit: Denn erstens können Sie die türkische Sprache nicht sprechen und beim besten Willen auch nicht singen, und zweitens sind Ihnen die Rhythmen zum Tanzen völlig fremd.

Aber sich auszuschließen gilt als unfreundlich und ungehörig. Machen Sie daher einfach mit und Sie werden schnell feststellen, dass auch die meisten Deutschtürken nicht singen und tanzen können.

Die Älteren unter den Deutschen können sich noch daran erinnern, dass ihre Großeltern erzählt haben, dass es bei ihnen früher auch solche Geselligkeiten gab. Erzählen Sie es Ihren deutsch-türkischen Gastgebern und Sie werden nur ungläubiges Staunen ernten.

Die Kinder

Ein deutsches Restaurant zu besuchen ist für die meisten Türken schlicht undenkbar. Dies nicht wegen des Schweinefleischs, da kommt man noch drum herum. Viel schlimmer für türkische Familien ist, dass in deutschen Restaurants im Beisein von Kindern Alkohol getrunken wird.

Das ist es, was sie von unseren Gaststätten fernhält. Aber auch wenn sie einmal in die Versuchung kommen sollten: Die Kleinen würden sich bei solch einem Besuch unglaublich langweilen – sie wären wahrscheinlich die einzigen Kinder im ganzen Lokal.

Auch in deutsche Haushalte verirren sich junge, frisch verheiratete Türken immer seltener. Sobald sie Kinder bekommen, werden sie von ihren deutschen Freunden mitleidig angeschaut. Früher oder später wird ihnen sogar Hausverbot erteilt – aus Angst, dass die Babys die teuren Designermöbel zerkratzen oder den Teppichboden beflecken könnten. Außerdem haben die Katzen Angst vor Kindern. So kommt es, dass selbst junge Türken immer weniger deutsche Freunde haben.

Die Moral

Die Fixierung vieler Türken auf die eigene Familie führt für viele zu einer Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft. Für manche wird sie aber auch zu einem Spagat: Wir suchten für ein Plakat, welches Partyveranstaltungen bewerben sollte, eine junge Türkin als Modell.

Nicht dass sie besonders freizügig auf dem Plakat gezeigt werden sollte, aber sie sollte das Publikum abbilden, welches sich auf diesen Events einfindet. Junge Männer und Frauen, die sich rausputzen, um Spaß zu haben. Bei dieser Gelegenheit zeigen die Frauen auch gern, was sie haben. Eine junge Dame hatte Fotos eingereicht, die uns gut gefielen. Sie zeigten sie mit einem Bikini-Oberteil und einer Lederhose gekleidet beim Tanzen.

Wir wurden uns schnell einig, dass sie das Plakatgirl sein sollte. Auch beim Gespräch war sie recht offenherzig angezogen. Alles ging seinen werbetechnisch festgelegten Gang. Kurz bevor die Plakate öffentlich gezeigt werden sollten, rief sie mich ganz aufgeregt an.

Sie fragte, ob denn die Plakate auch in dem Stadtviertel, in dem ihre Eltern wohnen, gezeigt würden. Natürlich, sagte ich, überall in der Stadt. Das geht nicht, denn meine Eltern dürfen mich so nicht sehen. Zu spät, meinte ich. Wie sie denn gekleidet sei, wenn sie ihre Eltern besuche, war meine Frage. „Natürlich nicht so wie damals in Ihrem Büro“, antwortete sie. „Wenn ich meine Eltern besuche, trage ich ein weites Sweatshirt.“ Au weia. Da hatten wir bzw. sie bzw. ihre Eltern bzw. unsere Gesellschaft etwas angerichtet! Klassischer Kulturkonflikt.

Werner Felten war – nach journalistischer Arbeit unter anderem für den SWF – bis 2007 acht Jahre lang als einziger Deutscher unter türkischen Mitarbeitern Geschäftsführer und Programmdirektor beim türkischsprachigen Radiosender Metropol FM in Berlin. In dieser Zeit hat er die türkische Sprache gelernt. Heute ist er selbstständiger Medienunternehmer.