Geheiminformationen

Wikileaks und der Datenschmuggel mit Lady Gaga

US-Soldat Bradley Manning half der Enthüllungsplattform mit kreativen Methoden und sitzt jetzt in Untersuchungshaft.

Foto: AFP

Bradley Manning habe sich als eine Art James Bond gesehen, sagt Jordan Davis, ein früherer Freund des US-Soldaten, der Abertausende geheime Dokumente über die Kriege in Afghanistan und im Irak stahl. Aber der 23-jährige Gefreite begriff sich offenkundig als Geheimagent im Dienst der Öffentlichkeit, nicht im Sold einer Regierung.

Manning, der Zuträger für spektakuläre Scoops der Internetplattform Wikileaks, mailte vor Monaten dem Computerhacker Adrian Lamo: „Ich mein', wenn ich ein üblerer Typ wäre. Ich hätte doch auch an Russland und China verkaufen und Kasse machen können?“ – „Warum tatest du das nicht?“, frage Lamo, der Manning später an die Behörden verriet. – „Weil das öffentliche Daten sind. Sie gehören in die Öffentlichkeit. Informationen sollen frei zugänglich sein. Weil ein anderer Staat nur versuchen würde, Vorteile aus den Informationen zu ziehen.“

Im Gefängnis in Quantico in Virginia wartet Manning auf einen Prozess wegen Geheimnisverrats. 52 Jahre Haft drohen dem Sohn einer Waliserin und eines vorübergehend in Wales stationierten US-Soldaten. Manning, geboren in Oklahoma, aber nach der Scheidung der Eltern mit seiner Mutter in deren Heimat zurückgekehrt, wird in Einzelhaft gehalten und soll als selbstmordgefährdet gelten.

Offiziell beschuldigt wird Manning bislang nur der Weitergabe des Videobands aus einem US-Hubschrauber, aus dem im Jahr 2007 in Bagdad auf Zivilisten geschossen wurde. Unter den angeblichen „Aufständischen“ war mindestens ein Reuters-Journalist, stellte sich später heraus. Die Veröffentlichung der brutalen Bilder auf Wikileaks heizte die Debatte um das Vorgehen der USA im Irak-Krieg an. Am 20. Mai wurde Manning verhaftet.

In der Affäre um rund 90.000 ebenfalls klassifizierte Dokumente zum Afghanistan-Krieg, die zum größten Teil von der Enthüllungsplattform am vorletzten Wochenende ins Netz gestellt wurden, wurde Manning, der Hauptverdächtige, noch nicht offiziell beschuldigt. Derzeit sucht das FBI in Boston beim Massachusetts Institut of Technology (MIT) nach möglichen Mittätern, weil sie einer einzelnen Person das Entschlüsseln, Komprimieren und Kopieren dieser Datenmenge nicht zutrauen. Manning besuchte im Januar bei einem USA-Aufenthalt Boston.

Obwohl der junge Mann ein problematisches Verhältnis zu seinem Vater hatte, war er vor vier Jahren nach dem Abschluss der Schule zu ihm in die USA zurückgekehrt. Er jobbte für den Mindeststundenlohn von 6,50 Dollar unter anderem in einer Pizzeria, zog nach Potomac nahe der Hauptstadt Washington und verpflichtete sich schließlich bei der Armee. Anschließend wollte er an einer Universität studieren.

Manning war in Bagdad als „Intelligence Analyst“ mit der Auswertung geheimdienstlicher Erkenntnisse für die Truppe befasst. Vom „Specialist“ (Hauptgefreiter) wurde er unlängst wegen eines Vorfalls, der nicht im Zusammenhang mit der Datenweitergabe stand, degradiert zum „Private First Class“ (Obergefreiter). Manning hatte also keinen hohen Rang, aber Zugang zu geheimsten Daten der Kategorie „Top Secret/SCI“ (Sensitive Compartmentalized Information). Die klassifizierten Dokumente, die er weitergab, fielen allerdings nicht in den Top-Secret-Bereich. Ob Manning hier nicht fündig wurde oder davor zurückschreckte, ist unklar.

Die Aneignung der Daten war ein Kinderspiel. Im Chat mit Lamo, der sich ihm gegenüber als Journalist ausgab, schrieb Manning laut den im Technologie-Magazin „Wired“ veröffentlichten Auszügen: „Lustig dabei: Wir übertrugen so viele Daten auf unmarkierte CDs. Jeder tat das. Videos, Filme, Musik. Alles ganz offen. CDs zu den Computern bringen und wieder wegnehmen war/ist ganz gewöhnlich.“ Er sei einmal mit einer CD gekommen, „mit einem Label wie ‚Lady Gaga', habe die Musik gelöscht, dann einen komprimierten Auszug aus den Unterlagen übertragen. Niemand hatte irgendeinen Verdacht. Ich musste gar nichts verstecken.“

Seinem späteren Verräter schrieb Manning auch von Problemen bei der Armee und von persönlichem Frust. Eine Beziehung sei zerbrochen. Ob es sich dabei um eine Frau oder einen Mann handelte, bleibt offen. Frühere Bekannte berichten, Manning habe sich als 13-Jähriger als homosexuell geoutet.

„Ich war so lange isoliert“, klagt Manning etwa. „Ich wollte einfach nur nett sein und ein normales Leben führen. (...) Aber die Ereignisse zwangen mich, nach Wegen zum Überleben zu suchen. (...) Intelligent genug, um zu begreifen, was passierte, aber hilflos, etwas zu tun. (..) Niemand beachtete mich.“

Dabei zumindest ist es im Leben des Gefreiten Bradley Manning nicht geblieben.

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