Argentinien

Kirchner – Kampf gegen Homo-Ehe ist wie Inquisition

Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner unterstützt die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Ihre Motive sind aber umstritten.

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Carlos Gardel war der uneheliche Sohn einer Bügelfrau und wurde nicht einmal in Argentinien, sondern dem französischen Toulouse geboren. Dennoch ging er als Erfinder des melancholischen Tangos in die argentinische Geschichte ein. Gardel pflegte die Allüren eines Lebemannes und ließ sich gern in Begleitung von leichten Damen sehen. Dennoch wurde immer wieder gemunkelt, dass sein wirkliches Interesse jungen Männern gegolten habe. Und kein geringerer als Jorge Luis Borges, der größte Schriftsteller des Landes, warf ihm vor, den argentinischen Tango durch seine eindeutig weiche Melodik "verweiblicht" zu haben.

Als Gardel 1935 im kolumbianischen Medellín bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, war Homosexualität in Argentinien absolut tabu: Es wäre unmöglich gewesen, dass das Idol einer ganzen Nation sich geoutet hätte. Das hatte sich in den letzten Jahrzehnten schon deutlich geändert und viele Argentinier bekennen sich längst offen zu ihrer Homosexualität. Buenos Aires gilt neben Rio de Janeiro als Homo-Mekka in Lateinamerika. Im letzten Jahr war die Homo-Ehe in der Hauptstadt Buenos Aires legalisiert worden.

Nach einer Mammut-Debatte von 14 Stunden hat der argentinische Senat den Weg frei gemacht für ein Gesetz, das die Legalisierung der Homo-Ehe nun in ganz Argentinien ermöglichen soll: 33 Senatoren stimmen für die Gesetzesinitiative, 27 dagegen, drei enthielten sich der Stimme. Damit werden in Argentinien als erstem Land Lateinamerikas die Ehen von zwei gleichgeschlechtlichen Partnern derjenigen von heterosexuellen Paaren in absolut jeder Weise gleichgestellt.

Adoptionsrecht war der zentrale Konflikt

Bisher gibt es im kleinen Nachbarland Uruguay seit 2007 eheähnliche Verbindungen, ebenso in einigen Bundesstaaten Mexikos und Brasiliens. In der mexikanischen Hauptstadt, einer weiteren Homo-Hochburg in der Region, gibt es die Ehe unter gleichgeschlechtlichen Partnern ebenfalls seit einiger Zeit. Der Oberste Gerichtshof Kolumbiens hat gleichgeschlechtlichen Partnern vor kurzem Erbschaftsrechte garantiert.

Mehr als alles andere war in Argentinien die Tatsache umstritten, dass in Zukunft Partner einer Homo-Ehe auch Kinder adoptieren können. Dagegen wandten sich sowohl die katholische Kirche, wie auch viele andere christliche Gruppierungen und Familienverbände. So bekräftige Kardinal Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, dass Kinder das Recht hätten von einem Vater und einer Mutter erzogen zu werden. Bergoglio und Präsidentengatte Néstor Kirchner sind seit langem auf das heftigste verfeindet. Sowohl Néstor wie auch seine Frau Cristina behaupteten, der Kardinal trete für "überholte Lebensformen" ein. Frau Kirchner sagte, der Kampf der katholischen Kirche gegen die Homo-Ehe erinnere "an die Inquisition".

Keine klare Linie im Kirchner-Lager

In Argentinien glauben viele, dass die Präsidentin sich des Themas bemächtigte, um damit die Rückkehr ihres Mannes auf die politische Bühne vorzubereiten. Néstor Kirchner war Präsident Argentiniens von 2003 bis 2007. Da eine direkte Wiederwahl ausgeschlossen ist, ließ er seine Frau im Herbst 2007 kandidieren. Bei den Wahlen im Herbst 2011 könnte Kirchner selbst sich wieder aufstellen lassen.

Die Debatte im Senat zeigte allerdings nicht nur, wie stark die Mitglieder der zweiten Kammer über diese Frage uneins sind. Sondern sie zeigte auch deutlich, dass es gerade im Peronismus, also Kirchners eigener politischer Gruppierung, keine klare Linien gibt: Der Flügel des Präsidentenehepaar, Frente para la Victoria, war komplett dafür, der Peronismus in den meisten Provinzen hingegen dagegen.

Miguel Angel Pichetto, Senatspräsident und Anhänger des Kirchnerblocks, ging bei der Debatte sogar soweit, die Senatorin Liliana Negre de Alonso, eine prominente Gegnerin des Gesetzesvorhabens und Peronistin aus dem Landesinnern, als "Nazi" zu verunglimpfen. Am Ende der Debatte triumphierte der Kirchner-Vertraute Anibal Fernández: "Argentinien hat mit dieser Abstimmung wieder einmal bewiesen, Vorreiter für fortschrittliche Gesetzgebung in Lateinamerika zu sein."

Homo-Ehe könnte Ablenkungsmanöver sein

Im traditionell liberalen Buenos Aires können die Kirchners mit dieser auf jeden Fall viel Sympathie einheimsen: Hier zeigen Meinungsumfragen eine deutliche Mehrheit für das Gesetz. Allerdings hat in der Hauptstadt noch niemals der Peronismus gewonnen, seine Kraft bezieht er aus den Provinzen, vor allem der größten des Landes, also der Provinz Buenos Aires. Meinungsumfragen zeigen dort wiederum, dass sich Befürworter und Gegner des Gesetzes die Waage halten.

Manche politischen Beobachter sehen im Kampf der Kirchners für die Homo-Ehe nur ein geschicktes politisches Ablenkungsmanöver. Denn die Hinweise auf ihre Verwicklung in die wachsenden Korruptionsaffären reißen nicht ab. Dabei wird immer klarer, dass sie eindeutig Teil des Bestechungsnetzwerkes sind, dass der ehemalige argentinische Botschafter in Caracas Eduardo Sadous in diesen Tagen aufgedeckt hat.