Nordkorea hat nach dem Beschuss einer südkoreanischen Insel durch seine Streitkräfte mit weiteren Militärschlägen gegen das Nachbarland gedroht. Die oberste Kommandostelle der Volksarmee beschuldigte Südkorea, das Feuergefecht zwischen den Streitkräften beider Länder vor der Westküste verschuldet zu haben. Südkorea hatte dem kommunistischen Nachbarland zuvor militärische Provokation vorgeworfen.

Nach südkoreanischen Angaben feuerte Nordkorea mehr als 100 Granaten über dem Gelben Meer in Richtung Südkorea ab. Rund 50 davon seien auf der Insel Yonpyong vor der Westküste eingeschlagen. Zwei Marinesoldaten seien getötet und zahlreiche Menschen verletzt worden.

„Sollte die südkoreanische Marionettengruppe es wagen, auch nur 0,0001 Millimeter in Nordkoreas Hoheitsgewässer vorzudringen, wird die revolutionäre Streitmacht nicht zögern, weiter gnadenlose militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen“, hieß es in der von den staatlichen nordkoreanischen Medien veröffentlichten Erklärung des Truppenkommandos. Im Geben Meer gelte nur die von Nordkorea selbst gezogene Grenzlinie, hieß es. Mit „Marionettengruppe“ beschimpft Nordkorea üblicherweise die Regierung in Seoul.

Südkoreanische Militärs wiesen die Anschuldigungen Nordkoreas zurück. Bei einer Seeübung der südkoreanische Marine zum Zeitpunkt der Zwischenfalls habe es sich um ein jährliches Manöver gehandelt, zitierte die nationale Nachrichtenagentur Yonhap einen Militärvertreter. Die Übung habe 20 bis 30 Kilometer südwestlich von Yonpyong stattgefunden. Nordkorea hatte zuvor gegen die Übung heftig protestiert.

Der nordkoreanische Artillerie-Angriff auf die Insel traf die Bewohner trotzdem völlig unerwartet. In Panik flüchteten sie sich in Bunker, als dutzende Granaten auf Yeonpyeong niedergingen. Andere ließen alles stehen und liegen, um eine der letzten Fähren zum Festland zu erreichen. Von „Todesangst“ berichten die Inselbewohner und können es nicht fassen, dass ihre kleine Insel zum Brennpunkt des seit Jahrzehnten schwelenden Konflikts mit Nordkorea wurde.

„Blitze und ein Donnern waren an verschiedenen Stellen in unserem Dorf zu sehen“, berichtet Woo Soo Woo in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AFP. „Verängstigte Dorfbewohner eilten zu nahe gelegenen Luftschutzräumen, während andere in Scharen zum Hafen rannten, um zu fliehen.“ Auch Woo hetzte ohne langes Überlegen zum Hafen und rettete sich mit einer Fähre in die große Hafenstadt Incheon auf dem südkoreanischen Festland. Der 62-jährige Besitzer einer Pension ist immer noch geschockt. Auf Yeonpyeong sei noch nie ein Granatangriff verübt worden, sagt Woo. Durch den Beschuss wurden zwei südkoreanische Soldaten getötet und 15 weitere verwundet, auch drei Zivilisten erlitten Verletzungen.

Die sieben Quadratkilometer große Insel, die von etwa 1600 Zivilisten bewohnt wird, ist wegen ihrer Lage gefährdet. Sie befindet sich im Gelben Meer in der Nähe der Seegrenze, welche die Vereinten Nationen nach dem Ende des Korea-Kriegs 1953 gezogen hatten. Nordkorea erkannte die Grenze nie an, immer wieder gab es in dem Gebiet zwischen den beiden koreanischen Staaten Scharmützel bis hin zu Seeschlachten.

Zur Sicherung der Insel und der umliegenden Gewässer ist auf Yeonpyeong ein südkoreanisches Truppenkontingent stationiert. Unmittelbar vor dem nordkoreanischen Artillerie-Angriff hätten die südkoreanischen Soldaten eine Militärübung abgehalten, sagt Woo.

Die 52-jährige Inselbewohnerin Han Mi Soon erzählt der Nachrichtenagentur Yonhap nach ihrer Flucht nach Incheon, dass sie den nordkoreanischen Granatenbeschuss erst für eine Militärübung gehalten habe. „Aber dann sah ich überall Rauchsäulen über den Häusern aufsteigen und Soldaten um uns herum sagten, die Lage sei 'real'.“ Die Soldaten hätten ihr und ihrer Familie geraten, in einen Luftschutzraum zu fliehen, und hätten dann selbst das Weite gesucht.

„Wir rannten um unser Leben“, erzählt Han. Als sie am Hafen angekommen seien, habe die Fähre bereits abgelegt. „Ich schrie mit 20 anderen und winkte sie zurück zu uns“, schildert Han ihre dramatische Flucht. Weil sie beim Rennen zur Fähre ihre Schuhe verloren habe, sei sie barfuß an Bord gegangen. Später wurde aus Sicherheitsgründen der gesamte Schiffsverkehr rund um die Insel ausgesetzt, fast 90 Fischkutter und zwei Passagierdampfer in der Umgebung wurden in sichere Gewässer eskortiert.

Nach ihrer Rückkehr zu ihren Häusern werden für die Bewohner von Yeonpyeong die Spuren des Granatenangriffs nicht zu übersehen sein. Auf einigen Hügeln der Insel lösten die Explosionen der Granaten Waldbrände aus. Auch mehrere Häuser gerieten in Brand. Dichte Rauchschwaden hingen über der Insel, die Stromversorgung wurde komplett lahmgelegt. Ein 52-jähriger Bewohner bringt die Fassungslosigkeit über das Chaos und die Zerstörung gegenüber Yonhap auf den Punkt: „Ich lebe hier in dem Dorf, in dem ich auch geboren wurde, aber ich habe noch nie etwas Derartiges gesehen.“

AFP/dpa/jm