Winnenden

Nach Amoklauf Gefahrenzulage für Lehrer gefordert

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Unter den 16 Toten nach dem Amoklauf von Winnenden sind auch drei Lehrer. Der Deutsche Philologenverband stellt deshalb eine ungewöhnliche Forderung: Weil Pädagogen immer häufiger Opfer von Gewalt und Mobbing durch Schüler sind, fordert er eine Gefahrenzulage für Lehrer.

Nach dem Amoklauf in Winnenden streiten sich der Deutsche Philologenverband, Lehrergewerkschaften und die Politik um die Idee einer Gefahrenzulage für Pädagogen.

„Für die Lehrer gibt es Wichtigeres als eine Gefahrenzulage – nämlich die Betroffenen vor Ort zu unterstützen, sowie die Vorbereitung auf solche Gefahren und vor allem die Vorbeugung“, sagte der Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg, Matthias Schneider.

Rita Haller vom Realschullehrerverband sagte, die Forderung des Philologenverbands sei „absurd“ und „völlig daneben“. Es werde der Sache nicht gerecht, wenn man alle Jugendliche in die Ecke eines Bedrohungspotenzials stelle. „Unsere Kinder und Jugendlichen sind nicht gefährlich, sondern liebenswerte Menschen, mit denen wir gerne arbeiten.“

Neben der SPD-Fraktion distanzierte sich auch der Chef des Philologenverbandes Baden-Württemberg, Bernd Saur, von der Forderung seines Bundesverbands nach einer Gefahrenzulage. „Eine Zulage schützt mich doch nicht vor dem Erschossenwerden.“

Er fügte hinzu: „Wichtig ist, dass junge Menschen Zuwendung erfahren, eine Vertrauensperson haben.“ Dafür müssten die Lehrer weniger Unterrichtsverpflichtungen haben und mehr betreuendes Personal wie Schulsozialarbeiter und Sozialpädagogen eingestellt werden. Er kritisierte: „Die Kommunen als Schulträger unternehmen hier keine großen Anstrengungen.“ Zudem müsse der Gesetzgeber verbieten, dass Jugendliche am Computer Killerspiele und Pornografie konsumieren könnten, die Gewalt bagatellisierten. Auch die Eltern müssten hier sensibilisiert werden.

GEW-Sprecher Schneider forderte Angebote für Lehrer und Schüler, die jetzt mit Angst in die Schule kämen. „Wir können uns nicht hinter die Forderung der Philologen stellen, denn die Unterstützung der Lehrer muss nicht durch Geld geschehen.“ Das baden-württembergische Kultusministerium verzichtete auf eine Stellungnahme.

Schneider lehnte die Forderung ab, die Schulen über den Waffenbesitz von Eltern ihrer Schüler zu informieren. „Was geschieht dann mit dieser Information? Schulen können doch keine Überwachungsfunktion übernehmen.“ Sie hätten den pädagogischen Auftrag, festzustellen, wenn Schüler abdrifteten und für deren Integration zu sorgen. Überdies gelte es, die Schüler für das Thema Mobbing zu sensibilisieren.

Auch Saur betonte, der Zugang zu Waffen müsse nicht durch immer neue Regeln erschwert, sondern die bestehenden Gesetze intensiver angewandt werden.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Norbert Zeller lehnte eine Gefahrenzulage für Lehrer als „populistischen, unnötigen und dramatisierenden Vorschlag“ ab. „Das ist überhaupt nicht sinnvoll“, sagte der Bildungspolitiker und fügte hinzu: „Es gehört zu den Aufgaben der Lehrer, sich um die Schüler zu kümmern.“ Zeller forderte, mehr Fachkräfte zur Gewaltprävention an den Schulen einzusetzen: „Wenn die Psychologen in den Schulämtern sitzen, bringt das wenig.“

Der Vorsitzende des deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, hatte die Gefahrenzulage für Lehrer ins Gespräch gebracht. „Der Amoklauf hat erneut gezeigt, dass Lehrer in ihrem Beruf immer öfter zum Hassobjekt werden. Man könnte jetzt über eine Art Gefahrenzulage nachdenken“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Zumindest müssten die Lehrer finanziell bessergestellt werden. Damit würde gleichzeitig deutlich gemacht, wie schwierig und komplex der Lehrerberuf geworden sei.

Ein 17-Jähriger hatte am vergangenen Mittwoch in seiner ehemaligen Schule in Winnenden und auf der anschließenden Flucht 15 Menschen und sich selbst erschossen.

( dpa/kami )