Das soll ein Parteitag der Grünen sein? Wo sitzen die strickenden Delegierten? Wo bleiben die hitzigen Debatten? 30 Jahre nach ihrer Gründung als Anti-Parteien-Partei präsentieren sich die Grünen als ganz solide Parteien-Partei. Die Stimmung in der Halle 3 der Freiburger Messe ist unaufgeregt und gelassen. Die Euphorie angesichts der Umfraghochs lässt sich allenfalls erahnen. Jetzt stehen die Wahlen zum Bundesvorstand auf dem Programm.
Die Parteitags-Regie mahnt zur Disziplin: Kurze Bewerbungsreden der Kandidaten, schnelle Abstimmungen. Grünen-Chefin Claudia Roth macht den Anfang. Sie wettert gegen Schwarz-Gelb und die Bundeskanzlerin. Sie spricht von der Arroganz der Macht und der Schwarz-Gelb-Verdrossenheit der Bevölkerung. Langsam redet sie sich in Rage: „Als gelernte Rock’n’Rollerin weiß ich: die Bühnenshow bringt gar nichts, wenn der Song nicht stimmt.“ Die Halle applaudiert und johlt.
Dann ist Claudia Roth nicht mehr zu stoppen. Sie regt sich auf über die „Sarazins und Seehofers“ und die populistische Hetze gegen Menschen mit Migrationshintergrund: „Da werd’ ich wirklich wild“. Leidenschaftlich spricht sie von den Stärken der Grünen, vom Kampf gegen den Klimawandel und für die Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Bei den Landtagswahlen in Berlin und Baden-Württemberg „spielen wir auf Sieg“. Spätestens in diesem Moment hat sie die Delegierten auf ihrer Seite.
Dann wird sie leise: „Mein Name ist Claudia Roth, ich bin Schwäbin aus Bayern. Ich kandidiere für den Bundesvorstand.“ Am Ende erhält sie 79,3 Prozent der Stimmen; 567 von 715 Delegierten stimmen mit Ja. Das ist ein sehr passables Ergebnis, auch wenn es um 3,4 Prozentpunkte geringer ausfällt als bei der Wahl vor zwei Jahren. Damals kam Co-Parteichef Cem Özdemir auf 79,2 Prozent. Jetzt bewirbt er sich, für weitere zwei Jahre der Mann an Claudia Roths Seite zu sein. Der Scherz sitzt, die ganze Halle lacht.
Cem Özdemir kommt auf 88,5 Prozent; das sind 647 von 731 abgegeben Stimmen und eines der besten Ergebnisse bei einer Wahl zum Grünen-Parteichef überhaupt. „Für beide ist das ein Superergebnis“, sagte Bärbel Höhn, Fraktionsvize der der Grünen im Bundestag, "Morgenpost Online". Der Abstand von acht Prozentpunkten spiele ihrer Ansicht nach keine Rolle.
Im Anschluss bestätigt der Parteitag auch Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke mit satten 81,7 Prozent im Amt. Mit der Wiederwahl ihrer Parteispitze demonstrieren die Grünen einmal mehr ihre Geschlossenheit und wappnen sich damit für das Superwahljahr 2011. Steffi Lemke kann es kaum abwarten, dass der Wahlkampf beginnt. „Ich will endlich wissen, was an diesen Umfragewerten dran ist. Ich will sehen, wie die Balken am Wahlabend nach oben gehen.“










