Rückblick

Ohnesorg, Springer und die linke Einäugigkeit

Die Zeitungen des Axel Springer Verlags haben zum Teil aggressiv über die Studentenbewegung der 60er geschrieben. Von genereller Hetze kann aber nicht die Rede sein. Thomas Schmid, Chefredakteur von "Welt", Morgenpost Online und Morgenpost Online und einst selbst in der Studentenbewegung aktiv, wirft einen Blick zurück.

So viel ist sicher: Der 2. Juni 1967 ist ein Wendepunkt deutscher Nachkriegsgeschichte. Er gilt als der Tag, an dem die entstehende, vor allem studentische Protestbewegung in West-Berlin und in der Bundesrepublik einen Schub der Radikalisierung, aber auch eine bisher ungeahnte Verbreiterung erfuhr. Für viele derer, die damals demonstrierend auf die Straße gingen - darunter auch der Verfasser dieser Zeilen -, schien nun klar zu sein, dass dieser Staat kein freiheitlich verfasster, sondern ein demokratisch übertünchter Polizeistaat von postfaschistischer Ausrichtung war. Und für viele derer, die den Protesten skeptisch bis feindselig gegenüberstanden, schien nun endlich erwiesen, was sie schon lange argwöhnten: dass es den Protestierenden nicht um Politik, sondern um den puren Krawall, ja um Terror ging. Beide Sichtweisen haben bis heute überlebt.

Als nun bekannt wurde, dass der Todesschütze Karl-Heinz Kurras nicht nur West-Berliner Polizeibeamter, sondern auch noch SED-Mitglied und Stasi-Mitarbeiter gewesen war, entbrannte schnell eine Diskussion darüber, ob diese Tatsache Anlass sein müsse, das bisher gezeichnete Bild der Rebellion der später 60er-Jahre zu überdenken.

Bei jenen, die in der aufsehenerregenden Entdeckung von Kurras' zweitem Arbeitgeber nichts Besonderes erkennen können, spielt eine Argumentationsfigur eine zentrale Rolle: Ob West-Berliner Polizist oder Ost-Berliner Spitzel - ein autoritärer Charakter sei Kurras so oder so gewesen, nichts Neues also im Westen und im Osten. Und weil es so viele Kurrase gab, hätte es auch ohne den Tod Ohnesorgs die Revolte gegeben.

Die geplanten Notstandsgesetze, die Große Koalition, der Krieg der Amerikaner in Vietnam und die Übermacht der "Springer-Presse": Das seien die wahren Ursachen des Protestes gewesen. Und nun heißt es, die Entdeckung der zweiten Identität von Karl-Heinz Kurras werde vom Axel Springer Verlag so bedenkenlos, uniform und aggressiv wie eh und je genutzt, um 42 Jahre nach dem Tod Ohnesorgs den Protest von damals erneut zu diffamieren und von den eigenen schwerwiegenden Fehlern abzulenken. Für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Öffentlichkeit gehört es offensichtlich nach wie vor zu den sieben Grundweisheiten der Welt, dass der Axel Springer Verlag eine Zentrale aggressiver, manipulativer Kampagnen ist, die zentral gesteuert werden: "ein groß angelegtes Manöver der historischen Manipulation" (Christian Semler, 2009).

Die Mehrheit war ehrlich besorgt

Ich möchte im Folgenden zeigen, dass die Dinge komplizierter liegen und auch vor 42 Jahren schon komplizierter lagen. Ich möchte zeigen, dass Zeitungen des Axel Springer Verlages damals über die Proteste der Studenten teils entstellend, verunglimpfend, herabsetzend und aggressiv berichtet haben - dass sie aber zu einem beträchtlichen Teil ihrer Berichtspflicht nachgekommen sind, dass sie nicht uniform berichteten und auch liberale Gelassenheit an den Tag legten.

Es gibt für diesen Verlag gute Gründe, sein Verhalten von damals zu überdenken. Und es gibt für die 68er und ihre Nachfolger gute Gründe, sich ernsthaft die Frage zu stellen, ob ihrem Urteil über Springer nicht eine kräftige Portion Vorurteil beigemengt war und ist.

Man muss die entstehende studentische Protestbewegung gegen das Bild verteidigen, das in einigen Blättern des Hauses (wenn auch nicht ausschließlich) gezeichnet wurde. Die Mehrheit derer, die gegen Notstandsgesetze, Vietnamkrieg oder Schah-Besuch auf die Straße gingen, war ehrlich besorgt, nahm ein demokratisches Grundrecht in Anspruch und hatte nur friedlichen Protest im Sinn. Überzogene und brutale Polizeieinsätze bestärkte sie in ihrem Bild vom verkappten Polizeistaat, und der Tod von Benno Ohnesorg - ein Tod, der jeden Demonstranten hätte ereilen können - brachte eine Dramatik in die Ereignisse, die viele vermuten ließ, der Faschismus stehe womöglich wieder vor der Tür.

Das verstand man bei Springer nicht gut, man hatte keinen Draht zum Milieu der Protestierenden. Man dachte zu oft in Verschwörungsbegriffen und hielt die Proteste für zentral gesteuert. Schnell wurde bei Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten davon ausgegangen, dass die Gewalt einzig und allein von den Demonstranten ausging (was freilich oft genug auch der Fall war).

"Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen"

Es kam in den Blättern des Hauses zu etlichen Entgleisungen. Zwei davon sind Karikaturen: In der einen werden Demonstranten, die im Februar 1968 das Springer-Hochhaus an der Kochstraße mit einem Steinhagel eindeckten, direkt mit den Nazis verglichen, die 1933 die Scheiben jüdischer Geschäfte einwarfen. Und in der anderen werden drei Demonstranten als brutale, knüppelschwingende Kriminelle dargestellt, und es wird mit der Sprechblase "Enteignet ihm!" suggeriert, die protestierenden Studenten seien in Wahrheit gar keine Studenten.

Dieses Motiv taucht in den Blättern des Hauses mehrfach auf, und dabei schwingt oft das heute unverständliche Sentiment mit, Studenten sollten bitte schön studieren und nicht - "auf Kosten der Steuerzahler" - demonstrieren. In der "Berliner Morgenpost" hieß es am Tag nach Ohnesorgs Tod: "Das Maß ist nun voll ... Wir sind es endgültig leid, uns von einer halberwachsenen Minderheit, die noch meist Gastrecht bei uns genießt, terrorisieren zu lassen." Es war die Rede von "Krawallbrüdern" und von "deutschen Rotchinesen".

Die "B. Z." schrieb am 3. Juni 1967: "Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen." Und der - im Einzelnen durchaus differenzierende - Leitartikel in der "Welt" vom 5. Juni 1967 (Titel: "Freiheit - kein Freibrief für Rowdies") sah die Hauptverantwortung für den Tod Ohnesorgs bei den Demonstranten. Eine Schlussfolgerung des Leitartiklers: "Zugleich ist es notwendig, die Verhältnisse an der Freien Universität endlich zu bereinigen. Für Mao-Anhänger und 'Kommune'-Mitglieder sollte dort kein Platz mehr sein."

Nur durch die Amerikaner konnte der Staat überleben

Zitate wie diese haben die Runde gemacht. In zahlreichen Dokumentationen tauchen sie seit Jahrzehnten als Beweis für die angeblich hetzerische Haltung der Blätter des Axel Springer Verlages auf. Regelmäßig werden sie dabei isoliert zitiert, relativierende Folgesätze werden weggelassen, ebenso wie die Bildunterschrift "So nicht!" zu einem Foto unberücksichtigt bleibt, das einen Polizisten zeigt, der wild auf einen am Boden liegenden Demonstranten einprügelt ("B. Z.", 6. Juni 1967). In allen Kampagnen gegen den Axel Springer Verlag, bei denen übrigens auch Konkurrenten des Hauses mitwirkten, fehlte der Wille, das Haus in seiner Vielschichtigkeit wahrzunehmen. Alles, was dem Bild vom gleichgeschalteten Moloch widersprechen könnte, blieb unberücksichtigt.

Deswegen ist es auch notwendig, die Publikationen und die Haltung des Axel Springer Verlages gegen das Bild zu verteidigen, das seit der Protestbewegung der späten 60er-Jahre gezeichnet wurde. Als Mitte der 60er-Jahre die ersten studentischen Demonstrationen begannen, war Berlin seit ein paar Jahren durch die Mauer geteilt. Nur dank der Unterstützung durch die Amerikaner, die zudem die Deutschen von der Nazi-Herrschaft mitbefreit hatten, konnte die Stadt überleben. Das Bekenntnis zu Amerika und seinen Werten drückte einen deutschen Lernprozess und einen freiheitlichen Überlebenswillen aus.

In dieser Situation musste es vielen bizarr anmuten, dass nun plötzlich junge Leute auf die Straße gingen, rote Fahnen schwenkten und undeutlich von einem nebulösen Sozialismus sprachen, den es zu verwirklichen gelte. Viele konnten das nur als Angriff auf die Stadt, die Republik und deren gerade erst gefestigte demokratische Architektur begreifen. Zumal einem nicht unbeträchtlichen Teil der Demonstrierenden schon recht früh eine gewisse Unduldsamkeit eigen war.

"Alle müssen solidarisch sein"

Andere Meinungen wurden ungern gehört, studentische Vollversammlungen duldeten keinen Widerspruch, die aus dem Exil heimgekehrten liberalen Professoren galten bald als "Scheißliberale", und früh auch setzte eine bewusst betriebe Dynamik der Eskalation ein. Das - erst nur gedankliche - Spiel mit der Gewalt wurde schon bald gespielt. Das musste abschrecken und böse Erinnerungen wachrufen.

Ein unverdächtiger Zeuge mag das belegen: Der legendäre Bundestagsabgeordnete Adolf Arndt, der "Kronjurist" der SPD, schrieb nach den gewalttätigen Übergriffen auf das Springer-Hochhaus an Ostern 1968 in einem Brief an Axel Springer: "Als sei es erst gestern gewesen, steht mir vor Augen, dass Hitlers braune SA die Schaufenster der 'jüdischen' Warenhäuser zertrümmerte. Das war einer der Auftakte zum Völkermord. Die Gewalttaten 'roter' Faschisten gegen Zweigstellen Ihres Verlages erfüllen mich mit Empörung und Abscheu. Dieser Bubenstreich ist gegen Recht und Freiheit gerichtetes Verbrechen. Alle müssen darin solidarisch sein, solchen Wiederanfängen zu wehren." Das mag heute übertrieben klingen, verdient aber zumindest ebenso Verständnis wie die Furcht vieler Demonstrierender, mit dem Tod Benno Ohnesorgs habe dieser Staat sein faschistisches Antlitz enthüllt.

Dass es schlicht Unsinn ist, von der "Springer-Presse" zu sprechen und ihr eine uniforme antiliberale Haltung zu attestieren, beweist ein Blick in die Berichterstattung der "Welt" in den Tagen nach Ohnesorgs Tod. Es genügt eine einfache Dokumentation, nichts Wesentliches ist weggelassen. In der Ausgabe vom 2. Juni 1967 (an dessen Abend Ohnesorg erschossen wurde) erscheint auf Seite 3 ein langer Artikel von Eberhard Nitzschke über iranische Studenten in Berlin.

Die berühmte Szene mit den "Jubelpersern"

Der Artikel schildert deren Lebenssituation, und der Autor kommt nach etlichen Gesprächen zu dem Ergebnis, dass sie zu Recht gegen den Schah eingestellt sind. Die Überschrift: "Zu Hause müssen sie mit Verhaftung rechnen". Am 3. Juni, einem Samstag (Benno Ohnesorgs Tod war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt), lautet die Überschrift auf Seite 1 eher sachlich: "Viele Verletzte bei schweren Krawallen vor der Deutschen Oper", der Text ist nachrichtlich. Auf Seite 9 steht eine Reportage über den Tag zuvor. Die berühmte Szene mit den "Jubelpersern" vor dem Schöneberger Rathaus wird so beschrieben, wie wir sie aus vielen Berichten von Demonstranten kennen: "Plötzlich springen die 'Kaisertreuen' über die Barrieren, drehen ihre Plakate um und schlagen mit den Holzstöcken, einer sogar mit einer Stahlrute, auf ihre Widersacher ein."

In der gleichen Ausgabe widmet sich der bei der Linken verhasste Autor Matthias Walden dem deutsch-amerikanischen Schriftsteller Reinhard Lettau, der - als Ausländer - wegen seines Engagements auf der Seite der Studenten aus Deutschland ausgewiesen werden sollte. In seiner Kolumne polemisiert der Konservative Walden gegen diesen Vorschlag und verteidigt mit Leidenschaft das Recht des Intellektuellen, Unbeliebtes zu sagen: Einer wie Lettau - dessen politische Ansichten er überhaupt nicht teile - sei das Salz in der Suppe, also unverzichtbar.

Auch am Montag darauf ist der Ton der Berichterstattung sachlich, die Überschrift auf Seite 1 lautet, auf einen Beschluss des Berliner Senats unter dem Regierenden Bürgermeister Albertz Bezug nehmend: "Albertz: Demonstrationen werden nicht mehr geduldet". Unterzeile: "Widersprüche um den Tod Benno Ohnesorgs". Der Artikel referiert die Polizeiversion des Tathergangs und die Version von Demonstranten sowie Zeugen, die sich gemeldet hatten. Über die studentischen Debatten an der Freien Universität wird ausführlich und sachlich berichtet.

"Generelles Demonstrationsverbot unzulässig"

Im Lokalteil auf Seite 9 folgt ein großer Artikel mit der Überschrift: "Zeugenaussagen widersprechen Polizeibericht". Ein Schüler, der Ohnesorg als friedlichen Demonstranten erlebt hat, kommt ebenso zu Wort wie der Rechtsanwalt Horst Mahler, der bei der Obduktion der Leiche von Ohnesorg anwesend gewesen war. Tags darauf (6. Juni) erfährt der Leser auf Seite 1 in der Überschrift, dass die Berliner FDP einen Untersuchungsausschuss fordert.

Auf Seite 2 folgt ein Artikel, der sich mit dem vom Senat verhängten generellen Demonstrationsverbot befasst. Überschrift: "Generelles Demonstrationsverbot unzulässig". Der Verfasser argumentiert streng juristisch und kommt zu dem klaren Schluss, Demonstrations- und Versammlungsverbote seien zwar im Einzelfall möglich, fährt dann aber fort: "Das Versammlungsgesetz gibt jedoch keiner Landesregierung, keiner Stadtverwaltung und keinem Polizeipräsidenten die Vollmacht, im voraus generell zu bestimmen, daß - und sei es nur für einen bestimmten Zeitraum - jede angemeldete Veranstaltung zu verbieten sei.

Eine solche Allgemeinverfügung würde, da sie die Gefahr für Sicherheit und Ordnung unterstellt, statt sie zu prüfen, auf die Verhängung eines Ausnahmezustands hinauslaufen." Die komplette Seite 4 widmet sich den Reaktionen auf Ohnesorgs Tod an deutschen Hochschulen, auch hier sachlich. Ein Kommentar auf der Seite sieht ein gutes Maß an Verantwortung für die Eskalation bei den Studenten, kritisiert aber auch, die Maßnahmen der Polizei seien "übertrieben und teilweise maßlos" gewesen. Der Kommentator spricht sich ausdrücklich für das studentische Demonstrationsrecht aus, beklagt aber, dass die friedfertigen Demonstranten nicht genügend täten, die Gewaltbereiten in den eigenen Reihe zu isolieren.

Am 8. Juni wird erneut die kopflose Taktik der Polizei kritisiert. Am 9. Juni wird auf mehr als einer halben Seite die Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus referiert, an der auch Außenminister Willy Brandt teilnahm. Titel: "Albertz warnt vor einem Missbrauch der Freiheit". Unterzeile: "Objektive Untersuchung der Zwischenfälle zugesagt - Die CDU übt harte Kritik". In dem Artikel: keine Spur von Stimmungsmache. Am 10. Juni steht auf Seite 4 ein großer Bericht über die Beerdigung Ohnesorgs in Hannover, der sich ein studentischer Kongress anschloss. Titel: "Ein Kongreß der Verbitterung". Der Ton ist durchaus wertend, Knut Nevermann (hier Kurt genant) und der Publizist Erich Kuby, der von einer "zynischen Aktion zur physischen Ausrottung" der Studenten sprach, kommen schlecht weg - gelobt wird dagegen die Rede des linken Juristen Ullrich Preuß "über gesellschaftspolitisches Verhalten in der Bundesrepublik".

Nichts an all dem entspricht dem Bild, das sich ein Teil der Öffentlichkeit von der "hetzerischen Springer-Presse" gemacht hat. Es gab in Springer-Publikationen Entgleisungen und den Geist der Freiheit. Und es gab gute Gründe, in den Protesten der Studenten anderes als den demokratischen Gründungsakt der Republik zu sehen.