Koalitionen werden, anders als Ehen, nicht im Himmel geschlossen und auch nicht in der Hölle, sondern irgendwo dazwischen. Man kommt zusammen, weil die Wähler die absolute Mehrheit verweigert haben, und man geht wieder auseinander, ohne Tränen.
Die Partner in Berlin sind damit vertraut. Union und FDP setzen mit der dritten schwarz-gelben Koalition im Bundestag eine politische Tradition fort, die 1949 begründet wurde. So hat Konrad Adenauer geherrscht, mit Ausnahme der Jahre seiner absoluten Unionsmehrheit 1957 bis 1961, und so hat Helmut Kohl regiert – acht Jahre vor der Einheit und acht Jahre in ihr.
Was hat das Mitte-Rechts-Bündnis stabilisiert? Die „Suche nach Sicherheit“, wie der junge Historiker Eckart Conze jüngst zutreffend eine Gesamtdarstellung der Bundesrepublik Deutschland betitelt hat. So war es. Adenauers Wahlslogan von 1957, der ihm die absolute Mehrheit – und das Misstrauen der FDP – einbrachte, lautete: „Keine Experimente!“. Knapper ließ sich der Zeitgeist nicht fassen. Die Deutschen hatten zwei Weltkriege hinter sich. Wer weiterhin an der parlamentarischen Demokratie zweifelte, den überzeugte das Wirtschaftswunder.
„Soziale Marktwirtschaft“ war die Zauberformel des Wirtschaftsministers Professor Ludwig Erhard, der mit behäbiger Zigarre in der Hand lebenspraktische Maximen setzte, und des Wirtschafts-Staatssekretärs Professor Alfred Müller-Armack. Konrad Adenauer setzte als „Pater Patriae“ Westbindung und Ansehenserwerb vor die nationale Einheit und traf so die Grundstimmung.
Was aber Soziale Marktwirtschaft bedeutete – wie viel Markt, wie viel Sozial- und Wohlfahrtsstaat –, blieb klugerweise undefiniert. Zugleich begannen damit auch die Konflikte zwischen den Liberalen und dem linken Flügel der CDU/CSU – ein Konflikt, der bis heute andauert.
Die FDP wollte mehr Markt und warnte zusammen mit Ludwig Erhard und dem Bankier Robert Pferdmenges aus Köln vor der Dynamik der Rentenformel. Der linke Flügel der Union im Rheinland und in Bayern – auch „Herz-Jesu-Sozialisten“ genannt – bevorzugte eine Mischung aus weniger Marktwirtschaft und mehr Sozialpolitik.
Ausgerechnet die FDP schwenkte dann aber zur SPD – zuerst 1966 in Nordrhein-Westfalen, dem industriellen Honigtopf an Rhein und Ruhr, und dann 1969 im Bund. Die Koalition mit den Sozialdemokraten hatte ihre Ursache nicht nur im Drängen jüngerer Generationen gegen die Macht der Gründerväter, sondern auch in missionarischem Überschwang und der Gewissheit, die Sozialdemokraten des Godesberger Programms auf Dauer zur Marktwirtschaft zu bekehren.
Als dann die Ölpreiskrisen kamen und mit ihnen neue Verteilungskämpfe, als die Liberalen sich von einem Bündnis aus SPD und Gewerkschaften erpresst fühlten, war das schwärmerische Projekt zu Ende. Es begann ein grauer Ehealltag, in dem man sich immer weniger zu sagen hatte. 1982 war es damit vorbei. Die Liberalen vollzogen erneut die Wende.
Sie nutzten dabei eine Rolle als Mehrheitsbeschaffer und vermieden einen Fehler, den in ähnlicher Lage nach dem Ersten Weltkrieg Gustav Stresemann vergeblich zu vermeiden versucht hatte. Ihm, dem Anführer der Nationalliberalen, folgten die Linksliberalen nicht. Geblendet durch die Wahlergebnisse zur Nationalversammlung 1919, setzten die Linksliberalen auf das Bündnis mit den staatstragenden Sozialdemokraten und der katholischen Deutschen Zentrumspartei, statt auf Stresemann. Linke wie rechte Liberale zerrieben sich und waren am Ende kaum noch da. In der Weltwirtschaftskrise und vor dem Ansturm der Totalitären half ihnen die stolze Erinnerung an die Deutsche Fortschrittspartei der preußischen Kampfzeiten so wenig wie an die nationalliberalen Triumphe im Bündnis mit Bismarck.
1945 setzte Konrad Adenauer wie die FDP auf eine bürgerliche Sammlung, allerdings mit deutlicher Akzentverlagerung gegenüber den Liberalen. Inspiriert durch den Widerstand gegen die NS-Diktatur, sollte das Christlich-Abendländische die Verbindung stiften, zum anderen der Sozialkatholizismus der Kirche und der christlichen Gewerkschaften, namentlich im Rheinland, der Partei Breite geben. Später hat Helmut Kohl als Kanzler es stets abgelehnt, die CDU als konservative, gar rechte Partei zu verorten. Er war die Mitte der Politik, ja der Republik. Die FDP konnte mit ihm regieren, ohne zerrieben zu werden.
Der 9. November 1989 war der Wendepunkt des Weltsystems. Das galt nicht nur für den Kalten Krieg. Es galt auch für alle Institutionen, eingeschlossen die politischen Parteien, die davon geprägt waren. „Nichts mehr ist, wie es vordem gewesen“ – so überschrieb Willy Brandt damals den Nachtrag zu seinen Erinnerungen. Angela Merkel hat am 27. September als Kanzlerin gesiegt und als Parteivorsitzende verloren.
Das Ergebnis war nicht Zufall, sondern kam aus den Tiefen einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft. Wohin aber dieser Umbruch führt und wer ihm Gestalt gibt, mitten in der Wirtschafts- und Finanzkrise und am Rande einer Sozial- und Konsenskrise – die Antwort entscheidet auch darüber, ob das deutsche Parteiensystem, wie es jetzt geworden ist, nur viel Vergangenheit hat, oder auch Zukunft.





