Trauerfeier

Mit "Teddy" ging der letzte Große der Kennedys

Drei Tage lang nahm Amerika von Senator Edward Kennedy Abschied. Präsident Barack Obama würdigte ihn bei der abschließenden Trauerfeier in Boston als den "größten Parlamentarier unserer Zeit", als einen "glücklichen Krieger". Mit "Teddy" ging der letzte Große der Kennedy-Dynastie.

Foto: AFP

Präsident Barack Obama hat beim Trauergottesdienst für Edward Kennedy in Boston den verstorbenen Senator als „größten Parlamentarier unserer Zeit“ gerühmt. Obama würdigte den letzten der drei Kennedy-Brüder als „glücklichen Krieger“, der durch alle Triumphe und Tragödien nie in Selbstmitleid verfallen sei, Freunden und selbst Unbekannten in Not stets half und tröstete und die Freundschaft seiner politischen Gegner gesucht habe.

Der amerikanische Präsident sprach vor 1500 geladenen Gästen an einem von Stürmen heimgesuchten Tag. „Die größten Erwartungen wurden an ihn gestellt als der, der er war“, sagte Obama, „aber er übertraf sie alle als der, der er wurde.“

Der Trauergottesdienst am Samstag warf unvermutet ein Licht auf die bescheidene „Basilica of Our Lady of Perpetual Help“ im Bostoner Stadtteil Mission Hill. Dorthin hatte sich Ted Kennedy oft zum Gebet geflüchtet, als 2003 seine Tochter Kara in einem nahegelegenen Krankenhaus wegen Krebs behandelt wurde. Jahre später erbat der kranke Senator dort für sich selbst Gottes Gnade.

Eilig war der aufgerissene Bürgersteig vor der Kirche ausgebessert, ein Haus nebenan gestrichen worden. Der Cellist Yo-Yo Ma, der auch bei der Inauguration Barack Obamas gespielt hatte, und der Tenor Placido Domingo erwiesen dem Toten ihre Reverenz. Hollywood entsandte Jack Nicholson, nur fünf Jahre jünger als Kennedy; er irrte etwas orientierungslos durch die VIP-Trauergemeinde.

George W. Bush vertrat seinen Klan; der ältere Bush war zu gebrechlich, um sich die 130 Kilometer Autofahrt nach Boston von dem Familiensitz in Kennebunkport zuzumuten. Jimmy Carter und Bill Clinton vervollständigten den exklusivsten Veteranenklub der Welt. Al Gore und Arnold Schwarzenegger waren da, im Grunde fielen nur jene auf, die fehlten. Man wartete auf den Präsidenten, den Ted Kennedy zu seinem politischen Nachfolger ausgerufen hatte.

Den hohen Standard für historische Leichenreden hatte Edward Kennedy an einem Junitag 1968 in der New Yorker St. Patricks Kathedrale selbst gesetzt. „Man muss meinen Bruder (Robert) nicht idealisieren oder im Tod erhöhen über das hinaus, was er im Leben war. Sondern seiner einfach gedenken als eines guten und anständigen Mannes, der Unrecht sah und es richten wollte, der Leid sah und es heilen wollte, der einen Krieg sah und ihn beenden wollte.“

Man muss kein Wort von dieser noblen Kadenz streichen, um sie auf Teds Leben zu übertragen. Auch in letzten Gesten war der Senator kaum zu übertreffen. Es ist kaum bekannt und erst recht unvergessen, wie er 1995 am offenen Grab Itzhak Rabins stand, in der Hand eine Tüte mit Erde von den Gräbern seiner Brüder in Arlington. Er wollte diese geweihte Erde der Witwe Rabins geben. Schließlich verteilte er sie auf dem Grab, als alle Trauergäste und Fotografen gegangen waren.

Mehr als 50.000 Bostoner Bürger hatten am Donnerstag in Sonne und am Freitag in den Schauern eines Sturmtiefs angestanden, um ihren Senator noch einmal zu sehen. Sie defillierten am geschlossenen Sarg vorbei, nicht wenige weinten. Die Witwe Kennedys, Victoria, und andere Verwandte liessen es sich nehmen, an der langen Warteschlange entlangzuschreiten und Trauernden für ihr Kommen zu danken. Während am Sarg Tränen flossen, ehrten Freunde und Familienmitglieder den Verstorbenen am Abend mit Gelächter und wurden von Victoria umso herzlicher umarmt.

In einer „Lebensfeier“ überboten Senatoren der Demokraten und der Republikaner einander mit Anekdoten, die ihre Freundschaft und den nicht selten wüsten Humor Edward Kennedys illustrierten. Chris Dodd, sein engster Freund und wohl auch Nachfolger im Vorsitz des Gesundheitsausschusses, gab eine Ahnung davon, als er behauptete, dass „die Todesanzeigen der Sportteil der Iren sind. Jeder Ire träumt davon, seiner eigenen Leichenrede lauschen zu können.“

John Kerry, der 25 Jahre lang der zweite Senator von Massachusetts an Teds Seite war, schwor, zu Ehren Kennedys die Gesundheitsreform zu schaffen. Für Kerry überragte Ted, schon weil er alt werden konnte, seine beiden Brüder: 1000 Tage im Weissen Haus für John, 80 Tage im Präsidentschaftswahlkampf für Robert – „mehr als 17.000 Tage für Teddy.“ John McCain und Orrin Hatch erinnerten sich an ihre öffentlichen Redeschlachten mit Kennedy („Ich liebte jede Minute“) und an ihre tiefe Freundschaft mit einem warmherzigen, mitfühlenden, sie und die Welt umarmenden Mann.

„Na, wie war ich?“, pflegte Kennedy seine Widersacher nach solchen Duellen zu fragen. Die Lust am rhetorischen Schlagbatausch nahm pubertäre Züge an, wie McCain überlieferte, als die beiden den Streit von zwei jüngeren Kollegen im Senat aus reiner Langeweile zu einem Scheinduell umfunktionierten und so wild aufeinander einhieben, dass die Jüngeren erschrocken aus der Kammer flüchteten. Danach lachten sie gemeinsam über die Naivität der Lehrlinge. Kennedys Lachen, „das Tote erwecken konnte“ (McCain), war ein Leitmotiv der Erinnerungen. Es tut jedenfalls wohl zu wissen, wieviel Show im US-Kongress im Spiel ist.

An die Grenze des Peinlichen, die bei der Darbietung von Anekdoten besonders leicht zu überschreiten ist, geriet allein Joseph Kennedy II, ein Sohn Robert Kennedys und Kongressabgeordneter. Er wollte, wie nach ihm Johns Tochter Caroline, den Ziehvater „Onkel Teddy“ stellvertretennd für die dreizehn Kinder seiner Brüder ehren. Stattdessen verwirrte er sich in nicht enden wollenden Histörchen, die Reichtum und Verwöhntheit der Familie unangenehm betonten.

Noch am Freitag hatte ein weisser Stab die Stelle zwischen den beiden Ahornbäumen markiert, etwa 30 Meter südlich von Roberts Grab, wo Edward Moore Kennedys seine letzte Ruhestätte finden sollte. Ein Begräbnis mit militärischen Ehren, die nur Gedienten zuteil werden, nämlich einem Gewehrsalut und dem Trompetensignal „Taps“. Ob General oder Gefreiter, die Zeremonie macht keine Rangunterschiede. Unter den Soldaten der Ehrengarde war einer, der dem Senator einen persönlichen Dank abstatten wollte. „Ich komme aus einer armen Familie“, erklärte er, „und als meine Mutter schwer krank wurde, schrieben wir einen Bittbrief an Senator Kennedy. Er sorgte dafür, dass sie alle nötigen Behandlungen erhielt.“

Präsident John F. Kennedy stieg im April 1963, sieben Monate vor seinem Tod, auf den Hügel zum Haus des tragischen Südstaatengenerals Robert E. Lee. Er schaute über die Gräber und Monumente. So schön sei es hier, sagte Kennedy, dass er den Rest seines Lebens hier leben wollte.