Terrorabwehr

Auch Deutschland hat Feinde

Trügerische Sicherheit macht nachlässig. Jetzt haben die vereitelten Paketbomben-Anschläge wieder wach gerüttelt – zu Recht. Torsten Krauel über den politischen Umgang mit der Bedrohung durch Terroristen. Ein Kommentar.

Alarmismus, da hat Innenminister Thomas de Maizière recht, stumpft ab. Trügerische Sicherheit aber macht nachlässig, und trügerische Sicherheit hat die Bundesregierung verbreitet. Wir seien nicht konkret bedroht, und deshalb rede man nicht dauernd von hypothetischen Gefahren, so ungefähr klang das. Wer so redet, zerstört aber eine gewisse Wachsamkeit, die nötig ist, damit scheinbar nebensächliche Details überhaupt im Hinterkopf Alarm auslösen. Wie sonst wäre es erklärbar, dass eine Paketbombe aus Griechenland bis ins Kanzleramt gelangen konnte? Warum sonst glaubte man im Innenministerium so hartnäckig, der Frachtflug-Bombenfund sei ein Fehlalarm gewesen?

Weil manche, so unangenehm es klingen mag, sich nicht mehr bedroht genug fühlten. Weil manche nicht mehr auf professionelle Art paranoid genug dachten. Fehlalarme scheinen neun Jahre nach dem 11. September 2001 realistischer zu sein als ein echter Angriff. „Ich werde dafür bezahlt, misstrauisch zu sein, wenn es scheinbar keinen Anlass zu Misstrauen gibt“, lässt der US-Erfolgsautor John Grisham eine seiner Romangestalten sagen. Grundloses Misstrauen als Staatspolitik ist gefährlich, aber Argwohn gegenüber scheinbarem Frieden ist für erfolgreiche Sicherheitschecks eine Grundvoraussetzung. In der Luftfrachtbranche und bei der Paketpost hat in der vergangenen Woche solcher Argwohn womöglich gefehlt. Die Bundesregierung hat das Routinedenken mit Beruhigungsrhetorik gefördert.

Wenn der saudische Geheimdienst nicht den entscheidenden Tipp gegeben hätte, hätte der al-Qaida-Angriff aus dem Jemen funktioniert. Wenn die griechische Paketbombe so raffiniert konstruiert gewesen wäre wie die Frachtflugbomben aus dem Jemen, hätte es im Bundeskanzleramt Tote gegeben. Der Fünf-Punkte-Katalog zur Luftfrachtsicherheit, den Thomas de Maizière nun in Brüssel unterbreitet hat, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Er wird aber wirkungslos bleiben, wenn die Kontrolleure und Abfertiger und alle diejenigen, die zur Sicherheit sonst noch beitragen können, weiterhin im Glauben gehalten werden, uns im friedlichen Deutschland könne nicht wirklich etwas geschehen. Das betrifft wiederum auch die Politik. Diskussionen über die Gefahren, die von Google oder anderen kommerziellen Internet-Netzwerken drohen könnten, mögen alltagsnäher sein als die Situation im Jemen. Sie haben aber zugleich etwas Surreales an sich angesichts der tatsächlichen Gefahr, die vom terroristischen Al-Qaida-Netzwerk ausgeht.

Wir sind eines der wichtigsten logistischen Drehkreuze der Weltwirtschaft und auch des Kampfes gegen den Terrorismus. Wir haben Feinde. Als die Regierung Bush den frisch zum amerikanischen Präsidenten gewählten Barack Obama erstmals über das ganze Ausmaß der Bedrohung in Kenntnis setzte, sagte Obama anschließend zu seinen Vertrauten: „Ich habe gerade gelernt, dass die Welt jede Minute auf mindestens ein halbes Dutzend Weisen in die Luft fliegen kann.“ Das ist die reale Lage. Sich dem zu stellen heißt nicht, die Demokratie infrage zu stellen. Sich dem zu stellen heißt nur, die Prioritäten wieder angemessen zu ordnen: Lieber achtsam sein als tot.

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