Bluttat in Pakistan

Christlicher Minister erwartete seine Taliban-Mörder

Shahbaz Bhatti kämpfte für die Liberalisierung Pakistans. Kurz bevor die Taliban ihn ermordeten, ahnte er: "Ich bin der Nächste auf ihrer Todesliste."

„Shahbaz Bhatti muss sterben!“, hetzten Pakistans islamistische Fanatiker seit Monaten, „Tötet Shahbaz Bhatti!“ Nun ist der mutige Minister für religiöse Minderheiten tot.

Niedergeschossen auf offener Straße in Islamabad. Er, selbst ein Katholik und der einzige Christ in Pakistans Kabinett, hatte sich immer wieder entschlossen gegen das harsche Blasphemiegesetz des Landes ausgesprochen. Auch dann noch, als die Taliban und extremistische Kleriker eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, mit einem Todesurteil gegen ihn vorgelegt hatten. „Ich bin der Nächste auf ihrer Todesliste“, sagte der 42-Jährige kürzlich. Er hat recht behalten.

Shahbaz Bhatti war auf dem Weg zur Arbeit in Pakistans Hauptstadt. Er hatte gerade das Haus seiner Mutter in einer Vorstadt Islamabads verlassen, als am Mittwoch um 10.30 Uhr drei unbekannte Männer das Feuer auf sein Auto eröffneten. Zwei der Männer, so ein Augenzeuge, öffneten die Tür seines Toyota und versuchten, Bhatti aus dem Auto zu zerren. Gleichzeitig schoss der dritte mit seiner Kalaschnikow immer wieder in das Wageninnere.

Der Angriff dauerte nur etwa 30 Sekunden, dann flohen die Täter in einem wartenden weißen Suzuki Mehran. Als Minister Bhatti in das Shifa-Krankenhaus eingeliefert wurde, war er schon tot. Mindestens acht Kugeln, so die Polizei, trafen ihn.

"Schutz kann nur vom Himmel kommen"

Warum der Politiker keine Leibwächter bei sich hatte, war zunächst nicht bekannt. Angeblich hatte er seinen vier Sicherheitskräften aufgetragen, im Büro auf ihn zu warten. Die Behören ermitteln in der Frage. Allerdings hatte Bhatti schon vor einer Weile öffentlich erklärt, dass er den Bodyguards nicht traue: „Ich glaube, dass Schutz nur vom Himmel kommen kann“, hatte er gesagt. Trotz der Drohung der Mullahs, ihn zu enthaupten, hatte er darauf bestanden weiterzuarbeiten, als gäbe es keine Gefahr. „Wir müssen uns diesen terroristischen Kräften widersetzen“, hatte er noch im Januar erklärt, „denn sie bedrohen unser ganzes Land.“

Clement Shahbaz Bhatti stammt aus einer katholischen Familie in Kushpur in der Provinz Punjab. Sein Vater Jacob war nach einer Militärlaufbahn Lehrer geworden, später dann der Vorsitzende der Kirchengemeinden von Kushpur. Bhatti ist eines der Gründungsmitglieder der christlich inspirierten Organisation All Pakistan Minorities Alliance (Apma), die sich seit 1985 für soziale Gerechtigkeit, Religionsfreiheit und Menschenrechte einsetzt

Der Junggeselle war 2002 der Pakistanischen Volkspartei (PPP) beigetreten und wurde ein enger Vertrauter der 2007 ermordeten Premierministerin Benazir Bhutto. Seit Beginn seiner politischen Karriere rief Bhatti die verschiedenen Minderheiten auf, innerhalb des politischen Systems für ihre Rechte zu kämpfen anstatt durch Gewalt.

Taliban: "Dieser Mann war ein bekannter Gotteslästerer"

Für seinen Einsatz erhielt er mehrere internationale Auszeichnungen. Er galt als Liberaler und Patriot – als einer, der sein Land mehr liebte als sein Leben. Am Tatort fand man Pamphlete der pakistanischen Taliban: hasserfüllte Warnungen an alle, die sich gegen das Blasphemiegesetz stellen. Später bekannte sich die Terrorgruppe Tehrik-i-Taliban zu der Tat: „Dieser Mann war ein bekannter Gotteslästerer“, so ein Sprecher, „wir werden weiter gegen alle Gegner des Gesetzes vorgehen, das jene bestraft, die den Propheten beleidigen.“

Bhatti ist der zweite prominente Politiker, dem die Forderung nach einer Reform des Gesetzes zum Verhängnis wurde. Anfang Januar starb Gouverneur Salman Taseer durch Schüsse, die sein eigener Leibwächter auf ihn abgab. Auch Taseer hatte sich für eine Abmilderung des Gesetzes ausgesprochen. Sein Mörder war von Radikalen überall in Pakistan wie ein Held gefeiert worden.

Der Streit über das Gesetz spaltet seit November 2010 die Atommacht Pakistan. Damals war eine Christin, Asia Bibi, in der Provinz Punjab zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Sie hatte angeblich während eines Wasserstreites mit muslimischen Dorfbewohnerinnen den Propheten Mohammed beleidigt, doch das hat sie stets abgestritten. Bisher ist noch niemand wegen des Gesetzes hingerichtet worden. Allerdings wurden bereits über 30 Angeklagte in Lynchjustiz von tobenden Fanatikern ermordet.

Christliche Minderheit lebt in ständiger Angst

Die Situation für die Christen im Land – sie machen nur etwa 1,5 Prozent der 185 Millionen Pakistaner aus – wird immer schwieriger. „Die christliche Gemeinde lebt hier sowieso schon in ständiger Furcht“, sagt der pakistanische Christ Martin Fernandes aus Karatschi. „Und dann passiert so etwas. Niemand wagt es, laut darüber zu reden, denn jeder könnte zum nächsten Ziel werden.“ Dieses Gefühl begleitet tatsächlich Menschen in ganz Pakistan ständig.

„Wir haben Angst“, sagt auch die katholische Grundschullehrerin Shirley Kanson Dean aus Karatschi. „Jetzt haben sie wieder zugeschlagen, und bald werden sie womöglich gegen die Kirchen vorgehen. Wenn wir die Möglichkeit bekommen, dann gehen wir. Niemand ist in diesem Land seines Lebens sicher.“

Die Nächste auf der Todesliste der Extremisten könnte die Abgeordnete Sherry Rehman sein. Sie hatte sich im Parlament dafür eingesetzt, das Blasphemiegesetz zu reformieren und damit Missbrauch einzuschränken. Außerdem forderte sie die Abschaffung der Todesstrafe bei Blasphemiefällen. Gouverneur Taseer und Minderheitsminister Bhatti hatten diese Eingabe offen unterstützt und dafür mit ihrem Leben bezahlt.

Die Regierung hatte sich dem von den Islamisten entfachten Widerstand gebeugt und sich gegen die Reformen ausgesprochen. Sherry Rehman wurde vom Premierminister Gilani selbst ausgebremst. Seitdem erhält sie nach eigenen Aussagen alle 30 Minuten Todesdrohungen per Telefon oder E-Mail. Sie ist offenbar im Nachbarland Indien abgetaucht.

Die schwache Regierung sieht machtlos zu, wie die Islamisten immer mehr Einfluss gewinnen und die Bevölkerung mit ihren Hetzreden anstacheln. Nicht einmal nach dem Mord an Gouverneur Taseer hat die Führung unter der PPP durchgegriffen. Stattdessen kuscht sie vor den lautstarken Parolen der Mullahs – und untergräbt damit ihre Macht noch weiter.

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