„Die Taifune werden schlimmer“, sagt Foo Onn Fah und blickt nachdenklich aus dem Fenster des Hochhauses in den Dunst über Hongkongs Hafen, „es regnet stärker.“ Nicht nur der Chef der Neonlite Electronic & Lightning LTD, die unter der Marke Megaman Energiesparlampen herstellt, erkennt Folgen des Klimawandels auch im boomenden Süden Chinas. „Wir leiden unter Naturkatastrophen, und die Leute glauben, dass es dafür einen Grund gibt“, sagt der Unternehmer. Es habe sich viel verändert. Das bevölkerungsreichste Land der Erde denkt um beim Klimaschutz – und setzt dabei auch auf praktischen Rat aus Berlin.

Das zeigt sich in dieser Woche bei einem Workshop des Metropolennetzwerks C.40 in Hongkong. Der Vorsitzende des C-40-Netzwerks, der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, spricht zu Beginn mahnende Worte über die „Herausforderung des Klimawandels“. „Die Nationen reden, die Städte handeln“, fasst Bloomberg die Vorteile der Kommunalpolitik gegenüber den Staatsmännern zusammen. Die Gastgeber aus China hören jedoch auch sehr interessiert zu, als deutsche Experten erklären, wie die Hauptstadt bei der energetischen Sanierung von Bestandsgebäuden vorgeht. „In Berlin wird unterschätzt, dass wir aus internationaler Sicht nicht nur in Kultur und Unterhaltung, sondern auch in neuen Technologien und Klimaschutz eine wichtige Rolle spielen“, sagt Hilmar von Lojewski, neuer Abteilungsleiter der Stadtentwicklungsverwaltung, am Rande der Konferenz.

Inhaltlich seien die Amerikaner keineswegs besser als Berlin, so die Einschätzung des Beamten und ehemaligen Entwicklungshelfers. „Wir müssen aber an unserer Selbstdarstellung arbeiten und es schaffen, Berlin zum Referenzbeispiel zu machen.“ Es gehe nicht nur um Pilotprojekte, lautet die Botschaft des Berliner Spitzenbeamten. Energieeffizienz müsse als Priorität in die Verwaltungsroutine einziehen, sagt Lojewski den Zuhörern. Nur so sei es möglich gewesen, in Berlin innerhalb weniger Monate 100 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket für die energetische Sanierung öffentlicher Gebäude auszugeben. Diese Anstrengung gelte es nun nach Auslaufen des Subventionsprogramms fortzusetzen, um an der Spitze der Bewegung zu bleiben.

Hebelwirkung der Vorbildfunktion

Denn allen C-40-Städten bereitet der Gebäudebestand die meisten Sorgen. Für neue Häuser, die Entwickler in Hongkong vor allem nach der überwundenen Finanzkrise wieder überall hochziehen, sind relativ strikte Energiestandards vorgesehen. Auch für die 15.000 Sozialwohnungen, die die städtische Hongkong Housing Authority jedes Jahr neu errichtet, werden Einsparungen von vornherein geplant. Noch keinen richtigen Hebel haben die Hongkonger wie die meisten anderen Städte jedoch für die klimaschonende Sanierung von Wohnhäusern, Amtsgebäuden, Ladenzeilen und Fabriken gefunden. „Wir verfolgen sehr genau, was im Westen und in Deutschland mit den Standards für energieeffiziente Gebäude passiert“, heißt es aus der Hongkonger Umweltbehörde.

Die Hebelwirkung einer solchen Vorbildfunktion der Hauptstadt des in China hoch angesehenen Deutschlands kann immense Folgen für den weltweiten Klimaschutz haben. Schließlich produzieren allein die Mitgliedstädte des C-40-Bündnisses ein Fünftel der Weltwirtschaftsleistung und stoßen ein Sechstel des Kohlendioxids (CO2) aus.

Darum geht es bei der ersten C-40-Konferenz auf chinesischem Boden nicht nur um Hongkong mit seinen sieben Millionen Einwohnern. Im Gefolge der Sonderverwaltungszone machen sich viele chinesische Megastädte des Hinterlands auf, ihr auf dem Verbrennen billiger Kohle basierendes Wirtschaften zu überdenken. 120 Funktionäre vom Festland sind zum „Klimadialog“ nach Hongkong gekommen. Der Eigennutz ist dabei offenkundig: Von den 20 Städten weltweit mit der schlimmsten Luftverschmutzung liegen 16 in China. Und eine Dreiviertelmillion Todesfälle pro Jahr werden in der Volksrepublik auf Smog zurückgeführt.

Wenn die Welt nun vom 29..November an im mexikanischen Badeort Cancún zum Klimagipfel 2010 zusammenkommt, um erneut über Höchstgrenzen des CO2-Ausstoßes zu verhandeln, wird China zwar aus der Sicht vieler Klimaaktivisten wieder in der Schmuddelecke stehen. Verbindliche Emissionsobergrenzen werden die Herren aus Peking aber nicht zulassen. Das haben sie den Abgesandten der EU schon freundlich, aber bestimmt wissen lassen. Diese politische Abwehrhaltung gegen die in Deutschland besonders populäre Forderung nach verbindlichen nationalen CO2-Obergrenzen bedeutet jedoch nicht, dass sich in China nichts täte in Sachen Klimaschutz.

Im wohlhabenden Hongkong sind immer mehr Menschen in der Geschäftswelt bereit, für gesündere Umwelt auf schnellen Profit zu verzichten: „Wir müssen uns nur fragen, wie viel wir für die Gesundheit unserer Enkel ausgeben würden“, sagt Georg Hongchoy, Chef eines Immobilieninvestors, der viele glitzernde Einkaufstempel betreibt. Längst haben Geschäftsleute aus der früheren britischen Kronkolonie auch erkannt, dass Energieeffizienz in Shoppingmalls, Wolkenkratzern und Fabriken bares Geld bedeutet. Denn die Festbeleuchtung der Skyline von Hongkong Island, die allabendlich Touristen verzückt, ist auch ein teures Spektakel.

Für Hongkong selbst geht es in Sachen Klimaschutz nun vor allem darum, die Hochhäuser und anderen Gebäude der Stadt energieeffizienter zu machen, die zusammen 90 Prozent der Energie verbrauchen, vor allem für Klimaanlagen, Licht und Aufzüge. Dass die Stadt zudem auf Elektroautos setzt und gerade die ersten zehn E-Mitsubishis für die Verwaltung angeschafft hat, ist eher der Versuch, auch in diesem Zukunftsmarkt dabei zu sein.

Im Fokus stehen Gebäude. „Interessante Beispiele aus Berlin“, nennen Zuhörer das, was sie von Michael Geißler dazu hören. Der Chef der halbstaatlichen Berliner Energieagentur stellt in einem Saal des für Veranstaltungen mit bis zu 30.000 Teilnehmern ausgelegten Kongresszentrums am Hafen Instrumente vor, die Berlin zur Gebäudesanierung nutzt, etwa das seit Jahren erprobte Modell der Energiesparpartnerschaften. Private Investoren bezahlen neue Heizungen und Steuerungssysteme, die eingesparten Energiekosten teilen sich der Partner und die öffentliche Hand. Für warme Regionen wie Hongkong sei eine auf Kältegewinnung ausgelegte Version der in Berlin verbreiteten Kraft-Wärme-Kopplung aus dezentralen Anlagen zu empfehlen, ergänzt durch Solaranlagen für Strom und Wasser. 1300 Gebäude mit einem solchen Vertrag gibt es in der Stadt, der Steuerzahler spart 2,7 Millionen Euro Energiekosten, der Atmosphäre wurden seit 1996 um 450.000 Tonnen CO2 erspart.

Chinesische Lampen in alle Welt

Der Vorteil dieses Modells ist den Asiaten leicht verständlich zu machen: „Sie müssen nur den Eigentümer überzeugen und können anfangen, ohne auch noch die Mieter mit ins Boot zu bekommen“, sagt Geißler. Man könne also anfangen und Kosten sparen, ohne dass lange Verhandlungen mit vielen Beteiligten über die Verteilung der Investitionskosten nötig seien. Eine angenehme Botschaft im wirtschaftsorientierten Hongkong. Denn in der früheren britischen Kolonie, die auch unter Pekinger Oberherrschaft nach Singapur über die freieste Wirtschaftsordnung der Welt verfügt, setzt man von jeher auf den Marktmechanismus. Längst haben die Chinesen auch die Regel umgekehrt, dass ökologisch anspruchsvolle Technologie aus dem Westen ins Land kommt und Billigwaren es verlassen.

Im Showroom des Lampenherstellers Megaman im 31..Stock eines Hochhauses in Kwun Tong gegenüber von Hongkong Island präsentieren die PR-Damen des Hauses Lichttechnik der jüngsten Generation, die 5000 Mitarbeiter in einer Fabrik auf dem Festland herstellen. Vor zwei Jahren hat die Firma neue LED-Leuchten entwickelt, die 80 Prozent weniger Strom verbrauchen als Halogenstrahler. Dass auch sparsame Lampen angenehmes Licht verbreiten können, demonstrieren sie in dezent ausgeleuchteten nachgebauten Läden, einer Bar und einer Galerie.

Im professionellen Einsatz in den vielen Einkaufszentren und Kunstwelten der Bankentürme sei die Investition in die hochpreisigen Lampen besonders lohnend, heißt es in der Firma, deren Produkte in jedem deutschen Baumarkt zu finden sind. „Die Investition rechnet sich in zwei Jahren“, sagt Foo Onn Fah. Die Betreiber der Immobilien verstünden das, sagt der Elektroingenieur, der aus Singapur nach Hongkong kam. Wenn es heute um Beleuchtung gehe, sei Energieeffizienz das wichtigste Entscheidungskriterium geworden. „Und wenn die Energiepreise weiter steigen, wird das natürlich noch wichtiger“, sagt der Megaman-Gründer.

Die Komponenten für die Neuentwicklungen kommen aus der ganzen Welt. Chips aus den USA, Software aus Italien, Reflektoren aus China. „Das ist Globalisierung“, sagt Foo, der sich im Gespräch als großer Freund Berlins und der Berliner Weiße herausstellt. Vielleicht, meint er, sollte die Firma ihr Verkäufertreffen das nächste Mal in Berlin abhalten. Dass das Geschäft einbrechen könnte, ist für den Unternehmer undenkbar. Energieeffiziente Produkte seien die Zukunft. „Wir wollen doch alle Mutter Erde noch lange nutzen“, sagt der Unternehmer – und klingt wieder wie ein Umweltaktivist.